Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1235.

Manchmal hat „Erinnerungskultur“ weder mit Erinnerung noch mit Kultur zu tun

Die Arbeit hat sich zum Ziel gesetzt, tschechische und deutsche Geschichtsbücher von 1950 bis 2004 darauf zu prüfen, wie das Thema Vertreibung der Deutschen behandelt wird. Zeitlich gliedert sich die Untersuchung auf die Spannen von 1950 bis 1989 und von 1990 bis 2004, der aktuelle Stand wird also referiert. Insgesamt werden 119 Lehrbücher ausgewertet, 13 aus der DDR  bis 1989, 70 aus der „alten“ und „neuen“ Bundesrepublik Deutschland und 36 aus der CSSR/CSR. Wer Erfahrung in der Auswertung von Schulbüchern hat, kann anerkennend feststellen, daß dies eine erhebliche Leistung darstellt, die zudem für Deutschland ein durchaus repräsentatives Ergebnis bringt. Dafür bürgt auch die ausgewertete Literatur, die dem neuesten Stand entspricht.

Madlen Benthin begründet, warum ein Vergleich der Erinnerungskulturen am Beispiel von Geschichtsbüchern durchgeführt wird: Diese sind „Seismographen, die recht präzise Auskunft darüber geben, wie Vergangenheiten in den jeweiligen Gesellschaften politisch gewertet und beurteilt werden sollen“. Anders formuliert: Das Geschichtsbild der Erwachsenengeneration bestimmt auch die Darstellungsweise in Schulbüchern. Diese Erkenntnis haben wir in Deutschland am Beispiel der historischen Ostgebiete und der Oder-Neiße-Grenze hautnah erfahren. Es sollte allerdings hinzugefügt werden, daß von den Kultusministerien zugelassene Schulbücher, welche die Verlage ja verkaufen möchten, sich strikt an den Lehrplänen orientieren müssen, diese bilden also ein weiteres Feld zur Untersuchung und zum Vergleich von Erinnerungskulturen.

Der Zeitraum von 1950 bis 1989 bringt für die kommunistischen Staaten DDR und CSSR hinsichtlich des Themas Vertreibungen der Deutschen im Unterricht keine Neuigkeiten. Das Thema unterlag der strikten Sprachregelung durch die kommunistischen Parteien.

In der CSSR stand das offizielle Geschichtsbild unter dem Zeichen des „Odsun“ (Abschub), der Kollektivschuld der Deutschen bzw. Sudetendeutschen am Nationalsozialismus, des Traumas von München 1938, der nationalsozialistischen Besatzung, ethnischer Homogenisierungsbestrebungen sowie der Potsdamer Beschlüsse. Kaum einen Einfluß hatten Diskussionen in der Bürgerrechtsbewegung Charta 77 sowie Samisdat- und Exildebatten. Alle diese Punkte werden von der Autorin präzise und deutlich herausgearbeitet, sie vermitteln wichtige Informationen.

Für die DDR bleibt festzustellen, daß sie kein Vertriebenenproblem anerkannte, trotz ca. vier Millionen Heimatvertriebener; das waren „Umsiedler“, deren Integration bereits 1950 offiziell als abgeschlossen galt. Hier waren politische Rücksichten gegenüber der UdSSR und der Volksrepublik Polen das Hauptargument. Es muß hinzugefügt werden, daß sich die Vertriebenenproblematik bis zum Ende der DDR keineswegs so glatt lösen ließ, wie wir heute wissen.

Für die Bundesrepublik Deutschland bis 1989/90 ist die Behandlung des Vertreibungsthemas, wie die Autorin darstellt, vor den Hintergründen eines sich wandelnden Bildes von Deutschland sowie der Opfer- und Schuld-Debatte zu sehen. „Es bestimmten der Holocaust und das deutsche Schuldbekenntnis den nationalen Vergangenheitsdiskurs, wohingegen das Thema Vertreibung sukzessive marginalisiert wurde.“ Es muß hinzugefügt werden, daß auch die Kulturleistung und der historische Beitrag des deutschen Ostens zur deutschen und europäischen Geschichte – und das gilt für die Lehrwerke bis in unsere Gegenwart – nicht behandelt werden. Diese Lücke muß das aufzubauende „Zentrum gegen Vertreibungen“ schließen – das ist wirklich im Interesse der jetzigen und künftigen Generationen überfällig.

In der Zeitspanne von der Wende bis zur Gegenwart stellen die deutschen Schulbücher die Vertreibungen der Deutschen in den großen Zusammenhang von Migrationen, die es in der Geschichte zu allen Zeiten gegeben hat. Das geht natürlich auf Kosten der Verortung des deutschen Falles. Auch die Schuld- und Opferproblematik wird behandelt sowie die Schwierigkeiten bei der Integration. Jahrzehntelang war es eine Art Lehrmeinung, daß im Westen Deutschlands die Eingliederung von Millionen Vertriebenen und Flüchtlingen eine einzige Erfolgsstory war.

Fast alle Lehrwerke zeichnen sich weiter durch Arbeitsanweisungen und den Einsatz von häufig kontroversen Quellen aus. Diese Erweiterung fehlt in den tschechischen Lehrwerken. Hier konzentriert sich inhaltlich die Darstellung auf die Begriffe Odsun = Abschub und Vertreibung. Relativ wenig Wirkung zeigt die Entschuldigung Havels aus dem Jahre 1989, vielmehr wird auf die Rechtmäßigeit der einschlägigen Benes-Dekrete hingewiesen. Ohne Zweifel wird die Vertreibung (der Sudetendeutschen) heute in tschechischen Geschichtsbüchern offener und kritischer dargestellt, aber – und das ist die Erkenntnis, die aus dem Buch gezogen werden muß – es bleibt noch viel Arbeit für deutsch-tschechische Kommissionen, um gemeinsame Sprachregelungen für unterschiedliche Geschichtsbilder zu finden.

Es muß einschränkend hinzugefügt werden, daß Geschichtsbücher natürlich nichts über die Qualität der Lehrenden und die Intensität des Unterrichts aussagen, wie auch Erinnerungskulturen nicht nur am Beispiel Schule verglichen werden können. Dies wären Themen für weitere Untersuchungen. Es bleibt festzustellen, daß Madlen Benthin eine hervorragende und vertiefte Übersicht über den Untersuchungsgegenstand bietet, eine aktuelle Ergänzung zum Buch „Der historische deutsche Osten im Unterricht“ von Gauger,  das 2001 erschienen ist. Beachtlich ist dabei auch, daß Madlen Benthin ihr Buch als Staatsexamensarbeit geschrieben hat, ein wirklich seltener Fall, daß Vertriebenenproblematik so bearbeitet wird.

Die Vertreibung der Deutschen aus Ostmitteleuropa – Deutsche und tschechische Erinnerungskulturen im Vergleich. Eine Untersuchung von Madlen Benthin. Schriftenreihe des Georg-Eckert-Institutes in Braunschweig, Band 120, Verlag Hahnsche Buchhandlung,  Hannover 2007, 155 S.

Karlheinz Lau (KK)

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