Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1238.

Manchmal stiefmütterlich: deutsche Erinnerung

Karlheinz Lau hilft ihr in München mit einem Vortrag über das oft vernachlässigte Ostbrandenburg auf die Sprünge

Theodor Fontane hat auf seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ die Oder kaum überschritten. Er kam gerade einmal bis Küstrin, dessen Geschichte er ein gehaltvolles, lesenswertes Kapitel widmete, sowie bis Tamsel, wo Friedrich der Große die von ihm verehrte Frau von Wreech besucht hatte, und bis zum Schlachtfeld von Zorndorf, auf dem der friderizianischen Armee 1758 ein außerordentlich schweres Blutopfer abgefordert worden war, beides in der nächsten Nähe jener alten Festungsstadt. Auch damit mag es zusammenhängen, wenn man sich an Ostbrandenburg heute kaum mehr erinnert. Es war ein stilles Land, noch ganz von der Landwirtschaft geprägt, die mit oft nur mäßigem Boden auszukommen hatte, besetzt mit kleinen, nicht selten durch altehrwürdige Backsteinbauten geschmückten Städten und durch kleinere und größere Seen freundlich gestimmt. Man fuhr allenfalls mit dem Zug hindurch, von Berlin über Küstrin nach Ostpreußen, über Frankfurt nach Posen und von Breslau über Reppen und Küstrin nach Stettin und Swinemünde oder umgekehrt.

So war es besonders verdienstvoll, daß das Haus des Deutschen Ostens in München in seiner Veranstaltungsreihe „‚Warum wir hier sind?‘ Bayerns Bevölkerung stammt auch aus dem Osten“, die schon in das fünfte Jahr geht, nunmehr Ostbrandenburg und die Ostbrandenburger zum Thema machte. Mit Recht bemängelte der Referent Karlheinz Lau, Oberschulrat a.D. in Berlin, als gebürtiger Küstriner selbst ein Kind Ostbrandenburgs, daß, wenn die Vertreibungsgebiete aufgezählt würden, dieses fast regelmäßig fehle. Dabei habe das 1945 an Polen gefallene Gebiet etwa ein Drittel der 1816 aus der Mark Brandenburg hervorgegangenen Provinz Brandenburg ausgemacht.

Diese umfaßte im Jahre 1939 eine Fläche von 38305 Quadratkilometern, das 1946 gebildete Land Brandenburg hingegen nur noch 26976 Quadratkilometer. In dem abgetrennten Gebiet lebten nach der Volkszählung von 1939 644834 Menschen, fast ausnahmslos Deutsche. Anfang 1945 starben hier beim Einbruch der Sowjets etwa 257000 Menschen, das waren 41,7 Prozent der dort 1944 ansässigen Bevölkerung, eine Quote, die unter den Opferzahlen des deutschen Ostens in jener Zeit einzig dasteht. Den Überlebenden war die Flucht gelungen, oder sie wurden vertrieben bzw. nach dem Ende der Kampfhandlungen daran gehindert, in ihre Wohnorte zurückzukehren.

Es ist dies eine drastische Illustration zur Feststellung Laus, daß „das Jahr 1945 eine ganz große Zäsur in der deutschen Nationalgeschichte“ gewesen sei. Erst recht deutlich wird einem das, wenn man bedenkt, daß die Neumark bereits seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zu Brandenburg gehörte, dessen Geburtsstunde als Markgrafschaft nur knappe 150 Jahre früher geschlagen hatte. Lau machte darauf aufmerksam, daß die gebräuchliche Gleichsetzung der Neumark mit Ostbrandenburg problematisch sei. Er neige zu der Auffassung, daß die Neumark im Süden von der Warthe begrenzt werde, die von Osten her auf die Oder zufließt und bei Küstrin in diese mündet.

Tatsächlich handelt es sich dabei um die ursprüngliche oder eigentliche Neumark. Amtlich wurden aber bis zuletzt (also 1945) auch das südlich daran anschließende Sternberger Land (die Landkreise Ost- und Weststernberg) mit Frankfurt, das alte Fürstentum Crossen mit Züllichau und Sommerfeld, das Land Schwiebus und weiter noch im Süden, links der Neiße, die Herrschaft Cottbus dazugerechnet. Der östliche Teil der Niederlausitz mit Sorau (seit 1940 kreisfreie Stadt) hingegen gehörte nicht mehr dazu. Gleichwohl ist er heute, da die Neiße Staatsgrenze ist, zu Ostbrandenburg zu zählen. Desgleichen die Kreise Schwerin (Warthe) und Meseritz, die bis 1938 Preußens kleinster Provinz Grenzmark Posen-Westpreußen angehört hatten und mit deren Auflösung im selben Jahr an Brandenburg gefallen waren. Dafür hatte man die neumärkischen Kreise Arnswalde und Friedeberg an die Provinz Pommern abtreten müssen.

Zu Anfang der fünfziger Jahre lebten, wie Lau sagte, in Bayern etwa 13 500 Brandenburger. Bis Anfang der neunziger Jahre habe es auch einen Landesverband Bayern der Landsmannschaft Brandenburg gegeben. Diese sei heute, seit es ein Bundesland Brandenburg gebe, nur noch eine kleine Landsmannschaft mit nur vier Landesverbänden, in denen fast ausschließlich Ostbrandenburger mitarbeiteten. Lau verwies im Hinblick auf die landsmannschaftliche Arbeit nach 1990 vor allem auf das Landesmuseum im Haus Brandenburg in Fürstenwalde an der Spree, das auf der Grundlage von Spendensammlungen Wirklichkeit geworden sei.

Doch existierten die Landsmannschaften im herkömmlichen Sinne in zehn, zwanzig Jahren mit Sicherheit nicht mehr. Allerdings werde es immer Leute geben, die sich für den ehemals deutschen Osten interessieren. Da die Kenntnis davon bei uns aber nicht zum Normalwissen zähle, müsse man die Schulen und die Lehrpläne im Auge haben und Defizite auf diesem Gebiet abzustellen suchen. Zudem seien diese Menschen als Gesprächspartner polnischer Gelehrter gefragt, an denen es, wie diese beklagten, derzeit fehle. Dabei sei „das Wunder“ des heutigen deutsch-polnischen Verhältnisses schon „eine große Errungenschaft“.

Peter Mast (KK)

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