Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1298.

Märchenonkel, frei von Onkelhaftigkeit

Zum Tod des generationenübergreifenden Erzählers Josef Holub

Es war nur ein kurzer Nachruf in der Fellbacher Zeitung vom 12. Juli: „Der bekannte Jugendbuchautor Josef Holub aus Großerlach-Grab ist jetzt nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 83 Jahren gestorben.“ Welch einen Verlust sein Tod aber für die Literatur bedeutet, wird man erst später ermessen können.

Josef Holub wurde 1926 in Neuern/Nyrsko im Böhmerwald geboren. Nach der Volks- und Bürgerschule besuchte er die Lehrerbildungsanstalt in Prachatitz. Bis zur Währungsreform studierte er dann an der Lehrerbildungsanstalt in Schwabach und wurde später Briefträger, Schalterbeamter und Oberamtsrat bei der Post. Erst nach seiner Pensionierung im Jahre 1986 widmete er sich der Literatur:

Es ist durchaus gerechtfertigt, die überwältigende Rezeption seines ersten Buches, „Der rote Nepomuk“, als Glücksfall für die deutsche Literatur zu bezeichnen. Das Manuskript wurde schon in den 50er Jahren geschrieben und verschwand zunächst in der Schublade. Erst nach der Öffnung der Grenzen holte Holub den „Nepomuk“ wieder hervor, nahm einige Veränderungen vor und reichte das Manuskript beim renommierten Verlag Beltz & Gelberg ein. Aus über 100 Einsendungen wählte es die Jury zum Peter-Härtling-Preis aus, das Buch wurde als Glücksfund eines einzigartigen Erzähltalents bezeichnet und 1993 publiziert. Auf der Rückseite des Buches ist ein Auszug aus der Begründung der Jury abgedruckt:

„Diese Geschichte ist prall voll Zeitgeschehen. Es ist ein Buch gegen den Krieg und für ein friedliches Zusammenleben. Und alles wird warmherzig auf unvergessliche Art erzählt. In diesem Roman finden sich Humor und tiefe Menschlichkeit. Das Buch könnte für Kinder von richtungsgebender Bedeutung sein.“ Im Grunde genommen ist es auch das Motto aller Romane von Josef Holub. Auffällig war auch die rundum positive Aufnahme des Romans in der deutschen Presse.

Sicherlich war die Zeit nach der Öffnung der Grenzen reif für den „Nepomuk“. Ein Blick zurück auf die Literatur zum Thema deutsch-tschechische Beziehungen in der Kinder- und Jugendbuchliteratur zeigt, daß es durchaus einige Bücher gab, die sich mit dem Thema der Vertreibung aus dem Sudetenland auseinandersetzten. Ich denke hier insbesondere an die Bücher von Sidonia Dedina, Gudrun Pausewang und Annelies Schwarz. Die Zeit vor der Besetzung des Sudetenlandes kommt aber in keinem dieser Bücher ausführlich zur Sprache. Vielleicht ist das auch eine Erklärung für die uneingeschränkt positive Aufnahme des Werks.

Einzigartig ist die expressive Sprache Holubs: In seinen Büchern ist von Paradeisern und  Roßpauken zu hören, man lernt Böhmacken kennen und erfährt, was Eisschinaken ist. Wo sonst könnten wir Sätze wie diese lesen? „Der Winter war lang, und Hochwasser und Eisschollen haben an dem Ufer gekratzt, und wer weiß, wie der Fluß beim Zigeunerwald aussieht. Wissen will ich auch, ob die Forellen, Schleien, Hechte und Kriltschen noch da sind und wie sie sich vermehrt haben. Ob die Ochsenaugen schon blühen und wie trächtig die wilden Apfelbäume sind.“

Josef Holub schrieb Jugendbücher für Erwachsene, die sehr wohl auch von Jugendlichen gelesen werden können, aber dann anders verstanden werden als von Erwachsenen, die über genügend Erfahrung und geschichtliche Kenntnisse verfügen. Sehr anschaulich hat er in seinen Büchern herausgestellt, wie nationale Vorbehalte und speziell der Nationalsozialismus die Beziehungen auch zwischen den Jugendlichen beider Völker vergiftete. „Die Neue Morgenpost hat schon vor ein paar Tagen geschrieben, daß der Tschämberlein dafür ist, und der Hitler soll ruhig kommen. Die Juden haben schnell ein bißchen Zeug zusammengepackt und sind ins Böhmische, dorthin, wo der Hitler nicht hinkommt. Warum die Juden fortgehen, weiß kein Mensch. Nicht einmal mein Vater weiß es, und der kennt sich in der Welt und in der Politik gut aus. Nur der Tschoumsch ist geblieben, und das ist recht. Er macht große Blunzen und Leberwürste. Die Leute sagen, er tut auch Katzen hinein. Trotzdem kaufen alle bei ihm.“

Nur drei Jahre später erschien sein Roman „Bonifaz und der Räuber Knapp“, der mit dem Züricher Kinderbuchpreis „La vache qui lit“ ausgezeichnet wurde. Erzählt wird die Geschichte des elfjährigen Waisenknaben Bonifaz, der im Jahre 1867 in das gottverlassene Dorf Grab abgeschoben wird, von einer wunderbaren Freundschaft und wie das war mit dem Räuber Knapp.

Das Thema des Aufwachsens im Böhmerwald hat Holub nicht verlassen. 1996 wurde der Roman „Lausige Zeiten“ über seine traumatische Jugend veröffentlicht, in dem er die Innenseiten der Macht, den selbsterlebten Drill, die Demütigungen, aber auch solidarische Verhaltensweisen der Jugendlichen darstellt. Mit „Schmuggler im Glück“ erschienen 2001 seine Einblicke in die Zeit nach dem Krieg.

In seinem letzten Roman, „Der Russländer“, 2002 im Oetinger-Verlag veröffentlicht, erzählt Josef Holub aus der Sicht des unfreiwillig zum Soldaten gewordenen Adam vom Rußlandfeldzug Napoleons im Jahre 1812 und einer Freundschaft, die über alle Standesgrenzen hinweg entsteht. Holubs Buch ist ein Anti-Kriegsbuch im besten Sinne; es zeigt, wozu Menschen im Guten und im Bösen fähig sind. Während in Deutschland dieses Buch nicht die Beachtung seiner Böhmerwaldtrilogie fand, wurde die amerikanische Übersetzung unter dem Titel „An Innocent Soldier“ 2006 mit dem amerikanischen Jugendbuchpreis Batchelder Award ausgezeichnet.

Eine große Bedeutung hatte für ihn die Verleihung des Sudetendeutschen Kulturpreises im Jahre 2003. Es war die Anerkennung seiner großartigen literarischen Leistung, denn als Außenseiter des Literaturbetriebes hatte er völlig neue Impulse in die Jugendliteratur gebracht, Geschichten aus einer längst vergangenen Zeit erzählt und sie so vor dem Vergessen bewahrt. Sehr wichtig war ihm auch die tschechische Übersetzung seines Nepomuks, „Cervený Nepomuk“, von Jaroslav Achab Haidler.

Josef Holub wird fehlen: Seine sprachmächtigen Romane sind wie aus der Zeit gefallen und eine Hommage an seine verlorene Heimat im Böhmerwald. Was bleibt, sind seine Bücher und die Erinnerung an einen gütigen und nachdenklichen  Menschen, der durch sein Können überzeugte. Wie schade, daß er uns nicht mehr die  Schönheiten des Kubanigebirges mit seinen mächtigen Erhebungen Kubani und Schreiner zeigen kann.

Eckhard Scheld (KK)

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