Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1375.

Mehr als Events, eventuell?

Was wohl vom Aktionismus eines Kulturhauptstadtjahres überdauert? Zeichensuche in Breslau

Fürwahr hauptstädtisch, ja kapital: Der Vier-Kuppel-Pavillon von Hans Poelzig beherbergt mit dessen benachbarter Jahrhunderthalle das Museum der polnischen Gegenwartskunst; Bild: der Autor

Kulturhauptstadtjahre sind kurz. Gerade für die unmittelbar Beteiligten sind es kurzweilige Zeiten – und kurzfristige! Letzteres meint nicht nur die unvermeidliche Hektik der Vorbereitungen, sondern auch die Effekthascherei des Augenblicks. Sicherlich werden Kulturinteressierte auch im Nachhinein noch von einprägsamen Eindrücken und sinnlichen Freuden sprechen, doch stellt sich ebenso die Frage nach dem Ergebnis. Was bleibt?

Für Breslau darf diese Frage hier schon jetzt im Hinblick auf die Wurzeln der Stadt und die besonderen Reize der Odermetropole gestellt werden. Die vorherigen Kulturhauptstädte mit deutschen Wurzeln, nämlich Fünfkirchen/Pécs, Kaschau/Košice, Pilsen/Plzen sowie die drei baltischen Hauptstädte Reval/Tallinn, Riga und Wilna/Vilnius, hatten es schon vorgemacht: Quasi europäische Dimensionen und zeitgenössisches Allerlei stehen höher im Kurs, sind einfacher zu inszenieren und sprechen ein breiteres Publikum an als der besondere Genius loci. Das mag auch der Notwendigkeit geschuldet sein, auswärtige Besucher anzulocken und dafür den bekannten schönen Schein als Wohlfühlatmosphäre zu erzeugen.

Von all diesem Aktionismus überdauert aber nichts den Aktionszeitraum. Es mögen also die baulichen Investitionen sein, die – zwar schon länger vorbereitet und zuweilen mit der Stadtnominierung gar nicht in Verbindung stehend (wie z. B. das Nationale Musikforum Breslau) – als ein Ergebnis die Stadt bereichern und über das Jahr hinausweisen. Zwar hoffen alle Kulturhauptstadtaspiranten auf nachhaltige Positionierung im Reigen herausragender Stadtreiseziele, doch selbst die Erfahrungen der letztjährigen Städte fallen dürftig aus. Was erinnert hierzulande noch an „Ruhr 2010“? Konkrete Erinnerung im Einzelfall: ja, verblassendes Erlebnis: vielleicht – aber an Weiterwirkung in der Eventgesellschaft: an sich nichts. So muss es Breslau nicht ergehen, doch die Gefahr besteht.

An der Oder hat sich Breslau 2016 neu und attraktiv darzustellen vermocht. Zwischen der Kaiserbrücke und der Sandinsel ist ein Boulevard aufgefrischt worden. Touristische Angebote auf dem Wasser, vom Tretboot bis zum Ausflugsschiff, erfreuten sich großen Zuspruchs. Am ehemaligen Schlossplatz wurde das Nationale Musikforum fertiggestellt. Das überdimensionierte Gebäude erhebt sich gegenüber der ehemaligen Neuen Börse und neben den Resten von Stülers Königlichem Schloss wie das Heck eines Containerschiffs. Gegenüber dem Musikforum zur Dorotheenkirche klaffte 2016 eine riesige Baulücke. Auf der anderen Seite des Stadtgrabens wurde das Gerichtsgebäude in hellem Backstein frisch herausgeputzt.

Vor der Jahrhunderthalle erhielt die Stahlspitze von 1948 einen Neuanstrich. Umgerechnet 20 Millionen (natürlich mit reichlich EU-Förderanteil) hat der Neuausbau der als Filmstudios abgenutzten Hallen gekostet. Alles ist nun in schickem Weiß gehalten, großzügig, mit modernster Zugangs- und Sicherungstechnik für den Massenansturm geeignet. Der Kunst will man huldigen mit dieser Außenstelle des Breslauer Nationalmuseums. Dort hängt nun, was weder der „polnischen Volksseele“ entspricht noch international berühmt ist, allenfalls der ganz aktuellen politischen Kultur zum Nutzen gereicht.

Die kleinteiligen Kabinette, jetzt vollgestellt mit Stücken aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, hätten die Künstler und Kunstwerke füllen können, die auch schon 1913 einmal dort gastierten. Es hätte keine Wiederauflage der Jahrhundertausstellung sein müssen oder dürfen. Doch ein die Jahrhunderte umspannendes Panorama von ausgehendem Barock über Klassizismus bis zum frühen 20. Jahrhundert hätte eben auch die strukturellen und damit baulichen Veränderungen Breslaus vorzustellen vermocht. Nun also eine polnische Kunstausstellung mit der Hoffnung auf ein internationales Publikum? Der für polnische Verhältnisse hohe Eintrittspreis und die ebenso hohen Kosten im Umfeld, nämlich der Eintritt in die Jahrhunderthalle und die Parkplatzgebühren, schrecken einheimische Gäste ab. Schlesier und Freunde schlesischer Kultur bräuchten nur einen 10-minütigen Kurzrundgang und könnten dabei den Blick in die unverfälschten Decken der Kuppelbauten richten. Doch dafür sind Anfahrt und Eintritt erst recht zu teuer.

Über den engeren Stadtkern gelangen die meisten Touristen und Breslau-Begeisterten nicht hinaus. So kennt kaum jemand (oder verkennen eben viele) die Stadtentwicklungsaufgaben, die sich mit zentrumsnahen Freiflächen der Eisenbahnanlagen verbinden ließen. Im Frühjahr 2016 wurde ein ursprüngliches Straßenbahn-, dann Busdepot an der Gräbschener Straße außerhalb des Bahngürtels zur neuen Ausstellungshalle umgewidmet. „Wroclaw 1945–2015“ ist die zeitgeschichtliche Dauerausstellung betitelt. Sie entspricht dem gegenwärtigen polnischen Trend zu inszenierter historischer Darstellung. Ob jüngst das „Solidarnosc“-Museum in Danzig, das Museum polnischer Juden in Warschau, das Museum der Aufstände in Schlesien in Schwientochlowitz oder die Regionalgeschichte im Schlesischen Museum in Kattowitz, davor Schindlers Fabrik in Krakau oder – als stilprägendes Vorbild – das Museum des Warschauer Aufstandes: Jedes Mal ist ein Strickmuster nachgestalteter Situationen erkennbar.

Im Historischen Zentrum Breslau beginnt das mit einer im Miniformat nachgebauten städtischen Fassade und einer bürgerlichen Wohlfühlatmosphäre. Das neue Wrocław in seinen spezifischen sozio-kulturellen Strukturen bleibt vage, weil etwa Themen wie Meinungsfreiheit oder Schulerziehung nur unter gesamtpolnischer Perspektive betrachtet werden. Effekthascherei auf Schritt und Tritt. Das hatte seinen Preis: Die Kompletterneuerung und Erstausstattung kostete knapp 9 Millionen Euro (davon die Hälfte EU-Zuschuss). Es gibt dem Vernehmen nach in Polen nur zwei Firmen, die sich innerhalb eines solchen Etats auf derartige Schaudarstellungen verstehen. Die eine besorgt die Konzeption und die Gestaltungsvorgabe, die andere macht praktischerweise die Umsetzung durch Innenausbau und Medieninstallation. Das erklärt dem sachkundig Sehenden, wie sich adaptiv die Elemente von Danzig über Warschau, Kattowitz, Krakau und nun Breslau ähneln.

Wer Freude an solchen gestalteten Raumbildern hat, dem bietet sich im Tramdepot Breslau eine große Fülle, denn hinter jeder Ecke und in jedem Raum sind andere Einbauten zu sehen – oder zu bestaunen. Auf Authentizität kommt es dieser Theaterwelt nicht an. Will man beispielsweise Konsum oder Mangelwirtschaft nachstellen, so baut man eine neue Fleischerei. Geht es um Hilfslieferungen in der Kriegsrechtsära, so wird eine LKW-Ladefläche zur Hälfte nachgebaut und mit einer Wand aus neuen Paketen gefüllt. Ein halber LKW vom Schrottplatz wäre billiger gewesen. Doch auf Geld kommt es bei solch einem Vorhaben eben nicht an. Solche Konzepte gefallen den Entscheidungsträgern so gut, dass jedes Produkt schon die Empfehlung für den nächsten Auftrag in sich trägt.

Die Beobachtung, dass Geschichte verkitscht, reduziert und simplifiziert wird, lenkt den Blick auf die geistige Haltung der Betreuer und Betreiber. Bei einem der oben aufgeführten Museen, wo es ähnliche Inszenierungen gibt, war dies vor wenigen Wochen zu erleben. Als eine neu angebrachte, doch unzutreffende Kartendarstellung Schlesiens besprochen wurde, da sollte als entschuldigende Begründung ausreichen: „Das sieht doch schön aus.“ So ergibt sich freilich weder ein fachlicher noch ein vertrauensvoller Dialog. In diesem Sinne erscheint „Kulturhauptstadt Breslau 2016“ als eine hübsche Episode, eine je nach Teilnahme schöne Zeit, aber keineswegs als eine Wegmarke oder gar Wegweisung.

Stephan Kaiser (KK)

Alles hier Geschilderte beruht auf eigener Anschauung. Der Beitrag stellt die Sicht des Autors dar, der Breslau seit 25 Jahren bereist und zur Meinungsbildung samt begründetem Widerspruch anregen möchte. Er ist Direktor des Oberschlesischen Landesmuseums Ratingen.

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