Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Memelländischer Märtyrer

In der DDR war nicht einmal seine Herkunft genehm, geschweige denn sein Weg christlicher Überzeugung: Oskar Brüsewitz

Als Oskar Brüsewitz am 30. Mai 1929 in Willkischken geboren wurde, gehörte das Dorf, das über die Luisenbrücke in Tilsit zu erreichen war, zum Memelland, das 1923 der Republik Litauen zugeschlagen und 1939 wieder dem Deutschen Reich eingegliedert worden war. Die größten Städte dort waren Memel und Heydekrug. In dieser unruhigen Grenzregion wuchs Oskar Brüsewitz als drittes Kind eines verarmten Handwerkers auf und begann 1943, als er mit 14 Jahren die Volksschule verlassen hatte, eine kaufmännische Lehre, die er freilich schon 1944 wegen der Kriegsereignisse abbrechen musste.

Diese vagen Angaben über das frühe Leben von Oskar Brüsewitz, der Jahrzehnte später als protestantischer Pfarrer in Rippicha im DDR-Bezirk Halle gewirkt und sich am 18. August 1976 vor der Michaeliskirche in der Kreisstadt Zeitz aus Protest gegen die atheistische Kirchenpolitik der DDR-Regierung verbrannt hat, sagen wenig aus über die biografischen Wurzeln des mit 47 Jahren gewählten Freitods.

Gedenkstein für Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz Bild: H. Schmidt

Gedenkstein für Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz
Bild: H. Schmidt

Nun hat der 1949 geborene Schriftsteller und Journalist Alexander Richter, 1985 freigekaufter Ex-Häftling des DDR-Zuchthauses Brandenburg, der heute als Chefredakteur der Häftlingszeitschrift „Freiheitsglocke“ in Emsdetten/Westfalen lebt, jahrelang das Leben des Oskar Brüsewitz erforscht und eine Ausstellung erarbeitet, die seit dem 6. Mai in Burgsteinfurt bei Münster zu sehen ist. Schon 2006 hat er das Buch „Das Unfassbare: Ideale und Konsequenzen im Leben und Tod des Oskar Brüsewitz“ veröffentlicht, seitdem hat ihn das Thema nicht mehr losgelassen.

Nun sollte es nach dem Mauerfall nicht so schwierig wie vorher gewesen sein, die Lebensstationen des aus Ostpreußen stammenden Pfarrers aufzusuchen und Zeugen zu ermitteln. Alexander Richter aber hat als akribisch arbeitender Spurensucher weit mehr unternommen, hat dreimal Willkischken im Memelland aufgesucht und zudem die einzige Schwester des Pfarrers, Helga, ausfindig gemacht, die in Australien lebt. Bis zu den Großeltern geht der Blick zurück. Eduard und Pauline Brüsewitz stammten aus Estland, das 1710 russisch geworden war. Der Vater Edgar Arthur, geboren 1900 auf der Insel Krenholm in der Narva, dürfte nach dem Ersten Weltkrieg nach Willkischken gekommen sein. Die Mutter Agathe Kriskus aber, die mit dem Vater 1923 die Ehe einging, stammte offensichtlich aus dem Memelland.

Eine besondere Hilfe bei seiner biografischen Recherche war für Alexander Richter die neunbändige Dorfchronik von Wischwill, die Hans-Ehrhardt von Knobloch, geboren in Tilsit, aber aufgewachsen auf Gut Riedelsberg bei Wischwill, seit 1986 erstellt hat. Danach sind die Eltern Brüsewitz mit ihren vier Söhnen und der Tochter irgendwann von Willkischken nach Wischwill umgezogen, wo es günstigere Arbeitsmöglichkeiten gab. Von Pfarrer Erich Moser, der im März 1945 in Guben an der Neiße gefallen ist, wurde Oskar Brüsewitz vermutlich am Ostermontag 1944 konfirmiert. Wegen einer Lungenerkrankung war er um ein Jahr zurückgestellt worden. Danach begann er eine kaufmännische Lehre in der Kreisstadt Heinrichswalde im Landkreis Elchniederung südlich der Memel in Ostpreußen. Am 13. Oktober 1944 wurde Wischwill von der Roten Armee besetzt.

Die nächste Lebensstation der Flüchtlingsfamilie Brüsewitz war Mohsdorf, 15 Kilometer nördlich der sächsischen Industriestadt Chemnitz gelegen. Dorthin waren Mutter Agathe mit ihrer 1932 geborenen Tochter Helga aus dem Memelland geflüchtet. Vater Arthur Brüsewitz war damals in sowjetrussischer, die drei Söhne Benno, Bernhard und Oskar waren 1946, zwei Jahre nach Kriegende, noch immer in amerikanischer Gefangenschaft. Der jüngste Sohn Arnold (1930) hat dann auch irgendwie Mohsdorf erreicht. Oskar, der aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft hatte fliehen können, ging in Burgstädt im heutigen Landkreis Mittelsachsen bei einem Schuhmacher in die Lehre und übersiedelte nach bestandener Gesellenprüfung nach Melle bei Osnabrück in Westfalen, wohin auch seine Eltern mit den beiden jüngsten Kindern über die Zonengrenze gegangen waren.

Obwohl Alexander Richters Buch 420 Seiten dick ist, sind die Lebensstationen nur bis zum Jahr 1964 erfasst (ein zweiter Band wird folgen). Da lebte Oskar Brüsewitz schon zehn Jahre in der DDR und besuchte 1964/69 die Predigerschule in Erfurt, worauf er 1970 in Wernigerode/Harz zum Pfarrer ordiniert wurde und eine Pfarrstelle in Rippicha/Landkreis Zeitz zugewiesen bekam. Nach der öffentlichen Selbstverbrennung auf dem Marktplatz von Zeitz am 18. August 1976 verstarb er am 22. August im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau.

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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