Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1279.

Menetekel après la lettre

Das Polarlicht über Mitteleuropa am 21. August 1939

In den späten Abendstunden des 21. August 1939 erschien über dem Nachthimmel Mitteleuropas ein mächtiges Polarlicht. In tiefem Rot stand es bis zum Morgen am nördlichen Horizont, am besten sichtbar in den Nordregionen Osteuropas, über den Karpaten, im gesamten Alpenraum und über den böhmischen und deutschen Mittelgebirgen bis zur Eifel und bis zu den Ardennen. Die Aufregung war gewaltig, es gab keine Region, in der das Polarlicht nicht als Vorbote eines großen Krieges gedeutet wurde. Die magische Deutung von Naturerscheinungen war damals vor allem für die Landbevölkerungen noch eine Selbstverständlichkeit. Die Meteorologie bestätigt, daß während des gesamten Sommers 1939 große Magnetstürme im Sonnensystem aufgetreten sind.

Es gab aber auch mehr als genug sehr handfeste Gründe, das rote Polarlicht als Vorzeichen eines Krieges zu deuten. Zwei Tage nach dem roten Polarlicht wurde in Moskau der Hitler-Stalin-Pakt unterzeichnet. Danach dauerte es nur noch vier Tage, bis die deutsche Reichsregierung in den frühen Morgenstunden des 27. August 1939 den Mobilmachungsbefehl zum Angriff gegen Polen gab, dem am 1. September 1939 die Salven des Kreuzers „Schleswig-Holstein" auf die Hafenanlagen von Gdingen und am 2. und 3. September die Kriegserklärungen von Großbritannien und Frankreich an Deutschland folgten.

Wenige Wochen vorher hatte in Dresden der Jahreskongreß des Internationalen Verbandes der Landwirtschaft stattgefunden, mit dem deutschen Reichslandwirtschaftsminister Walther Darré, seinem Staatssekretär Herbert Backe und dem Direktor des Internationalen Landwirtschaftsbüros des Völkerbundes in Rom, Giacomo Acerbo, als Hauptredner. Den größten Eindruck machte der Vizepräsident des Verbandes, die Zentralgestalt der schweizerischen Landwirtschaft der letzten 125 Jahre, Ernst Laur (1871–1964). Er schloß seine Eröffnungsrede mit dem Vers: „Ein furchtbar wütend Schrecknis ist der Krieg, die Herden schlägt er und den Hirten."

Der tiefrot drohende Nachthimmel des 21. August 1939 wird noch lange im kollektiven Gedächtnis bleiben.

D. S. (KK)

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