Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1262.

Menschenliebe, buchstäblich

Agnes Giesbrecht-Gossen, die Seele der deutschen Literatur aus Rußland, wird mit der bundesdeutschen Verdienstmedaille ausgezeichnet

In diesem Herbst wurde Agnes Giesbrecht-Gossen vom Bundespräsidenten Horst Köhler mit der Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. Diese Auszeichnung kommt für die Lyrikerin und Prosaautorin, Übersetzerin aus dem Russischen ins Deutsche wie aus dem Deutschen ins Russische und vor allem Literaturförderin der Autoren mit russischem Kulturhintergrund aus der ehemaligen Sowjetunion zum richtigen Zeitpunkt.

Agnes Giesbrecht-Gossen, 1953 in Podolsk, Gebiet Orenburg in Rußland, geboren und 1989 nach Deutschland gekommen, hat sich zunächst als Lyrikerin hervorgetan, in russischer Sprache, in der sie in der alten Heimat schrieb, wie auch in deutscher Sprache, derer sie sich jetzt in der neuen Heimat immer eloquenter bedient, wie ihre Gedichtbände „Die Feder tanzt“ (Verlag Robert Burau, Lage-Hörste) und „Zwischen Liebe und Wort“ (Geest-Verlag, Vechta-Langförden) beweisen. Hinzu kommt ihr Erzählband „Zwischen gestern und heute“ (Verlag Robert Burau). Auch als Herausgeberin vor allem von Literaturalmanachen der Rußlanddeutschen in der Bundesrepublik, aber auch von Anthologien wie der äußerst erfolgreichen „Kindheit in Rußland“ im Geest Verlag hat sich Agnes Giesbrecht-Gossen verdient gemacht.

Vor allem aber hat sie auf Jahre hin Zeichen gesetzt durch die Gründung des Literaturkreises der Deutschen aus Rußland 1995 mit acht Autoren, der heute über 80 Mitglieder zählt und durch regelmäßige Zusammenkünfte und Aktivitäten wie Lesungen und Auftritte bei öffentlichen Veranstaltungen zum Verständnis für die Rußlanddeutschen und überhaupt für Bundesbürger mit Migrationshintergrund beiträgt.

Zwölf Jahre lang übernahm sie die Leitung dieser gar nicht einfachen Gruppe von kreativen Kollegen, die oft mit etwas ungewöhnlichen Anliegen an sie herantraten. Mit großem psychologischen Geschick und Einfühlungsvermögen wurde sie so gut wie immer ihrer schwierigen Funktion gerecht und hielt nicht nur durch Fleiß und Tüchtigkeit, sondern vor allem auch durch Menschlichkeit und Herzenswärme den Kreis über alle Turbulenzen hinweg beisammen.

Dabei betreute sie gleichermaßen die russisch schreibenden Kollegen wie die deutsch schreibenden und sorgte für die Herausgabe von Literaturalmanachen in beiden Sprachen. Vor allem aber kümmerte sie sich auch um die jungen Autoren wie Dimitri Hermann und Jurij Bender. Für die gestandenen Autoren organisiert sie regelmäßig jährlich zwei Werkstatttagungen in Oerlinghausen in Westfalen.

Ihren Literaturkreis hat sie auch für bundesdeutsche Autoren geöffnet, die mit ihrer Mitgliedschaft den Horizont erweitern und ihre rußlanddeutschen Kollegen mit den Verhältnissen und Zuständen im Literatur- und Kulturleben der Bundesrepublik bekannt machen. Außerdem hat sie neben ihrem Landsmann Robert Burau auch den bundesdeutschen Verleger Alfred Büngen mit seinem Geest-Verlag für die Rußlanddeutschen gewonnen und so vielen einen Weg in den bundesdeutschen Buchmarkt eröffnet.

Neben dieser literarischen und kulturfördernden Tätigkeit versieht die alleinerziehende Mutter auch eine Vollzeitstelle als wissenschaftliche Bibliothekarin in der Universitätsbibliothek Bonn.

Kein Wunder, daß bei dieser Belastung Agnes Giesbrecht-Gossen an die Grenze ihrer „Leidensfähigkeit“ gekommen ist und die Leitung des Literaturkreises ihrem ebenfalls sehr engagierten Kollegen Johann Keib überließ, aber nach wie vor auf Wunsch aller dem Vorstand des Literaturkreises erhalten blieb. Allein in diesem Jahr hat sie ein Dutzend Veranstaltungen organisiert oder aktiv daran teilgenommen.

Über zwölf Jahre hat nun Agnes Giesbrecht-Gossen für ihre Landsleute aus der alten Heimat gearbeitet, damit ihre Stimmen in der neuen Heimat als Stimmen dieser großen Volksgruppe von fast drei Millionen Menschen mit ihren Sorgen und Problemen, Hoffnungen und Erfahrungen den Bundesbürger ansprechen.

Ingmar Brantsch (KK)

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