Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1248.

Menschenrecht auf Erinnerung und Trauer

Der Ostdeutsche Kulturrat verleiht seinen Medienpreis für menschliche Geschichten aus unmenschlicher Zeitgeschichte

Dank der Projektförderung durch den Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien konnte der Ostdeutsche Kulturrat in diesem Jahr zum ersten Mal nach 1999 seinen Medienpreis für Beiträge in Periodika, Funk und Fernsehen wieder ausschreiben.

Die durchweg qualitätvollen Einsendungen zeigen in ihrer Gesamtheit, daß die zeithistorischen und kulturellen Themen im Zusammenhang mit Geschichte und Gegenwart der Deutschen und ihrer Nachbarn in Osteuropa sich zunehmender Aufmerksamkeit und professioneller Behandlung erfreuen. Die Fülle war für die Jury eine Herausforderung, der sie sich mit Freude gestellt hat in der Überzeugung, daß diese schmerzlich komplizierten, ja abgründigen Kapitel der europäischen und deutschen Zeitgeschichte ebenso in die aktuelle Öffentlichkeit gehören wie die kulturelle Erbschaft, die in der Folge dieser Ereignisse aus dem Blickfeld gedrängt worden ist.

Die Atmosphäre der Preisverleihung in Bonn war festlich, dafür waren das Publikum nicht minder als die Preisträger eine Gewähr, doch konnte und sollte die Festlichkeit und mehr als berechtigte Freude der Ausgezeichneten den dramatischen historischen Hintergrund nicht vergessen lassen, den die preisgekrönten Arbeiten mittragen, unter das Medienpublikum tragen wollen. Darauf wies der Präsident des Ostdeutschen Kulturrates, Professor Dr. Eberhard G. Schulz, in seiner Begrüßung nachdrücklich hin. Ausführlich laudierte der Vorsitzende der Jury, Dr. Joachim Sobotta, selbst als Chefredakteur ein Medienprofi ersten Ranges, die einzelnen Preiträger und machte das Publikum mit deren Arbeiten und den Gründen für die Einschätzung der Jury bekannt. Nach einer stimmungsvollen Gratulationscour stellten die Autoren ihre Arbeiten vor.

Einen berührenden Kommentar zur Gesamtproblematik bietet der Text „Die Steine des Elternhauses“ (Die Welt, 5. März 2007) von Helga Hirsch, eine in ihrer Deutlichkeit und Ausgewogenheit beispielhafte Formulierung dessen, was im öffentlichen deutschen Bewußtsein im argen liegt, aber durch Nach-Denken in einen Gewinn an Humanität umgemünzt werden kann.  Ihre eigene und in eigener Art gewachsene Beziehung zu dem komplizierten Geflecht von Fragen stellt Helga Hirsch in ihrem Essay eindrucksvoll in den Kontext der langsam und mühsam geleisteten und noch zu leistenden deutschen „Vergangenheitsbewältigung“: „Es brauchte lange, bis die Deutschen Mitleid mit den Vertriebenen entwickelten und das Menschenrecht auf Erinnerung und Trauer anerkannten.“

Christian Schulz hat in seiner filmisch meisterlichen und anrührenden Bestandsaufnahme (WDR 2005) aus Tollmingkehmen in Ostpreußen, wie es heute ist, dieses Menschenrecht in Bild und Ton umgesetzt. In jenes heutigem Empfinden nach so ferne Land hat er sich auf den Weg gemacht, um es uns nahezubringen. Was und wie er es bringt, kann durchaus als Mahnung gelten. Sein Film zeigt die Unumkehrbarkeit der Katastrophe – und zugleich die Kraft des Menschen, sie zu überstehen, über sie hinaus zu leben.

Erika Kip ist mit zahlreichen Berichten und Besprechungen einer Vielzahl von Gegenständen auf den Grund gegangen, besonders beeindruckt zeigten sich die Mitglieder der Jury von ihren feuilletonistisch aufbereiteten monographischen Darstellungen bedeutender Persönlichkeiten wie Martin Opitz (DOD 2/2007) oder Joseph von Eichendorff (DOD 3/2007). Das Wort Romantik ist eines der widersprüchlichsten überhaupt, zumal in der deutschen Sprache und Literaturgeschichte. Ihm/ihr hat Erika Kip nachgehorcht an einem Ort, ja  Hort dieser Epoche, und dabei entdeckt, wie sehr die Friedenssehnsucht von Eichendorffs Dichtung uns heute zu berühren vermag.

In den „Ebenen“ des Alltags hat sich Winfried Lachauer mit einem so leisen wie bewegenden Film (SWR 2005) umgetan. Die Härten des Neubeginns und die Mühen der Integration der Vertriebenen in Westdeutschland, im konkreten Fall in Ellwangen, zugleich aber auch den Fortbestand alt- und weit aus dem Osten hergebrachter Familientradition auch in diesen ursprünglich fremden Gefilden hat er an Einzelschicksalen dargestellt. Auch der normale Alltag ist nicht eigentlich alltäglich, weil jeder Mensch, aufs ganze und mit seiner Geschichte gesehen, ein Schlüssel ist zur Welt, über menschliche Schicksale läßt sie sich erschließen.

Meisterlich wird in diesen Texten und Filmen eines versucht, das ans schier Unmögliche grenzt – und doch nicht nur wahr, sondern Ereignis wird: Nahe, also durchaus wehe, wunde Geschichte wird hier zu Geschichten und Bildern gemacht, zu Sätzen und atmosphärisch dichten Filmaufnahmen, so daß all das historische Leid zwar nicht erträglicher wird, aber ein menschliches Antlitz bekommt. Was aber dem Menschen mit menschlichem Antlitz begegnet, ist nicht länger dämonisch, das braucht er nicht zu fürchten, das muß er nur bedenken und nachempfinden, dem muß er nach-denken, auf daß er selbst menschlicher werde.

(KK)

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