Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

„Mit meinem Pferd konnte ich Deutsch sprechen“

Zum Tod August Roßigs, eines der letzten Ostpreußen in Ostpreußen

„Diese Erde ist alles, was ich habe.“ Wem das abgeschmackt klingt, der bedenke:
Es gibt Menschen, die nicht vorher gelesen haben, was sie sagen
Bild: Archiv

In allen Ostgebieten des Deutschen Reiches, die 1945 polnischer Verwaltung unterstellt wurden, blieben Hunderttausende von Einheimischen zurück, die entweder die Flucht vor der Roten Armee nicht angetreten hatten oder aber unterwegs wieder umkehrten, weil der Winter zu streng war und die Flucht zu gefährlich. Der überwiegende Teil dieser Deutschen wurde in den Jahren 1946/48 ausgesiedelt oder vertrieben, ein kleiner Teil, der, freiwillig oder gezwungen, für den polnischen Nachkriegsstaat optiert hatte, durfte bleiben. Im ersten Band der Buchreihe „Die Deutschen östlich von Oder und Neiße 1945–1950. Dokumente aus polnischen Archiven“ (Verlag Herder-Institut, Marburg 2000), der mit 728 Seiten der heutigen Wojewodschaft Allenstein (Ermland und Masuren) gewidmet ist, kann man nachlesen, dass es dort 1945 noch 145 573 Deutsche gab, die im Sommer und Herbst als Erntehelfer eingesetzt wurden.

Unter den Deutschen, die 1945 in ihrer Heimat blieben und in den Folgejahren nicht ausgesiedelt wurden, war auch der Landwirt August Roszig, geboren 1928 im Dorf Kotzargen bei Rastenburg, der am 10. Oktober 2017, im 89. Lebensjahr, auf dem Bauernhof seiner Eltern verstorben ist. Sein Schicksal steht für das Hunderter Ostpreußen, die auch nach dem Krieg dort blieben, wo sie geboren und aufgewachsen waren. Wer ihn einmal auf den Tagungen der Masurischen Gesellschaft in Sensburg oder Kruttinnen erlebt hat, war begeistert über das breite Ostpreußisch, das er bis ins hohe Alter sprach und wofür er von den in Westdeutschland lebenden Ostpreußen, die nach Masuren reisten, bewundert wurde.

Als am 15. Januar 1945 die Einberufung zur Wehrmacht erfolgte, war August Roßig gerade 16 Jahre alt. Die Reise von Sensburg nach Plock an der Weichsel, wo er sich melden sollte, dauerte drei Tage. Nun begann eine Irrfahrt durch das vor der Niederlage stehende Deutschland, die ihn über Thorn, Bromberg, Berlin, den Harz, Sachsen in russische Kriegsgefangenschaft führte, aus der er fliehen konnte. Sein einziges Ziel war, unversehrt heimzukehren nach Kotzargen, wofür er zwei Wochen brauchte, am 10. Juni 1945 traf er dort ein.

Er erkannte sein Dorf kaum wieder. Seine Mutter, von der er erfuhr, dass seine Schwestern Helena und Irmgard nach Sibirien verschleppt worden waren, versteckte ihn vorerst in einem Vorratsraum, vor dessen Tür sie einen Schrank schob. Später erfuhr er, dass Schwester Irmgard im Sommer 1945 aus dem Lager entlassen worden war und bei Tante Greta in Berlin lebte. Auf dem Hof lebten jetzt seine Eltern, Bruder Gerhard und er. Dieser kleine Bauernhof war, so schrieb er in der „Masurischen Storchenpost“ 2008, „meine ganze Welt“. Als er sein Versteck verlassen konnte, waren Haus, Scheunen und Ställe geplündert, die Tiere bis auf eine Kuh von den Soldaten der Roten Armee weggetrieben worden. Sie schlachteten auch noch das letzte Schwein, wobei August Roßigs Vater auf dem Klavier Begleitmusik spielen musste.

Fast alle Höfe wurden im Nachkriegssommer 1945 von Frauen geführt. Die Männer waren entweder gefallen oder noch in Gefangenschaft. Die im Dorf Kotzargen, das bald in Koczarki umbenannt werden sollte, wohnenden Russen hatten die Einwohner vor Plünderern zu schützen, die bewaffnet durchs Land zogen. Als die Roßigs ihre Felder fast umgepflügt hatten, wurde die Zugmaschine von den Russen beschlagnahmt. Als das Getreide, das man gesät hatte, im Sommer eingefahren war, wurde es wiederum beschlagnahmt.

Vor den ostpreußischen Bauern standen ein harter Winter und der nackte Hunger. Mit einer russischen Beutewaffe ging August Roßig zum Wildern in die umliegenden Wälder. Mit Milch von ihrer einzigen Kuh, mit Honig, den es reichlich gab, und gewildertem Fleisch überstanden sie die Hungerwochen bis zum Frühjahr 1946. Irgendwo in einem Nachbardorf fand August Roßig dann einen zerstörten Traktor, den er abschleppen ließ und reparieren konnte. Damit konnte er anderen Bauern bei der Feldarbeit helfen und machte sich unentbehrlich. Wären da nicht die Plünderer gewesen, die immer wieder die Dörfer heimsuchten und die Bauern ausraubten, wäre es schneller aufwärtsgegangen.

Als die Bauernfamilie wieder Kühe, Pferde, Ferkel und Geflügel im Stall hatte, wurde der Hof noch einmal ausgeraubt. August Roßig, der sich verteidigte, wurde mit dem Gewehrkolben niedergeschlagen. Später im Jahr 1946 wurden die Rinder beschlagnahmt. Ohne Kühe aber hätten die Bauern, die alle bis auf eine polnische Familie Ostpreußen waren, nicht überleben können. Darauf wurde ihnen gesagt, wer die polnische Staatsangehörigkeit annehme, der bekomme seine Kuh zurück. Selbstverständlich beugten sich alle der offenkundigen Erpressung.

Da August Roßig Waffen zur Selbstverteidigung besaß, wurde er „wegen bewaffneten Widerstands gegen die neue Regierung“ zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt. Von 1952 bis 1956, bis Wladyslaw Gomulka in Warschau Vorsitzender der Vereinigten Polnischen Arbeiterpartei wurde und eine Amnestie erließ, saß er in Wartenburg bei Allenstein im Gefängnis.

In den Jahren 1956/57 reisten einige ostpreußische Bauernfamilien nach Deutschland aus, er aber blieb: „Diese Erde ist alles, was ich hatte und habe, was ich am meisten liebte. Es ist mein väterliches Erbe, das ich hüten werde bis ans Ende meiner Tage … Unter den neuen Nachbarn habe ich viele sehr anständige Menschen getroffen. In schwierigen Zeiten standen sie mit Rat und uneigennütziger Hilfe bei. Ich denke, dass ich die Achtung, der ich mich unter den Nachbarn erfreue, mit schwerer, solider Arbeit errungen habe und auch damit, dass ich mich in die neue Heimat hineingefunden und nicht die Erde meiner Väter verlassen habe“, sagte August Roßig 2008.

Zur Trauerfeier für August Roßig nach Kotzargen kamen Hunderte von Freunden und Bekannten, Deutsche und Polen aus der Umgebung, aber auch von fern, von denen nur ein geringer Teil Platz in der evangelischen Kapelle fand.
In seinem Nachruf im Oktoberheft 2017 der „Masurischen Storchenpost“ schrieb Tadeusz S. Willan, der Vorsitzende der Masurischen Gesellschaft, dass August Roßig, wie alle Deutschen in Masuren nach 1945, seine deutsche Muttersprache, die er sehr liebte, in den ersten Nachkriegsjahren nicht sprechen durfte.

Als sich auf einem Treffen der Heimatverbliebenen einige Deutsche beklagten, dass sie deshalb so schlecht Deutsch sprächen, soll er gesagt haben: „Was sagt ihr da? Was heißt verboten? Mit meinem Pferd konnte ich immer Deutsch sprechen.“

Jörg Bernhard Bilke (KK)

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