Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Mitgeschrieben, mit „vertrieben“

Graf von Dönhoffs 1945 verschollene Mitschrift von Immanuel Kants Vorlesung über Physische Geographie ist noch erhalten

In ihrem Buch „Namen, die keiner mehr nennt. Ostpreußen – Menschen und Geschichte“ (1962) erwähnt Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002) „Kolleghefte meiner Vorfahren, darunter eines: ,Vorlesung des Herrn Professor Em. Kant über die phys. Geographie‘“ im Familienarchiv von Schloß Friedrichstein, das sie 1933/34 für ihre Dissertation über die Entstehung des Familienbesitzes durchforstete. Ihre Erinnerungen schließt sie mit den Worten: „Ende Januar 1945 ging Friedrichstein mit allen Sammlungen, Bildern, Teppichen und dem Archiv in Flammen auf.“

Philosophische Geographie (oder Erdkunde) ist der Zweig der Geographie bzw. Philosophie, der analog zur Natur- und Geschichtsphilosophie mit den Mitteln philosophischer Besinnung das Ganze der Zusammenhänge von Erde bzw. Landschaft und Mensch zu erfassen versucht. Immanuel Kants Wertschätzung der Erdkunde kommt in dem Satz zum Ausdruck: „Es ist nichts was den geschulten Verstand […] mehr kultiviert und bildet als Geographie.“ Kant hat dieser Disziplin in seinen Vorlesungen über „Physische Geographie“, so Ernst Winkler im „Historischen Wörterbuch der Philosophie“, nachhaltige Anregungen gegeben. Sie sind für die physische Geographie um so bedeutungsvoller, als Kant die Absicht aussprach, über die physische Geographie hinaus auch eine moralische und politische Geographie zu schaffen – ein Projekt, dessen Ausführung leider nicht über Umrisse hinausgediehen ist.

Wie der an der Philipps-Universität Marburg lehrende Philosophieprofessor Werner Stark in einem Vortrag über „Physische Geographie in Königsberg des 18. Jahrhunderts“ auf der IX. Internationalen Kant-Tagung in Königsberg/Kaliningrad 2004 ausführte, hat Immanuel Kant zwischen 1755 und 1796, also vom Beginn seiner Privatdozentur bis zum Ende seiner Vorlesungstätigkeit, vierzig Mal über Physische Geographie gelesen. Es existieren noch achtzehn Handschriften von Studenten und anonymen Schreibern. Sie sind in elektronischer Form in der Marburger Arbeitsstelle der Göttinger Akademie der Wissenschaften bis Ende 2001 und danach in der Potsdamer Arbeitsstelle der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften verfügbar gemacht worden.

In Kants Vorlesungen über Physische Geographie lassen sich, so der Wissenschaftler, die „Wandlungen seines Natur- und Weltverständnisses“ nachvollziehen: „Wer sich für ,Kants Welt‘ interessiert und diese näher kennenlernen möchte, wird die in der reifen Philosophie der 1780er und 1790er Jahre enthaltene Weltauffassung des Philosophen nur dann in historisch korrekter Perspektive wahrnehmen können, wenn der Anfang dieser Entwicklung [an dem die Physische Geographie steht] hinreichend aufgeklärt ist.“

Wenn Stark als Bearbeiter der „Vorlesungen über Physische Geographie“ für die Akademie-Ausgabe, deren Edition zu den Vorhaben der seit fünf Jahren für die Gesamtausgabe der Schriften Kants zuständigen Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften bis 2010 gehört, mitteilt, daß ,,leider zehn weitere, ehemals Königsberger Handschriften […] ohne Spur verschollen sind“, so muß darauf hingewiesen werden, daß nach dem Ende 2006 im Deutschen Kunstverlag erschienenen, von Kilian Heck und Christian Thielemann herausgegeben Bildband „Friedrichstein. Das Schloß der Grafen von Dönhoff in Ostpreußen“ (Deutscher Kunstverlag München/Berlin) die Vorlesungsnachschrift über Physische Geographie eines Grafen von Dönhoff in dem wider Erwarten zu großen Teilen geretteten Dönhoffschen Familienarchiv vorhanden ist.

Während der Verfasser im Manuskript-Entwurf des Kapitels „Friedrichstein nach 1945“ noch bemerkt hatte: „Gerne wüßte man, ob diese sicherlich für die Kant-Forschung interessante Vorlesungsmitschrift noch im Familienarchiv überdauert hat“, wurde deren Existenz von Heck nur an versteckter Stelle des Buches erwähnt. Zum Archiv, wohin die Dönhoffschen Kolleghefte und vieles mehr gehört hätte, finden sich nur wenige Zeilen im Kapitel „Zu den Friedrichsteiner Kunstsammlungen“.

Wie die Stempel des Staatsarchivs Königsberg auf den meisten erhaltenen Archivalien belegen, müssen diese vor oder nach Kriegsbeginn 1939 ins Staatsarchiv Königsberg überführt und dann mit dessen Beständen 1944 in den Westen ausgelagert worden sein. Bis 1975 befanden sie sich im Staatlichen Archivlager Göttingen des Landes Niedersachsen (ehemaliges Staatsarchiv Königsberg, Archivbestand Preußischer Kulturbesitz). Dort fertigte man ein Findbuch und eine Mikroverfilmung an, die heute mit Genehmigung der Familie Graf von Dönhoff im Geheimen Staatsarchiv Berlin zu benutzen sind. Die Kolleghefte mit Kants Vorlesung über Physische Geographie, die als dreiteilig und vom Ende des 18. Jahrhunderts stammend verzeichnet sind, wurden aber nicht verfilmt.

Das Originalarchiv wurde, wie im Findbuch vermerkt, ,,1975 von Frau Dr. Marion Gräfin Dönhoff zurückgezogen und befindet sich seitdem im Archiv der Grafen Hatzfeld [-Wildenburg-Dönhoff] auf Schloß Schönstein, […] Wissen a.d. Sieg.“ Unverständlich bleibt deshalb, daß die Gräfin noch 1981 Rudolf Malter (1937–1994), dem an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz lehrenden Professor für Philosophie und Vorstandsmitglied, später Vorsitzenden, der Kant-Gesellschaft Bonn, auf seine Anfrage hin den „Verlust“ der Handschrift „bestätigt“ hat.

So hat Malter diese in seiner akribischen Dokumentation „Kant und Königsberg seit 1945“ (1983) im „Überblick über die in Königsberg und im übrigen Ostpreußen ehemals vorhandenen Kant betreffenden Manuskripte“ fälschlich als „vernichtet“ verzeichnet. Noch aktuell aber wird im Internet von der Kant-Forschung der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften die Dönhoffsche Vorlesungsnachschrift als „verschollen“ angegeben.

Der Verfasser informierte daher den als Mitarbeiter der Akademie die „Vorlesungen über Physische Geographie“ bearbeitenden Marburger Philosophen über die Existenz der Dönhoffschen Kolleghefte und die Familie Graf von Dönhoff über sein herausragendes Forschungsprojekt. So konnte Stark nun Anfang Juni – gleichsam in letzter Stunde, da seine Arbeit schon kurz vor dem Abschluß steht – eine erste Begutachtung der bisher der Kant-Forschung vorenthaltenen Handschrift im Familienarchiv auf Schloß Schönstein vornehmen. Der Besitzer des Archivs ist der Sohn des letzten Herrn auf Friedrichstein, das heutige Familienoberhaupt Stanislaus Graf von Dönhoff – ein Neffe von Marion Gräfin Dönhoff.

In einer ersten Expertise schreibt Stark unter anderem: „Das 196 Blatt umfassend Manuskript bietet einen in sich geschlossenen, nicht durch ältere Überlieferungen kontaminierten Text, der auf einen Semestervortrag zu Beginn der 1780er Jahre zurückgeht. […] Den Umfang schätze ich auf ca. 80000 Worte. Das Ms schließt eine bisher bestehende, empfindliche Lücke in der Überlieferung der Vorlesung; der Text sollte transkribiert und in Band 26 von ,Kant’s gesammelte Schriften‘ ediert werden.“

In dem „einfachen Pappband der Zeit in dem für Kolleghefte üblichen Quartformat“ findet sich zwar das Dönhoffsche Familienwappen, aber nicht der Name des Grafen. Der von Stark bisher als Nachschreiber der Vorlesung vermutete Paul Graf von Dönhoff (1773–1838) auf Hohendorf, Kreis Preußisch Holland, war noch zu jung, aber sein Vetter August Friedrich Philipp Graf von Dönhoff (1763–1838), der Besitzer von Friedrichstein ab 1803 und spätere Obermarschall und Landhofmeister, könnte als etwa Zwanzigjähriger der gesuchte Kant-Schüler gewesen sein.

Heinrich Lange (KK)

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