Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1288.

Mitreden

Zumindest das Recht darauf wollen sich die Vertriebenen nicht nehmen lassen, wie sie in Düsseldorf gezeigt haben

Mitreden, Mitgestalten, Mithandeln. Unter diesem Schlagwort hatte die CDU-Fraktion des Landtags Nordrhein-Westfalen zu einem Werkstattgespräch in den Plenarsaal nach Düsseldorf eingeladen. Der erwies sich allerdings als zu klein für den Andrang, den die Einladung bei den Vertriebenen ausgelöst hatte. Gut tausend Teilnehmer hatten sich angemeldet und widerlegten so die des öfteren geäußerte Annahme, es gäbe kaum noch Vertriebene unter uns. Auch wenn die bevorstehende Landtagswahl mitbestimmend für die Veranstaltung gewesen sein mag, so ist diese dennoch als Manifestation der deutschen Heimatvertriebenen zu werten. Sie zeigten durch ihre massive Teilnahme, auch an der anschließenden Diskussion, wie wenig erlittenes Unrecht verjährt. Die bemerkenswerte Leistung der Integration, der gesellschaftliche und individuelle Wohlstand und die Geborgenheit in der Europäischen Union haben es nicht vermocht, den Heimatverlust und das damit verbundene Trauma zu verdrängen. Weil sie wieder nach Hause wollten, wurde den Vertriebenen immer wieder Revanchismus vorgeworfen in einer Zeit, in der das Recht auf Heimat von den Politikern bei jeder passenden Gelegenheit verkündet wurde und wird. Wer könnte ihnen verübeln, daß sie immer noch gehört und verstanden sein wollen und ihre Interessen am ehesten vom Bund der Vertriebenen (BdV) vertreten sehen?

Dieser hatte seine Präsidentin, die Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach, nach Düsseldorf entsandt, und sie ließ es im großen Saal der Rheinterrasse, wohin die Veranstaltung verlegt worden war, nicht an klaren Worten fehlen. Vor allem im Zusammenhang mit dem geplanten Zentrum gegen Vertreibungen in Berlin – der Bundesstiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung – vertrat sie unmißverständlich das Anrecht des BdV, über die eigene Vertretung im Stiftungsrat selbst zu bestimmen. Als „größtem deutschen Opferverband“ sei ihm dieses Ansinnen nicht streitig zu machen. Der Vorwurf oder doch die Sorge, die Vertriebenen würden hier Ursache und Wirkung des Zweiten Weltkriegs verkennen und die Geschichte umschreiben wollen, wurde entschieden zurückgewiesen. Es gehe schlichtweg um die Wahrheit über Flucht und Vertreibung der Ostdeutschen neben der Darstellung auch anderer vorhergegangener und nachfolgender ethnischer Säuberungen. An das deutsche Schicksal zu erinnern liege in deutscher Verantwortung und sei nicht nur historisch zulässig, sondern im Kontext weltweiter neuer Vertreibungen auch aktuell. Das Aufdecken von Tatsachen gehöre zum gewissenhaften Umgang mit der Vergangenheit und entlaste nicht von eigener Schuld.

An der Podiumsdiskussion beteiligten sich neben Erika Steinbach Dr. Winfrid Halder, der Direktor des Gerhart-Hauptmann-Hauses, und Dr. Joachim Sobotta, ehemaliger Chefredakteur der „Rheinischen Post“ und Mitglied im Vorstand der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR. Für die Frage, wie die Erinnerung an Flucht und Vertreibung bewahrt und die Kultur der Heimatvertriebenen in Deutschland am Leben erhalten werden kann, wurde in Düsseldorf nicht nur die Zeit knapp – es mangelt offenbar nach wie vor an durchsetzbaren wirksamen Ideen und Maßnahmen. Im Vordergrund diesbezüglicher Überlegungen stehen die Schulen, von denen in der Vermittlung von Schicksal und Kultur der Vertreibungsgebiete zu wenig geleistet wird. Eine der Ursachen dafür wird darin gesehen, daß selbst den Lehrkräften die entsprechenden Kenntnisse fehlen. Dem will nun das Land Nordrhein-Westfalen mit einer Handreichung entgegenwirken, die den vorhandenen Informationsmangel verringern und als Vorlage zur Behandlung von Flucht und Vertreibung in den Schulen dienen soll. Das fand die volle Zustimmung des Saales, es ist aber abzuwarten, wieviel ernsthafter Gebrauch davon gemacht wird.

Neben der Schule ist nach wie vor die Familie der wichtigste Wissens- und Erinnerungsträger. Geht man davon aus, daß heute jeder vierte Einwohner des Landes ostdeutsche Wurzeln hat, stellt sich die Frage, was das Bewußtsein der ostdeutschen Herkunft selbst bei den Heimatvertriebenen verdrängt haben könnte. Ist das der Preis für die erfolgreiche wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration der Heimatvertriebenen in die bundesdeutschen Aufnahmeländer? Wie kam es dazu, daß zwar in nahezu jeder deutschen Stadt Straßen und Plätze nach ost- und südostdeutschen Landschaften, Orten oder Persönlichkeiten benannt worden sind, die Zahl derer jedoch, die damit konkrete Vorstellungen verbinden, immer geringer wird? Könnte ein Hinweis unter dem Straßennamen, wie er oft für Bürgermeister oder Bürgerrechtler hinzugefügt wird, hier dem kollektiven Vergessen entgegenwirken?

Neben notwendigen landespolitischen Maßnahmen sind es ja oft die scheinbar kleinen Einrichtungen, die in ihrer Masse erheblich beizutragen vermögen, die Geschichte und Tragik der ehemaligen deutschen Siedlungsgebiete im Bewußtsein zu festigen. Zu selten denken wir daran, daß damit Kernbereiche der deutschen Kultur verbunden sind und sich nicht alles ausschließlich von Schmach überlagert darbietet. Im Ergebnis erinnert selbst die Vertreibung an sich nicht nur Leid und Verlust, sondern vorrangig an die beispielhafte Integrationskraft der Bundesrepublik und die friedliche Integrationsfähigkeit von Millionen deutscher Heimatvertriebener. Mit diesem Wissen im Hintergrund wäre eine verstärkte Bereitschaft für den offenen Umgang mit den Ereignissen und Fragen zu erwarten, die sich ergeben oder noch der Klärung bedürfen. Ein Schritt in dieser Richtung war die Tagung „Schicksal und Bewältigung der Flucht und Vertreibung von Deutschen und Polen“, die der OKR in drei Abschnitten veranstaltet hat und zu der jetzt ein Tagungsband im Verlag Georg Olms erschienen ist.  Eine Besprechung folgt.

Es ist den Deutschen so neu nicht, daß nicht alles zu haben ist, über alles zu reden aber hat auch dann einen Sinn, wenn alles verloren ist.

Franz Heinz (KK)

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