Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1261.

Mittler, in Glauben gehüllt

Gerhardt Csejka löst ein, was der von ihm übersetzte Mircea Cartarescu vom Engel fordert, vor allem aber er von sich selbst

Versprochen, erfüllt: Seit dem 5. Juni dieses Jahres wird der NRW-Übersetzerpreis, dotiert mit 25000 Euro, jährlich verliehen. Der Preis wird alle zwei Jahre von der NRW-Kulturstiftung ausgelobt und im Europäischen Übersetzerkollegium Straelen von Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff überreicht. Geehrt wird mit diesem Preis zwar immer eine aktuelle Übersetzung, gemeint ist aber auch das Gesamtwerk eines Übersetzers.

In diesem Jahr ging der Preis, einer der höchstdotierten Übersetzerpreise in Europa, an Gerhard Csejka, geboren im rumänischen Banat, ehedem literarisch tätig in Bukarest, seit 1986 in der Bundesrepublik Deutschland lebend. Schon als DAAD-Stipendiat sorgte er damals für die Verbreitung rumänischer Literatur in Deutschland. „Vorbelastet“ durch seine Tätigkeit als Redakteur der rumäniendeutschen Literaturzeitschrift „Neue Literatur“, bedrängt durch den rumänischen Geheimdienst Securitate, wußte er um die Schwierigkeiten neuer deutschsprachiger wie rumänischer Literatur in seiner Heimat.

Rolf Bossert, Richard Wagner, Herta Müller, Franz Hodjak – um nur einige mittlerweile im bundesdeutschen Literaturbetrieb verankerte Autoren zu nennen – gehörten damals zu seinen Freunden, einige aufgrund des Altersunterschieds auch zu seinen Schützlingen. Eine Zeitlang bot er mit dieser auslandsdeutschen Literaturzeitschrift ein im ganzen sozialistischen Block einmaliges Forum, das er dann nach der rumänischen Revolution als „Zeitschrift für Querverbindungen“ zwischen ostmitteleuropäischen Literaturen und dem Westen wiederbelebte. Lehraufträge in Mainz und Frankfurt komplettieren sein Bemühen um die Verbreitung rumäniendeutscher und rumänischer Literatur und Kultur.

Über sein aktuelles Werk – die Übersetzung des Romans „Die Wissenden“ von Mircea Cartarescu (Paul Zsolnay Verlag, Wien) – urteilt die Jury: „Mit sprachgewaltigen Wortschöpfungen beschreibt Csejka die Verwerfungen der rumänischen Geschichte des 20. Jahrhunderts und gibt Einblick in die eisenstarren, zwischen Realität und Paranoia schillernden totalitären Systeme.“ Wie bitte?

Csejka beschreibt? Wo bleibt der Autor?

Hier breitet sich das neue Verständnis aus, das eine Übersetzung als eigenständige, der Vorlage ebenbürtige Arbeit betrachtet. Schon Karl Kraus hatte folgenden Imperativ für den Übersetzer: „Üb ersetzen!“

Der Preis richtet den Leserblick auf ein Land, von dem man derzeit eher schlechte Nachrichten aus der Sphäre der Politik gewohnt ist. Cartarescu, der am gleichen Tag den Rumänischen Staatspreis – ebenfalls 25000 Euro – verliehen bekam, gilt als einer der erfindungsreichsten, phantasievollsten Autoren Rumäniens. „Die Wissenden“ ist der erste Band einer Trilogie. In seiner Dankesrede umreißt Csejka die Schwierigkeiten: „Stets geht es um alles, stets liefert die Sprache ungemein dichte, drängend präzise Beschreibungen der Mehrschichtigkeit, Mehrdeutigkeit des wahrgenommenen sowie des subjektiven Erlebens von Wahrnehmung. Stets scheint der ganz Beziehungsreichtum der Sprache aus der gesamten einschlägigen Menschheitserfahrung gespeist.“

Dabei hat, so könnte man argumentieren, der Autor doch alles ganz eindeutig gemeint, denkt man an das Votum der Jury. Von wegen. Wo der Autor in seiner Sprache Eindeutiges sagt, muß der Übersetzer überlegen, wie es adäquat in seiner Sprache gemeint sein könnte, um erstens dem Autor und zweitens dem Verständnis des anderen Kulturkreises gerecht zu werden. Noch einmal die Jury: „Csejka als Übersetzer löst ein, was Cartarescu vom Engel fordert: Er ist „der Mittler, der, in Glauben gehüllt, vom Geist ausgeht und die Materie bewegt, sie formt und gefügig macht“.

Das Preisgeld hilft Csejka, die Übersetzung von Cartarescus Trilogie fortzuführen. Er hat es freudestrahlend versprochen.

Ulrich Schmidt (KK)

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