Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1338.

Mobil nicht nur im übertragenen Sinn

In Ratingen rollen Exponate ins Museum, die in Schlesien einst als Inbegriff der Moderne gegolten haben

Mobil-nicht-nurDas für seine lebendigen und hervorragend inszenierten Themenausstellungen seit Jahren bekannte Oberschlesische Landesmuseum (OSLM) stellt sich auf neue Aspekte ein.

Gerade war die beziehungsreiche Ausstellung zu der Epoche Napoleons und den schlesischen Beiträgen in den Freiheitskriegen in aller Munde. Eine bei Glatz von bayerischen Truppen 1807 erbeutete preußische Kanone, der im gleichen Jahr unterzeichnete Tilsiter Friedensvertrag, das königliche Entwurfschreiben zum Breslauer Aufruf „An mein Kriegsheer“ von 1813 und die Schlussakte des Wiener Kongresses von 1815 waren einige Exponate von nationaler Bedeutung. Doch parallel zu den internationalen Rücktransporten beschäftigte das Museumsteam die Zuführung der nächsten Ausstellungsstücke. Die hängen mit der Verkehrsgeschichte und gesellschaftlichen Mobilität zusammen.

Statt des halbstündlichen Linienbusses hielt an einem sonnigen Herbstnachmittag Ende Oktober ein oberschlesischer Autotransporter an der Bushaltestelle Oberschlesisches Landesmuseum im Ratinger Stadtteil Hösel. Wie bei einem Autohaus lud er Fahrzeuge ab. Diesmal gab es zwar nicht Neuheiten der Autoindustrie, aber gleichfalls unbekannte Typen zu sehen. Zwei historische Fahrzeuge als Zeugen der rasanten Entwicklung des Verkehrswesens und verbesserten individuellen Mobilität seit Beginn des 20. Jahrhunderts kamen zum OSLM.

Das Ratinger Museum hat dank seiner in- und ausländischen Partner mit jeder Ausstellung in den letzten Jahren besondere Raritäten vorgeführt. Die gerade angelieferten Fahrzeuge sowie ein schon mit eigener Kraft eine Teilstrecke ins Museum gefahrener Polski-Fiat 126, hergestellt in Tichau, haben es den Gästen sofort angetan. „Toller Zustand, so was war früher unser Traum“, so der durchgängige Kommentar.

Im oberschlesischen Neisse/Nysa entstand 1952 ein Karosseriewerk. Die ersten Prototypen des „Nysa“ genannten Transporters verließen 1957 das ehemalige preußische Festungsgelände. Aus der späten Produktion konnte das OSLM eine Sonderausführung in Warschau aufspüren. Im Jahr 1987 wurde eine Kleinserie als Feldpostamt für einen höheren Armeestab hergestellt. Kurz danach fand ein OSLM-Mitarbeiter auch einen Pritschenwagen aus dem Jahr 1992. Solche Fahrzeuge seien als sozialistische Austauschproduktion insbesondere in die DDR gegangen. Das gut gepflegte Fahrzeug wurde zuletzt noch von einer kleinen Firma im Oderstädtchen Krappitz/ Krapkowice nahe Oppeln gefahren.

Für den Museumschef eine persönliche Reminiszenz, denn das noch gültige Kennzeichen mit den Anfangsbuchstaben OKR verweist ihn auf den Ostdeutschen Kulturrat, wo er im Jahr 1992 seine berufliche Laufbahn begann. Für den Museumsleiter waren die beiden Angebote keine leichte Abwägung: Museen können und sollen sammeln. Was tut man bei zwei Typenvarianten? Zusammen sind sie die beste Anschauung. Da haben wir uns gerne für beide entschieden.

Das erbrachte zwar in Polen längere Transportwege, doch auf der Strecke nach Ratingen nur eine Lieferung. Mit der Anlieferung an der Bushaltestelle endete die erste Phase dieser besonders großen Exponate. Beim Oberschlesischen Museum in Beuthen gab es zwischendurch einige technische Untersuchungen und Instandsetzungen an dem kleinen Fiat, seinerzeit „Maluch“, der Kleine, genannt. Eine Museumsmitarbeiterin übernahm das 1984 in Tichau/Tychy gebaute Gefährt und machte sich mutig zur langen Reise ins Rheinland auf, eine Heimreise besonderer Art. Was einst die Straßen in Polen füllte, das war nun ein Hingucker. Angesichts heutiger Motorisierung und Geschwindigkeit kann man alle drei Fahrzeuge nachgerade als rollende Hindernisse bezeichnen.

Viele Fragen zu diesen Kraftfahrzeugen sind noch offen. Verkehrsgeschichte zu erforschen, Typen einzuordnen und auch die Konservierung sind Aufgabe für Museumskuratoren. Einige Hinweise sind von Zeitzeugen zu erwarten. Da es in Polen sogar den „Nysa-Fan-Club“ gibt, werden neue Blicke und Kontakte nach Ratingen geschaffen. Auf diese Zusammenarbeit versteht sich das OSLM bestens. Ein Partnerschaftsabkommen wurden 2013 verlängert und zwei zusätzliche unterzeichnet. Mit dabei sind nun das Technik- und Eisenbahnmuseum in Königszelt/Jaworzyna Slaska und die Öffentliche Woiwodschaftsbibliothek in Oppeln. Sie hatte den Kontakt zum Eigner der Nysa hergestellt.

Die Neisser Etappe der Verkehrsgeschichte währte übrigens nur befristet. Im Jahre 1994 liefen die letzten Fahrzeuge vom Band. Gegen die westliche Konkurrenz wie Mercedes Sprinter oder Ford Transit konnten diese einfachen Konstruktionen nicht bestehen.

Spannend wird es zudem, ob und wie die Autos in das Museum passen. Der moderne Funktionsbau in Hösel wurde vor 1998 von den Planern nicht für Großobjekte ausgelegt. Bei der Luftfahrtausstellung 2010 waren zwar sogar schon Flugzeuge ins Gebäude gebracht worden, aber Autos noch nie. Der „Maluch“ wird das einfach schaffen. Bei den beiden größeren Fahrzeugen werden die Spezialisten vom THW Ratingen mitwirken.

Stephan Kaiser (KK)

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