Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1358.

Moderne jenseits der Metropolen

Auch im ostpreußischen Allenstein nahm manche Weltveränderung ihren Anfang, zeigt das dortige Museum der Moderne

Moderne-jenseits1Das neu eröffnete „Museum der Moderne“ der Stadt Allenstein zeigt auf zwei Etagen die technische Entwicklung der letzten beiden Jahrhunderte innerhalb des Stadtgebietes und über dessen Grenzen hinaus. „Die Sprache der Ausstellungstafeln ist Polnisch, aber die beschriebene Geschichte ist deutsch.“ Diese Feststellung traf Wolfgang Freyberg, der Direktor des Kulturzentrums Ostpreußen Ellingen, als er jüngst das 2014 eröffnete Museum der Moderne (Muzeum Nowoczesnosci) am neu gestalteten Stadtpark der Stadt Allenstein besuchte.

Das kann man beim Betrachten der Zeichnungen, Pläne, Fotografien und Exponate feststellen. Die originalen Stadtpläne geben eine Übersicht über die vielfältigen technischen Projekte in der ostpreußischen Stadt aus der Zeit lange vor dem Ersten Weltkrieg bis 1945.

Die Entwicklung der Verkehrslinien der Stadt mit Straßenbahn, Omnibus und O-Bus von 1907 und 1939 wird, reich bebildert mit Aufnahmen von Triebwagen der Waggon- und Maschinenfabrik A. G. Bautzen und Büssing-Bussen, beschrieben und ergänzt durch den Fahrplan der Straßenbahn aus dem Jahre 1913, originalen Fahrscheinen und dem aus Fotos und Beschreibungen rekonstruierten Modell des ersten Straßenbahnwagens.

Weitere ausführlich dargestellte Themenbereiche sind die Entstehung der Gas- und Wasserver- sowie der Abwasserentsorgung der Stadt sowie der Ausbau der Stromversorgung. Bilder zeigen die ökonomische Entwicklung in der Region wie die Geschichte und Erzeugnisse des Automobilbauers Komnick und des Maschinen-, Schiffs- und Lokomotivenbaubetriebes Schichau in Elbing. Ein Kapitel ist dem gesamten Brauwesen Ostpreußens gewidmet, zahlreiche Originalflaschen werden als Schaustücke präsentiert. Zudem wird die Gewerbeausstellung Allenstein 1910 in allen ihren Details dargestellt.

Die 1912/1913 gebaute Aufzugkabine aus dem Allensteiner Rathaus steht als Original-Schaustück im ersten Stockwerk des Museums. Dort wird der Postdienst in Ostpreußen mit echt gelaufenen Belegen, die Entwicklung des Eisenbahnwesens, der Telefon- und der Telegrafenverbindungen erläutert. Die Entstehung des planmäßigen Flugverkehrs mit dem Flugplatz Deuten und dem Militärluftschiffhafen Diwitten, die Erweiterung des Oberländischen Kanals zwischen Osterrode und Allenstein und das Pressewesen werden erklärt.

Moderne-jenseits2Die damals aufkommende Familienfotografie hat sich in einer Sammlung von Porträts aus dem späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhundert sowie Fotografien von Geschäfts- und Privaträumen aus der gleichen Periode niedergeschlagen. Große Bildtafeln sind Ostpreußens Erfindern und Forschern gewidmet. So sind die Lebenswerke von Wilhelm Wien, der 1911 den Nobelpreis für Physik erhielt, und Emil von Behring, dem Träger des ersten Nobelpreises für Physiologie oder Medizin, von Architekt Erich Mendelsohn und von Johann Hermann Ganswindt, dem Erfinder und Raketenpionier, ausführlich erläutert. Ein Raum ist der am 15. April eröffneten Sonderausstellung über den aktuellen Zustand des Masurischen Kanals gewidmet.

Das Museum befindet sich im 1884 in Fachwerkbauweise errichteten Sägwerk von Louis und Rudolf Raphaelsohn in der Nähe des Stadtparks. Mit seinem hohen Schornstein ist es das einzige erhaltene Relikt des alten Industriegebietes von Allenstein aus der Zeit der dynamischen Entwicklung der Stadt in der zweiten Hälfte des 19. und dem frühen 20. Jahrhundert. Hier lagen weitere Sägewerke, ein Gaswerk, eine Maschinenfabrik, Brauereibetriebe und eine Essig- und Senffabrik. Einst befand sich an der Gebäudeseite zur Alle ein Wasserbecken, das zum Aufsammeln des treibenden Holzes diente.

1930 wurden die Gebäude von den Stadtwerken übernommen. Nach dem Zweiten Weltkrieg vorgenommene Änderungen am Gebäude verwischten die ursprüngliche Funktion. 1987 wurde das Werk aufgeben und blieb dem Verfall ausgesetzt. 2011 begannen die Sanierungsarbeiten für das Regionalzentrum der Technik und Entwicklung. Das Centrum Techniki i Rozwoju Regionu Muzeum Nowoczesnosci ist Montag bis Donnerstag von 11 bis 18 Uhr und Samstag und Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet, Freitag geschlossen. Weitere Informationen gibt es auf der polnischen Homepage https://tartak.mok.olsztyn.pl/.

Manfred E. Fritsche (KK)

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