Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1305.

Mutige Wünsche

Hat ein christliches Europa Zukunft? Die Prämonstratenser sagen ja und arbeiten seit dem 12. Jahrhundert daran

Nicht nur der mächtige ottonische Dom mit der Grablege Kaiser Ottos I. erinnert in Magdeburg an den Beginn der Ostkolonisation. Zu den ersten, die die Elbe ostwärts überschritten, gehörten die Prämonstratenser, die gerade das Gedenkjahr für ihren vor 875 Jahren gestorbenen Gründer St. Norbert beendet haben. Über Jerichow, Havelberg, Leitzkau, Brandenburg bis Usedom gründeten sie ab 1130 ihre Klöster mit den riesigen – heute evangelischen – Backsteindomen. Für Jerichow wird vermutet, daß die Prämonstratenser einen slawischen Ortsnamen nach dem biblischen Ort umgeformt haben. Im Garten des Kreuzgangs steht eine moderne Skulptur von Propst Isfried (1158–1178). Im heute evangelischen Dom von Havelberg gibt es eine katholische St. Norbert-Kapelle.

Zwei Brüder Dölken, zwei Prämonstratenser-Chorherren: Thomas Albert ist Abt der Prämonstratenser in Duisburg/Hamborn, Clemens die treibende Kraft der drei Prämonstratenser in Magdeburg im abhängigen Priorat der Abtei Hamborn.

Der Patron der Diözese Magdeburg, der heilige Norbert von Xanten, gründete 1121 im französischen Prémonstre den Orden der Prämonstratenser. 1126 bis 1134 wirkte er als Erzbischof von Magdeburg und hinterließ deutliche Spuren, denen jetzt wieder gut nachzugehen ist. 1632, nach der Reformation und der Zerstörung Magdeburgs im Dreißgjährigen Krieg, sah es nicht mehr danach aus. Seine Gebeine kamen ins Kloster Strahow in Prag, wo sie in einem kostbaren Schrein verwahrt sind. 365 Jahre vergingen, bis die Prämonstratenser-Chorherren in ihrer weißen Tunika 1991 nach Magdeburg zurückkehrten. Die erste Bleibe fanden sie in einem heruntergekommenen Mietshaus. Der Berichterstatter erinnert sich, wie die Patres damals die Türen ihrer Etagenwohnung abschliffen, als er sie unangemeldet besuchte. Mitten unter den Menschen wollten sie leben, zunächst neugierig und argwöhnisch betrachtet.

Pater Clemens Dölken, Theologe und Dr. rer. pol., war der Mann der ersten Stunde. Heute ist er nicht nur der beliebte Seelsorger und Betreuer der katholischen Studentengemeinde, sondern auch Direktor des von ihm gegründeten Werks Subsidiaris – Hilfswerk für Kirche und Gesellschaft. Das Haus Ottenbergstraße 15 steht unweit der Universität. Dort ist der Mittelpunkt für ihn und seine Mitbrüder Andreas sowie den 2009 zum Priester geweihten Oliver.

„Mediathek für Kindergarten-Pädagogik, Europäische St. Norbert Stiftung, Dialogforum Kirche – Wirtschaft – Gesellschaft, Fiduziarische Stiftung in Treuhänderschaft von Subsidiaris – Hilfswerk für Kirche und Gesellschaft e.V., Norbertjahr-Servicestelle“, das alles ist am Eingang zu lesen. Dabei fehlt noch der Name des Norbertus Verlags.

Magdeburg, Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, zählt unter den 220000 Einwohnern etwa 10000 Katholiken und 20000 evangelische Christen. Einige Kirchen sind entwidmet, so das Gründungskloster der Prämonstratenser, in dem der Landtag kürzlich der Wende gedachte. Aber in goldenen Lettern steht heute an der Außenfront: „Unser Lieben Frauen“. Aus dem wiederaufgebauten Kloster wurde ein Museum, aus der Kirche eine Konzerthalle. Vorn im rechten Querhaus blieb die Grabplatte des heiligen Norbert, das Grab lag wahrscheinlich bei der Krypta.

875 Jahre nach seinem Tod beging Magdeburg das über zwei Jahre angelegte „Norbertjahr“ zu dessen Abschluß auch Ministerpräsident Wolfgang Böhmer kam, um den Prämonstratensern für ihre segensreiche Arbeit zu danken. Spätestens seit dem 6. Juni, dem Namenstag des heiligen Norbert, wissen viele Magdeburger um dessen Bedeutung, und zwar nicht nur durch das im österreichischen Prämonstratenserstift Schlägl gebraute „Norbertbier“, das an den beiden Festtagen beim Klostermarkt ausgeschenkt und im Klosterladen verkauft wurde. Im einstigen Kloster fand auch die offizielle Eröffnung statt, Zukunftsvisionen für ein christliches Europa entwickelte der Ministerpräsident – recht mutig, wenn man bedenkt, daß in seinem Bundesland nur noch 18 Prozent Christen wohnen.

Magdeburg hat mit rund 11 Prozent eine hohe Arbeitslosenzahl. Grund genug für Pater Clemens, getreu dem Wahlspruch des Ordens, „Ad omne opus bonum paratus“ (Zu jedem guten Werk bereit), wenigstens einigen Arbeit zu verschaffen. Die Idee ist originell: Man setzt Langzeitarbeitslose an die Schriftenstände in den Kirchen und verwirklicht damit das Prinzip „Offene Kirchen“. Dabei ist es nicht verwunderlich, wenn auf religiöse Fragen nur ein ratloses Achselzucken folgt. Religiösen Unterricht haben die Arbeitslosen nicht bekommen, oder er hat nicht gefruchtet.

Die gotische Magdalenenkapelle direkt am Elbufer wurde durch Magistratsbeschluß bereits 1991 Subsidiaris übergeben. Sie dient jetzt als „Trauerort“, wo für Verstorbene gebetet, ihrer gedacht werden kann. Man kann sich nur ins Trauerbuch eintragen oder ein Gespräch vereinbaren. Visionär sieht Clemens hier einen „Frauenort“, eine Beginengemeinschaft wachsen, eine ökumenische Fraueninstitution. Gleich neben der Kapelle wirken die Prämonstratenser in St. Petri, der Kirche der Hochschulgemeinschaft, und daneben steht das neue Gebäude der Katholischen Studentengemeinde.

Die Mediathek im Erdgeschoß des Hauses Subsidiaris verleiht kostenlos Arbeitsmaterialien – Bücher wie elektronische Unterrichtsmittel an Kindergärtnerinnen und Erzieher. Gute Kinder- und Jugendbücher ergänzen den Bestand. Natürlich hat auch hier wieder eine Langzeitarbeitslose einen Ein-Euro-Job zusätzlich zu Hartz IV gefunden.

Pater Oliver – selbst ehemaliger Georgspfadfinder – hat 2009 eine inzwischen auf dreißig Kinder angewachsene Pfadfindergruppe gegründet. Pater Clemens, der noch keinen Tag bereut hat, nach Magdeburg gegangen zu sein: „Wie zu Norberts Zeiten bedarf es der Umorientierung und auch mancher Umgestaltungen in Kirche und Gesellschaft, um die christliche Botschaft leuchten und nicht verdunkeln zu lassen.“ Leider fehlen die Kräfte, um die einst von Magdeburg aus getätigten Prämonstratenser-Gründungen aufleben zu lassen.

Zum Jubiläumsjahr erschienen der Katalog zur Ausstellung „Norbert – Patron des Bistums Magdeburg“. Mehr unter: info@norbertjahr.eu oder subsidiaris@t-online.de.

Norbert Matern (KK)

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