Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1298.

Mythologische Bastelstuben

Wie aus den Kriegern von Tannenberg nationale Wackeldackel wurden oder Des Pudels polnischer und deutscher Kern

Zunächst eine Klarstellung: Das historische Schlachtfeld liegt zwischen den drei ostpreußischen Dörfern Tannenberg, Ludwigsdorf und Grünfelde – Grünfelde hei ßt auf polnisch Grunwald, Ludwigsdorf Lodwigowo und Tannenberg Stebark. Die Polen sprechen stets von der „Schlacht von Grunwald“.

Diese Schlacht vom 15. Juli 1410 zwischen den Heeren des Deutschen Ritterordens und des polnisch-litauischen Königreiches hat im Geschichtsbewußtsein Polens eine wesentlich größere, mythische Bedeutung erlangt als in Deutschland. Gleichwohl ist sie auf beiden Seiten der politischen und historischen Instrumentalisierung unterlegen. Deshalb ist die Kenntnis der jeweils anderen Auffassung für einen deutsch-polnischen Dialog unerläßlich.

Bis heute haftet dem Deutschen Ritterorden in polnischer Sicht etwas Negatives an, was ursprünglich jedoch keineswegs der Fall war. Wie kam es zu dieser Wandlung? Der polni-sche Schriftsteller Adam Mickiewicz (1798–1855), der Schöpfer des polnischen Nationalepos „Pan Tadeusz“, verfaßte seine drei Kreuzritterromane im nach den Teilungen russischen Teil Polens. Da er wegen der Zensur nicht offen schreiben durfte, wählte er statt der Moskowiter, die er eigentlich treffen wollte, die „Kreuzritter“. Der polnische Literaturhistoriker Bruchalski schreibt über „Konrad Wallenrod“, einen der drei Romane: „Eine Erzählung, die hinter der Form der Allegorie das wichtigste Problem des ganzen Volkes verbirgt: den Kampf auf Leben und Tod mit Rußland.“ (Lemberg 1922) Doch bald schon vergaß man den ursprünglichen Sinngehalt seiner Werke: den Kampf gegen die russische Unterdrückung. Es blieb das Bild von den blutgierigen, grausamen „Kreuzrittern“, das später anderweitig ausgebaut wurde.

Ob im und mit dem Eisen wie der böhmische Ritter…

Diese merkwürdige Geschichte des polnischen Kreuzritter-Komplexes ging schließlich im Wirrwarr neuer Legenden unter und fristet in nur wenigen wissenschaftlichen Werken ein unbeachtetes Dasein. Die meisten Polen wissen heute von diesen Zusammenhängen nichts mehr. Henryk Sienkiewicz schrieb mehrere Romane über dieses Thema, der bekannteste, „Die Kreuzritter“ (1900), wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in Polen verfilmt. Ihm ging es nicht um die Schaffung eines historischen Werkes, sondern um künstlerische Konstruktionen, die seinem damals in Unfreiheit und unter drei Nachbarstaaten geteilten Volke leidenschaftlichen Abwehrgeist und den Glauben an einstige und künftige Größe einflößen sollten. Er schrieb, wie er selbst sagte: „Zur Erhebung der Herzen“. Dieser keineswegs unrechten Tendenz zuliebe hat er historische Tatsachen nicht nur einseitig dargestellt, sondern oft bis zur Unkenntlichkeit entstellt und dabei seiner schöpferischen Eingebung keinerlei Schranken gesetzt. So hat die Kunst des Nobelpreisträgers den poetischen Mythos seines Werkes zur geschichtlichen Überlieferung werden lassen und dem Geschichtsbild vieler Generationen in Polen einen Stempel aufgedrückt. Doch dieses Geschichtsbild ist ein Zerrbild.

Es zeigt die „Kreuzritter“ als charakterlos, feige, wortbrüchig und grausam. Dagegen schreibt der polnische Wissenschaftler Professor Tadeusz Ladenberger: „Im Norden waren die Pioniere der Kolonisation die deutschen Ordensritter. Der Orden brachte es fertig, im Kulmer Land in hundert Jahren anstelle einer schwach besiedelten Wildnis volkreiche Städte und Dörfer anzulegen und das Land zur Blüte zu bringen. Ein Jahrhundert genügte, um es, mit keineswegs bestem Boden, vorwiegend Lehm, so zu besiedeln, daß es die höchste Bevölkerungsdichte Polens erreichte.“ (Lemberg 1930)

…oder ohne wie der litauische Krieger: in der Überhöhung durch Jan Matejka zeigt sich erst recht die Fratze der Gewalt

Fast vergessen ist, daß Herzog Konrad von Masowien den Orden selbst einst gegen die Pruzzen ins Land gerufen hatte. Einer der Gipfelpunkte der Greuelliteratur über den Deutschen Orden ist Stefan Zeromskis
Roman „Wiatr od morza“ (Wind vom Meer, 1922). Der Hochmeister Hermann Balk wird hierin mit dem Teufel gleichgesetzt. Der Satan selbst rät ihm, im Namen Jesu zu morden, zu verbrennen usw. Selbst Zofia Kossak läßt in ihren Bildern aus der Geschichte Polens kein gutes Haar am Deutschen Orden. Die Kämpfe mit dem Orden werden in Polen gerne als hervorragender Teil der „tausendjährigen deutsch-polnischen Erbfeindschaft“ angesehen. Dabei wird zweierlei außer acht gelassen. Erstens handelte es sich beim Deutschen Orden nicht um das Deutsche Reich, sondern um ein souveränes Staatsgebilde sui generis. Und zweitens ist der nationale Gegensatz im heutigen Sinne eine Entwicklung späterer Jahrhunderte, vor allem des 19. Jahrhunderts. Das angeblich so finstere Mittelalter kannte derartige „Errungenschaften“ noch nicht …

In der Schlacht von Tannenberg, die in Polen stets „Schlacht von Grunwald“ genannt wird, begegneten sich in Wirklichkeit auf der einen Seite das nur ca. 30000 Mann starke Heer des Ordensstaates, in dem Ritter aus fast ganz Europa mitkämpften, und auf der Gegenseite 50000 Polen, Litauer, Ukrainer, Tataren und sogar Deutsche. Die Kosten des Feldzuges trugen hauptsächlich die deutschen Städte des polnisch-litauischen Großreiches. Lemberg allein zahlte damals 48000Polnische Silbergroschen. Es ist urkundlich belegt, daß deutschen Mitstreitern von Polen zum Dank Land und Titel verliehen wurden.

König Wladislaw Jagiello baute zum Andenken an die Schlacht das Brigittenkloster in Lublin und besetzte es mit deutschen Nonnen. Seine Kirche trägt heute den Namen „Kirche der Triumphierenden Muttergottes“. 1520 finanzierte der deutsche Handelsherr Hans Boner aus Krakau den Feldzug des polnischen Königs Sigismund gegen den Deutschen Orden.

Man sieht: von einem Kampf des deutschen gegen das polnische Volkstum kann nur beim bösesten Willen gesprochen werden. Derartige Fehlinterpretationen und politische Instrumentalisierungen blieben dem Zeitalter des Nationalismus vorbehalten. In der polnischen Literatur bis etwa 1820 fehlt bezeichnenderweise die erst danach einsetzende Gehässigkeit gegen die „Kreuzritter“ völlig! Nur wer all diese Dinge kennt, wer weiß, daß die Begriffe „Kreuzritter“, „Deutscher Ritterorden“ und „Grunwald“ sowie das Symbol des Ordens, das schwarze Kreuz auf weißem Grund, sich als Engramme tief im das Bewußtsein des polnischen Volkes eingegraben haben, der versteht auch, daß beispielsweise das Balkenkreuz auf den Panzern der Bundeswehr oder das Bild Adenauers im Rittermantel, das nach seiner Aufnahme in den Deutschen Orden in Wien durch die Presse ging, bei den Polen seinerzeit heftige Gemütsreaktionen hervorriefen. Beides scheint ihnen eine Bestätigung für das Fortdauern eines deutschen „Revanchismus“. Beliebt ist in Polen auch das Wortspiel Grunwald – Grunewald. Gern wird die Linie gezogen vom polnischen Sieg 1410 zur Eroberung des Berliner Grunewaldes 1945.

Der historischen Wahrheit zuliebe darf natürlich nicht unerwähnt bleiben, daß „Tannenberg“ auch auf deutscher Seite gern politisch vereinnahmt wurde. Sozusagen als deutsches „Kontrastprogramm“ sah Hindenburg Ende August 1914 seinen Sieg über die in Ostpreußen eingedrungene russische Armee unter General Samsonow als „Wiedergutmachung“ der Niederlage des Deutschen Ordens 1410. Und so gab er seinem Sieg den Namen „Schlacht von Tannenberg“. An den Tod des Ordenshochmeisters Ulrich von Jungingen erinnerte zu deutscher Zeit ein Findling mit der Inschrift „Im Kampf für deutsches Recht und deutsches Wesen starb hier am 15. Juli 1410 der Hochmeister Ulrich von Jungingen dem Heldentod“.

Jedes Volk hat seine Mythen. Man sollte diese als solche erkennen, sehen und behandeln, sie aber auf gar keinen Fall mit der Elle der historischen Wahrheit messen wollen.

Sigismund Freiherr von Zedlitz (KK)

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