Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1275.

Na also! Rumäniendeutsche Literatur, Securitate und DDR

Die zwanzig Jahre, die sich im Dezember 2009 seit dem Ende des kommunistischen Zwangsregimes in Rumänien erfüllen, nimmt das Institut für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas an der Ludwig-Maximilians-Universität München (IKGS) zum Anlaß, sich in seiner wissenschaftlichen Recherche nachdrücklicher einem besonderen Aspekt der Geschichte der Rumäniendeutschen während der Diktatur in diesem ehemaligen Ostblockland zuzuwenden. Wie die übrigen Bürger Rumäniens waren auch die Rumäniendeutschen, im besonderen ihre Intellektuellen, vom berüchtigten Geheimdienst Securitate peinlichst beobachtet und verfolgt worden. Nun, nach der freilich sehr späten Freigabe der Archivakten über diese obrigkeitliche Ausschnüffelung, können Betroffene wie auch Wissenschaftler (bei der rumänischen Behörde zur Aufbewahrung der Unterlagen des ehemaligen kommunistischen Geheimdienstes/CNSAS in Bukarest) Einblick in diese verstörenden Dokumente jahrzehntelanger Bespitzelung nehmen und so versuchen, Hintergründe und Zusammenhänge aus historischer Perspektive zu erkennen, zu beurteilen und darzustellen.

In Heft 1/2009 der vom IKGS publizierten Zeitschrift informiert Institutsleiter Stefan Sienerth in der Rubrik „Das aktuelle Thema" über dieses Forschungsvorhaben. Für Dezember 2009 plant das IKGS in Zusammenarbeit mit dem CNSAS dazu in München neben einer Ausstellung, die in Kopien Unterlagen über rumäniendeutsche Schriftsteller aus den Beständen des CNSAS präsentiert, auch eine wissenschaftliche Tagung zum Thema „Rumäniendeutsche Literatur und Securitate". Ebenso sollen in den „Spiegelungen" zur Problematik in lockerer Folge Beiträge erscheinen. Der Anfang wird im vorliegenden Heft mit zwei Untersuchungen gemacht, in denen Dokumente der Securitate bzw. der Stasi ausgewertet werden.

Über den siebenbürgisch-deutschen Schriftsteller Paul Schuster (1930–2004) im Visier des rumänischen Geheimdienstes hat der Literaturwissenschaftler Stefan Sienerth recherchiert und dazu rund 1500 Seiten durchforstet. Die Überwachung des Autors zwischen den Jahren 1961 und 1972 wird nachvollzogen. Geheimdienstoffiziere aller Rangordnungen und zahlreiche Spitzel, so genannte IM (Informelle Mitalbeiter), unter ihnen Personen aus seinem engeren Bekanntenkreis, die unter Decknamen tätig waren, beschäftigten sich mit ihm zunächst wegen seiner freundschaftlichen Beziehungen zu dem bewunderten deutsch-jüdischen Bukowiner Dichter Moses Rosenkranz (1904–2003), der in den geheimdienstlichen Akten als regimegegnerisches, „gemeingefährliches Element" geführt wurde und nach seiner Ausreise in den Westen weiterhin unter Beobachtung stand. Darauf geht der Beitrag, der sich stellenweise wie ein Agenten-Thriller liest, detailliert ein.

Daß rumäniendeutsche Autoren auch ins Blickfeld des Geheimdienstes der ehemaligen DDR geraten waren, belegt ein Stasi-Dokument aus dem Jahre 1972, das von Georg Herbstritt, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Berliner Stasiunterlagen-Behörde, ediert, kommentiert und „entmythifiziert" wird. Der Autor weist die rumänischen Ursprünge des Dokuments nach und zeigt auf, wieso darin liberale Hochschullehrer und Literaten als siebenbürgische Separatisten dargestellt wurden. Der zitierte geheimpolizeiliche Bericht über die Klausenburger „reaktionäre Gruppe" mit Angaben zu „einigen führenden Mitgliedern" (Michael Markel, Peter Motzan, Brigitte Tontsch, Bernd Kolf, Franz Hodjak) wurde, was ihn wirkungsgeschichtlich interessant macht, von der Stasi-Behörde als streng geheime Information u. a. dem DDR-Außenminister vorgelegt.

In der Rubrik „Literarische Texte" machen die „Spiegelungen" mit von Claudia Dathe übersetzten Gedichten auf eine ungewöhnliche junge Dichterstimme aus der Ukraine, den 1987 geborenen Andrij Ljubka, aufmerksam. Der Siebenbürger Dieter Schlesak widmet „Epitaphe" in Gedichtform den rumäniendeutschen Autoren Alfred Margul-Sperber, Nikolaus Berwanger, Paul Schuster und Ursula Bedners. Zum 80. Geburtstag von Bettina Schuller erscheinen unter dem Titel „Herrgott, ich spreche zu dir" Prosafragmente der Kronstädter Autorin. Der Germanist Walter Engel erinnert in seinem Aufsatz „Vielschichtiges Wirken für das Banater schwäbische Selbstbildnis" an den Dichter, Übersetzer und Kunsthistoriker Hans Diplich, der vor hundert Jahren in Großkomlosch im rumänischen Banat geboren wurde. Zum 25. Todestag des aus Galizien stammenden , Erzählers und Essayisten Manès Sperber (1905–1984) bringt die Zeitschrift einen Beitrag von Klaus Werner. Aktuelle Berichte und Rezensionen runden das Heft ab.

(KK)

Spiegelungen. Zeitschrift für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas. Im Auftrag des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas e. V. an der LMU München herausgegeben von Hans Bergel, Peter Motzan, Anton Schwob. 4 (58), Jahrgang 2009, Heft 1 Vertrieb: Intime Services, Tel. 0 89 / 85 70 91 12, Einzelheft 6,15 Euro

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