Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1323.

Nach Osten verschleppt, nach Westen verjagt

Und in der Heimat nicht mehr daheim: die Ungarndeutschen nach 1944

Ein Vortrag von Kathi Gajdos-Frank im Budapester Haus der Ungarndeutschen, dessen Kurzfassung wir der „Neuen Zeitung“ Budapest entnehmen, basiert auf Vorarbeiten im Rahmen einer Dissertation an der Andrássy-Universität Budapest und setzt sich zum Ziel, die noch keineswegs systematisch geklärte Lage der Ungarndeutschen im Zeitraum vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum ungarischen Aufstand 1956 zu analysieren. Die wesentliche Forschungsfrage des Dissertationsprojektes ist das Schicksal der deutschen Minderheit nach
1945. Waren die Ungarndeutschen ein besonderes Opfer von Internierung, Vertreibung und Enteignung während der Sowjetisierung des Landes? Was war die Aufgabe der Staatssicherheitsdienste zwischen 1945 und 1956 bezüglich der deutschen Minderheit?

Zu den ersten repressiven Maßnahmen während der Sowjetisierung Ungarns gehörte die Verschleppung der Ungarndeutschen zwischen 1944 und 1945. Die Ziele der ungarischen Politiker wurden im Frühjahr 1945 noch eindeutiger: Die Verordnung über die Liquidierung des Großgrundbesitzes und die Verteilung von Land an die Bauern führte zur Enteignung breiter Kreise der ungarndeutschen
Bevölkerung und zur Vergrößerung der Wählerbasis der Nationalen Bauernpartei
und der Kommunistischen Partei.

Die ungarische Regierung benötigte zur Durchführung der Agrarreform Boden, den
sie nach einer Aussage des ungarischen Innenministers Ferenc Erdei auf Kosten der deutschsprachigen Bevölkerung bereitzustellen trachtete, die erfolgreiche und schnelle Lösung könne, wie er sagte, nichts anderes als die Aussiedlung der Schwaben sein. Die Veröffentlichung der Potsdamer Beschlüsse gab dann den willkommenen Rahmen für die Vertreibung der Deutschen ab.

Der Leidensweg der Ungarndeutschen nimmt der gängigen Fachliteratur zufolge
gewöhnlich mit der Verschleppung in die Sowjetunion zwischen 1944 und 1945 seinen Anfang und erreicht seinen Höhepunkt in den darauf folgenden Vertreibungen zwischen 1945 und 1948. Die in Ungarn gebliebene
deutsche Minderheit wurde jedoch nach 1948 weiter diskriminiert. Wie die bisherigen Erhebungen im Archiv der Staatssicherheitsdienste zeigen, wurden den Ungarndeutschen vor allem verdächtige politische Ansichten oder gar Spionage für die USA, eine faschistische Vergangenheit, bestimmte Verbrechen gegen die Demokratie oder schlicht ihre ungarndeutsche Herkunft vorgeworfen.
Viele wurden wegen ihrer „faschistischen Vergangenheit“ aktenkundig. Diese
Ungarndeutschen hat man auf Grund der Volkszählung von 1941 als Volksdeutsche
unter großem Druck für die Waffen-SS rekrutiert. Anfang 1945 gerieten diese Personen in sowjetische Gefangenschaft und wurden in die Sowjetunion verschleppt. Sie konnten erst 1950/51 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehren. Die Mehrheit dieser Personen hatten in Ungarn jedoch ein anderes Schicksal: sie wurden gleich interniert. Im Archiv der Staatssicherheitsdienste findet sich eine lange Liste zahlreicher Dossiers über ungarndeutsche Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, die schließlich (vor allem in Tiszalök) interniert wurden.

Es gab viele ungarndeutsche Flüchtlinge, die entweder zu ihrer vertriebenen Familie nach Deutschland oder vor der Internierung geflüchtet waren. Sie wurden wegen dieser „Verbrechen“ aktenkundig. Man findet im Archiv der Staatssicherheitsdienste auch viele Vorgänge, in denen tatsächlich begangene Vergehen untersucht werden, etwa Attentate wie die Sprengung des sowjetischen Denkmals in Moor/Mór. Die Strafen waren viel strenger als heute.

Aufgrund der bisherigen Forschungen läßt
sich sagen: Deutsche in Ungarn wurden erstens wegen „antidemokratischer  Äußerungen“ – hier gibt es keinen Unterschied zwischen den ungarischen und den ungarndeutschen Akten –, zweitens wegen ihrer Herkunft und Vergangenheit aktenkundig – in diesem Punkt sind die Unterschiede offenkundig, zumal die deutsche Minderheit in beiden Diktaturen  instrumentalisiert worden ist. Aufgrund der Ergebnisse der Volkszählung von 1941 waren die Ungarndeutschen von den Nationalsozialisten zu „Volksdeutschen“ erklärt und zur Waffen-SS zwangsrekrutiert worden (1944), für die Kommunisten spielte die Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit eine entscheidende Rolle bei der Vertreibung nach 1946. Die Sowjets wiederum betrachteten die Ungarndeutschen schlicht als „Deutsche“, die im Winter 1944/ 45 zu „malenkij robot“ bzw. in  sowjetische Gefangenschaft verschleppt oder nach dem Krieg als Feinde der neuen  politischen Ordnung interniert bzw. in Arbeitslager transportiert wurden. So  waren die in Ungarn Internierten in der Mehrheit Ungarndeutsche, und ein  Schwaben-Kulak“ wurde in den Akten der Staatssicherheitsdienste allemal negativer bewertet als ein ungarischer „Kulak“. Drittens erfolgte eine Aufnahme in die Akten zwecks Mitarbeit im Agentennetz – wenn Ungarndeutsche zumal wegen ihrer Deutschkenntnisse zur Arbeit für die Staatssicherheitsdienste überredet oder  gezwungen worden waren. Die vierte „Verfolgungsvariante“ bestand in der  Verhaftung vieler Ungarndeutscher wegen „Verbrechen gegen die Demokratie“. Das  waren vor allem Fluchtversuche, „Attentate“ und illegale Grenzüberschreitungen. Ungarndeutsche „Täter“ erhielten dabei eine strengere Strafe als ungarische. Die  Deutschen in Ungarn gehörten zu den nationalen Minderheiten, hatten eine eigene Sprache, eigene Sitten und eine eigene Geschichte und bildeten daher für die  kommunistische Macht eine verdächtige Gesellschaftsschicht, die überwacht  werden mußte. Die zur Forschung freigegebenen Dokumente zeigen zahlreiche  menschliche Tragödien, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Kathi Gajdos-Frank (KK)

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