Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1302.

Nach Pascha, Kaiser, König nun Kultur

Vortrag über die einschlägige europäische „Hauptstadt“ des Jahres

In Zusammenarbeit mit der Landsmannschaft der Donauschwaben Rastatt hatte der Freundeskreis für europäische Jugendarbeit ( FeJ) zu einem Dia-Vortrag nach Rastatt eingeladen. Martin Schmidt, Journalist und Publizist sowie Vorstandsmitglied der Donauschwäbischen Kulturstiftung, zeigte sich erfreut über das große Besucherinteresse, das auch durch Gäste aus dem benachbarten Elsaß belegt wurde.

Pécs, zu deutsch Fünfkirchen, im Süden Ungarns nahe der kroatischen Grenze, gilt als eine der schönsten und ältesten Städte des Landes, seine klimatisch begünstigte Lage am Fuße der Mecsek-Berge und die zahlreichen Baudenkmäler verleihen dem Ort eine ausgesprochen mediterrane Atmosphäre. Unter dem Motto „Stadt ohne Grenzen“ hatte man sich im Oktober 2005 bei der nationalen Kür zur „Europäischen Kulturhauptstadt 2010“ gegen ernsthafte Rivalen wie das Megazentrum Budapest erfolgreich durchgesetzt.

Ausgehend vom Szécheny-tér (Dreifaltigkeitsplatz) veranschaulichte Martin Schmidt in seinen Dias kaleidoskopisch das städtische Zentrum der sogenannten Schwäbischen Türkei: die auf den Ruinen einer christlichen Kirche erbaute Moschee des Paschas Gasi Khasim als größtes erhaltenes Zeugnis der Türkenherrschaft in Ungarn, eine zu österreichisch-ungarischen Zeiten im 18. Jahrhundert errichtete „Säule der Dreifaltigkeit“ sowie die Häuser wohlhabender donauschwäbischer und jüdischer Bürger der späten k. u. k. Ära. Dazu ein üppiger Jugendstilbrunnen mit der für die örtliche Zsolnay-Keramikmanufaktur charakteristischen Eosin-Glasur und das 1907 vollendete neobarocke Rathaus. Nur die archäologischen Relikte der einstigen römischen Provinzhauptstadt Sopianae fehlen hier: Sie sind am Rande des Dommuseums in Form einer frühchristlichen Grabkirche aus der Mitte des 5. Jahrhunderts sichtbar gemacht worden.

Nicht nur am Domplatz und am Széchenyitér wird dem Besucher schnell klar, daß das südungarische Fünfkirchen als Stadt kulturgeschichtlicher Synthesen dem Titel „Euro-päische Kulturhauptstadt 2010“ alle Ehre macht, denn nicht nur zu römischer Zeit, sondern auch im Mittelalter war das zum Königreich Ungarn gehörende „Quinque Ecclesiae“ (fünf Kirchen) ein bedeutendes Kultur-und Handelszentrum mit Bischofssitz, zahlreichen Ordensniederlassungen und der 1367 gegründeten ersten Universität des Landes.

Dieses reiche kulturhistorische Erbe beflügelte die Mitglieder einer Bürgerinitiative, die im Einvernehmen mit einem Großteil der Stadtbevölkerung die Bewerbung zum Erfolg machte. Doch die Euphorie des Jahres 2005 ist längst verflogen. Die Kluft zwischen den hochfliegenden Plänen, allem voran fünf großen Repräsentationsbauten, und den realistischen Umsetzungsmöglichkeiten ist beachtlich, dies auch als Folge eines wirtschaftlich-politischen Pessimismus und des traditionellen ungarischen Zentralismus, der sich vorbehielt, die Feierlichkeiten von Budapest aus zu organisieren. Dennoch sind die Bürger der zwischen Donau und Drau gelegenen 160 000-Einwohner-Stadt zuversichtlich, daß es ihnen mit dem Kulturhauptstadt-Programm gelungen ist, noch mehr ins europäische Bewußtsein zu gelangen.

Der Referent beschäftigte sich eingehend mit der Situation der Minderheiten, so auch der ca. 60 000 Deutschen in und um Pécs. Nach Vertreibung und Diktatur sind die Ungarndeutschen heutzutage wieder gut organisiert. Dank dem ungarischen Minderheitengesetz, das inzwischen europäischen Vorbildcharakter besitzt, haben sich die Voraussetzungen der kulturellen Selbstbehauptung verbessert. So gibt es wieder deutsche Schulen, z.B. das nach der ungarndeutschen Dichterin benannte Valeria-Koch-Gymnasium, deutschsprachige Zweige an der Universität und die Vertretung in kommunalen Gremien. Schmerzlich dagegen wird der Verlust des deutschen Konsulats durch die seinerzeit von der rot-grünen Bundesregierung veranlaßte Schließung empfunden, da es eine wichtige Brückenfunktion nach Deutschland wahrgenommen hatte.

Erich Lienhart (KK)

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