Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1238.

Nachbarschaftliche Gratwanderung

Die Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung begibt sich auf die Suche nach der Tradition im Teschener Schlesien

Die österliche Woche war ein Anlaß für die Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv), zu ihrem Frühjahrsforum an den historischen Randbezirk Schlesiens zu fahren. Rund siebzig Interessierte, unter ihnen viele Jugendliche, folgten dieser Einladung, um das Teschener Schlesien näher kennenzulernen. Dabei wird dieser Teil Oberschlesiens selbst unter Forschern vernachlässigt, da Oberschlesien eher mit dem Industrierevier oder dem Oppelner Teil assoziiert wird. Das ist schade, hat doch Teschen eine sehr bunte Geschichte, die bis heute sichtbar ist.

Zu Beginn verdeutlichte der Direktor des Oberschlesischen Museums in Ratingen, Dr. Stephan Kaiser, die historische Entwicklung der Region. Zwischen den Sudeten und den Karpaten gelegen, bildete das Teschener Schlesien eine natürliche kulturelle Einzugspforte aus dem Süden. Daher ist es nicht verwunderlich, daß sich die Bevölkerung dieser Region immer sehr stark nach Wien orientiert hat.

Welchen Einfluß die Habsburgermonarchie auf die Bräuche und die Tradition der Menschen ausgeübt hat, zeigte sehr lebendig die Direktorin des Beskidenmuseums aus der benachbarten Stadt Weichsel (Wisla), Malgorzata Kieres. Sie befaßt sich als Ethnographin insbesondere mit den Bräuchen der Bergbewohner der Beskiden, der Goralen. Die Habsburgerkrone wurde stets von den Menschen verehrt, wie man nicht nur in Archiven erforschen, sondern auch aus Erzählungen von alten Menschen erfahren kann. Dabei war die Region kein vom Kaiser vergessener Bezirk der k.u.k. Monarchie. In Weichsel stand ein kleines Schlößchen, in dem Franz Joseph I. verkehrte, als er regelmäßig zur Jagd anreiste. Die Verkehrsanbindung an Wien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts sehr günstig, da eine Eisenbahnlinie vom slowakischen Kaschau über das Teschener Land nach Wien führte und viel genutzt wurde.

Man reiste viel nach Wien, da nur dort hochqualitative Stoffe gekauft wurden, die für die Erstellung der traditionellen bunt gestickten Trachten nötig waren. Mit diesen Trachten reisten sogar Abgesandte der Goralen nach Wien, um dem Kaiser die Ehrerbietung der Bewohner zu erweisen.

Nach diesem sehr anschaulichen Vortrag, in dem sich die Referentin nicht scheute, Tanz- und Gesangselemente einzubauen, wurde ein weiteres wichtiges Thema besprochen. Der Historiker an der Schlesischen Universität in Kattowitz/Teschen, Dr. habil. Janusz Spyra, nahm sich der Geschichte der Juden in der Region an. Bis zur Hälfte des 19. Jahrhunderts verlief das konfessionelle Zusammenleben von Katholiken, Protestanten und Juden recht harmonisch. Die Juden lebten wie auch in anderen Regionen in der gehobenen gesellschaftlichen Schicht, nicht selten bekleideten sie hohe Ämter in der Stadt- und Gemeindeverwaltung. Die ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einsetzende Welle des Nationalismus erreichte auch die Teschener Region.

Die Juden fühlten sich stets der deutsch-österreichischen Sprach- und kulturellen Tradition zugehörig. Politisch unterstützten sie die deutsch-liberale Partei, welche auch die Interessen der Juden im Troppauer Landtag vertrat.

Um so verwirrender wurde für sie der Umstand, daß sich nicht wenige Deutsche radikalisierten und antisemitisch gebärdeten. Das nutzten jedoch die Polen und Tschechen nicht, die Juden auf ihre Seite zu ziehen. Sie konzentrierten sich auf ihre nationale Bewegung, welche den Juden gegenüber nicht gerade freundlich eingestellt war. Trotz Radikalisierungstendenzen innerhalb der deutschen Bevölkerung fühlten sich die Juden ihr zugehörig, doch hatte die deutsch-liberale Partei immer weniger Einfluß.

Die zweite große nichtkatholische Konfession stellten die Protestanten dar. Gerade im Teschener Schlesien gab und gibt es bis heute die meisten Gemeinden. Der Historiker Maciej Oczkowski am Beskidenmuseum in Weichsel veranschaulichte einen Ausschnitt aus der Geschichte dieser Tradition. 1905 kam es zu einer Erneuerungsbewegung innerhalb der christlichen nichtkatholischen Bevölkerung. Sie zielte darauf, den Glauben zu beleben und die Menschen für ihn zu begeistern. Es wurden neue geistliche Lieder gesungen, es kam zu spontanen Gebetstreffen, oder es reisten Prediger an, die Ansprachen hielten. Gerade der Austausch unter einzelnen Gemeinden war wichtig. Diese Bewegung ist bis heute tätig.

Im Anschluß an diesen Vortrag besichtigten die Teilnehmer die protestantische Kirche in Teschen, in der sie auch etwas über die Geschichte der Protestanten in der Region erfuhren. Die Teschener Jesus-Kirche ist eine der größten schlesischen Kirchen. Sie war bis zum Toleranzedikt des Kaisers Joseph II. von 1781 die einzige protestantische Kirche in der Region. Da sie nur als Friedenskirche außerhalb der Stadtmauern gebaut werden konnte, überstand sie zwei große Feuersbrünste, unter denen die Stadt leiden mußte. Heute ist die Kirche ein imposantes Beispiel des Klassizismus und des österreichischen Barocks.

Ein interessanter Umstand ist, daß die Zugehörigkeit zum Protestantismus im Teschener Schlesien stets mit polnischen Einwohnern und die katholische Konfession mit deutscher Bevölkerung assoziiert wurden. Gerade in den übrigen Teilen Oberschlesiens war es umgekehrt. Die Gemeinde umfaßt heute etwa 6500 Gläubige.

Zur Veranschaulichung der Bräuche konnten sich die Teilnehmer an vielen visuellen Elementen erfreuen. Sehr eindrucksvoll war der Auftritt der Janina Marcinkowa – Lied- und Tanzgruppe –, die lokale Tänze und Gesänge präsentierte. Das Ensemble besteht aus rund 30 Personen. Da es die Folklore sehr lebendig und witzig präsentieren kann, bekommt es regen Zulauf und ist sehr gefragt.

Nach der Besichtigung des polnischen und des tschechischen Stadtteils von Teschen brachen die Tagungsteilnehmer zum benachbarten Skotschau (Skoczów) auf. Die kleine, doch schon seit dem Mittelalter bestehende Stadt kann den Besuchern viel Tradition bieten. Die Stadtarchitektur zeigt schon auf den ersten Blick, daß man sich in der Habsburgermonarchie befindet.

Die Tagungsteilnehmer wurden zunächst von der Bürgermeisterin Janina Zagan, vom emeritierten protestantischen Pastor Andrzej Czyz und von der Vertreterin des Gemeindeamtes, Ewa Bojda, begrüßt. Der Pfarrer sprach kurz über die Geschichte der Gemeinde. Sehr stolz sind die evangelischen Christen darauf, daß Papst Johannes Paul II. ihre Einladung angenommen hatte und die Stadt im Jahre 1995 besuchte. Dabei suchte er zum Gebet nicht die katholische Kirche  auf, sondern traf sich mit dem evangelischen Landesbischof zu einer ökumenischen Andacht in der protestantischen Kirche. Von der Kirche führt ein romantischer Weg auf einen Hügel, auf dem eine Kapelle steht. Vor ihr wurde ein großes Kreuz angebracht, das für die Papstmesse in Gleiwitz aufgestellt wurde. Von diesem Hügel bietet sich ein phantastischer Panoramablick auf die Region und die Beskiden.

Bewegend war die Gastfreundschaft, die die Tagungsteilnehmer seitens der evangelischen Gemeinde und der Stadtvertreter erfahren durften. Zur Stärkung gab es ein reichhaltiges Morgenbuffet mit selbstgebackenem Kuchen, der schlesischen Golatsche.

Gregor Ploch (KK)

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