Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1262.

Nachhall aus Stuck und Stein

Ein Schlesier erlebt in Czernowitz das, was nicht mehr lebt, aber noch erlebt werden kann

Der Chronist dieses Berichts sieht sich in der Lage, ziemlich genau zu rekonstruieren, wann und wo er den Namen einer europäischen Stadt zuerst gehört hat, die er erst unlängst im Alter kennenlernte. Czernowitz, eine Legende, die – so hieß es – erste multikulturelle Stadt.

Es war im Herbst 1940, der Autor besuchte die dritte Volksschulklasse in Glatz in der damals deutschen Reichsprovinz Schlesien, als eine alte Frau namens Elfriede Schöneich regelmäßig die Mutter zum Kaffeetrinken besuchte. Die Czernowitzerin war nach Glatz gekommen, wohnte in einem spärlich möblierten Zimmer eines „aufgelassenen“, das heißt nicht mehr bestehenden Klosters der Armen Schulschwestern und schwärmte, oft unter Tränen, von ihrer schönen Heimat Czernowitz in Rumänien.

Da Frau Schöneich nicht die einzige „Umsiedlerin“ aus Czernowitz in Glatz war, erklärte uns der ältliche Lehrer Volkmer, diese neuen Bürger seien „heim ins Reich“ gekommen, wir sollten sie gut aufnehmen, sie seien Deutsche wie wir auch. Drei Jahre später, der Autor besuchte schon das Gymnasium, damals Deutsche Oberschule genannt, tauchte ein junger Studienassessor auf, der als Schwerverwundeter (mit Beinprothese) den Krieg schon hinter sich hatte. Er stammte aus Czernowitz! Im Erdkundeunterricht machte er böse Witze über die Juden und malte zum Spott „Moischis“, Judenkinder mit dicken Nasen, an die Wandtafel. Ein zynischer Antisemit. Frau Schöneich und Studienassessor Kulischir waren, im nachhinein betrachtet, die ersten Vertriebenen, die der Autor kennenlernte, nicht ahnend, daß wenige Jahre später ihn und seine Familie das gleiche Schicksal treffen sollte.

Mehr als drei Jahrzehnte später, der Chronist war längst ein integrierter Westdeutscher am Rhein, traf er in Düsseldorf eine kleingewachsene große Frau, die vielfach geehrte Lyrikerin Rose Ausländer, geboren 1901 in Czernowitz. Sie war ein jüdisches Kind der k. u. k. österreichischen Kronprovinz Bukowina in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts. Die weltläufige alte Frau lebte bis 1988 im Nelly-Sachs-Haus, dem Altersheim der jüdischen Gemeinde in Düsseldorf, und pflegte, lange Zeit bettlägerig, virtuos die geliebte deutsche Sprache. Gelegentlich sprach sie von Paul Celan, ihrem literarischen Landsmann aus Czernowitz, den es nach Paris verschlagen hatte.

Was ist aus diesem Czernowitz, von dem man seit Kindheitstagen eine gewisse Vorstellung, das man jedoch nie gesehen hat, geworden? Eine spannende Frage an die eigene Vorstellungswelt. Wer sich als „Kulturtourist“ zusammen mit ebenfalls am alten wie neuen Czernowitz interessierten Zeitgenossen der heute westukrainischen Stadt von Lemberg aus per Omnibus nähert, der spürt – zunächst äußerlich betrachtet – bald ein wenig von dem Glanz der früheren Jahre. Jedenfalls in der Innenstadt, die durch das Unbill der beiden Weltkriege nur wenig berührt wurde und deshalb von den Bausünden der sowjetischen Fertigbeton-Architekten verschont blieb. Czernowitz ist auch im Jahr 2008 ein bißchen Klein-Wien mit seinen Wohnquartieren aus der Gründerzeit, dem Jugendstil und Art deco. Und das Flair pflegt die ukrainische Kommune augenscheinlich sehr, zumal sie gerade das 600-Jahre-Jubiläum begeht.

Ihren Eifer, sich schön zu machen, zeigt die Stadt Czeznowitz besonders in der früheren Herrengasse, wo prächtig renovierte Fassaden den Architekturfreund beeindrucken. An einem der Häuser steht auf einer schwarzen Marmortafel in gotischer Schrift zu lesen: „Deutsches Haus errichtet auf Spenden der Bukowiner Deutschen im Jahr 1910“. Schräg gegenüber „Dom Polski“, das Polnische Haus. Alles Zeichen jener legendären Multikultur unter der Habsburger Monarchie, welche die Bukowina (zu deutsch: Buchenland) von 1775 bis 1919 prägte. Das größte und am besten im Stadtbild plazierte „Nationenhaus“ ist das Jüdische Haus am Theaterplatz, in dessen kleinem Konzertsaal wir Besucher ein reizvolles Klezmerkonzert einer wacker schwitzenden Blaskapelle hören.

Die Häuser sind noch oder wieder (frisch renoviert) da, die dazugehörigen Menschen aber nicht. Jedes Lexikon meldet zu dem Städtenamen Czernowitz aus der Vergangeheit als Bewohner Russen, Rumänen, Deutsche, Polen, Ungarn und natürlich Juden als Bewohner der Stadt am Pruth. Heute ist Czernowitz, stärker noch als das 350 Kilometer entfernt gelegene Lemberg, eine hauptsächlich ukrainische Provinzstadt – freilich mit großer Vergangenheit. „Deutsche leben jetzt kaum noch hier“, belehrt uns der ukrainische Germanist und Übersetzer deutscher Texte, Dr. Petro Rychlo, vor dem bescheidenen, aber äußerlich gut gepflegten Geburtshaus der Rose Ausländer in der Morario-Gasse. Auf Initiative der in Köln ansässigen Rose-Ausländer-Stiftung unter dem rührigen Verleger Helmut Braun wurde am 100. Geburtstag der Dichterin eine Inschrift angebracht mit der schönen Sentenz: „Aus der Wiege fiel mein Augenaufschlag in den Pruth“. Vielleicht noch sinniger wäre das Wort aus dem reichen Schatz der Rose Ausländer gewesen, das Helmut Braun als Vermächtnisverwalter vorgeschlagen hatte: „Mein Vaterland ist tot, mein Mutterland ist das Wort“. Aber das wäre von den meisten Besuchern, die da in der Nähe des Türkischen Platzes am Geburtsthaus vorübergehen, kaum verstanden worden, man hätte es historisch deuten müssen.

Rose Ausländer und Paul Celan waren zwei von schätzungsweise 60 000 Juden, die in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in Czernowitz lebten und arbeiteten; sie bildeten ein Drittel der Bevölkerung und prägten nicht nur – in deutscher Sprache – das kulturelle Leben, sondern waren auch Handwerker und Handelsleute. Zwar hatten die Czernowitzer Juden, die nie geschlossen in einem Ghetto leben mußten, bereits in rumänischer Zeit nach dem Ersten Weltkrieg den in Osteuropa latenten Antisemitismus gespürt, aber der entsetzliche Furor kam erst über sie, als das Bündnis zwischen Hitler und Stalin von 1939 zerbrach und die Deutschen 1941 in Czernowitz einmarschierten, zwar nur kurz aus Rücksicht auf den rumänischen Verbündeten, aber mit schrecklichen Folgen. Die stattliche Synagoge des liberalen Judentums von Czernowitz wurde in Brand gesetzt und der Hauptrabbiner grausam umgebracht.

Drei Jahre später war die sowjetische Armee zurück und ließ auf den Grundmauern des jüdischen Gotteshauses ein Kino errichten, das heute zum amerikanischen Westernfilm einlädt. Wer bereits eine Eintrittskarte gekauft hat und im Foyer des Kinos wartet, entdeckt eine unscheinbare Wandtafel, die an den großen Sänger Josef Schmidt erinnert. Er war in den 20er und den frühen 30er Jahren ein in ganz Europa gefeierter Bühnenkünstler und bereicherte mit seiner Stimme den jungen deutschen Reichsrundfunk in Berlin. Auch er ein Czernowitzer Jude.

Wie das Deutschtum, so ist auch das Judentum weitgehend aus Czernowitz verschwunden, durch Holocaust und Auswanderung. Nur jeder vierte Jude überlebte die barbarische Verfolgung – darunter Rose Ausländer. In Czernowitz existiert heute nur noch eine „aktive“ Synagoge, von einst 60! Sie ist eine private Einrichtung der Familie Schapiro und stammt aus den 30er Jahren. Wenn der polnischstämmige Rabbi Kowmansky am Freitagabend das Sabbatgebet spricht, sind nur drei, vier männliche Gläubige bei ihm. Die meisten der relativ wenigen verbliebenen Juden meiden das Gebet. Die Ehefrauen der Anwesenden gehörten eigentlich auf die hölzerne Empore der kleinen, reich mit gemaltem Wandschmuck versehenen Synagoge. Aber diese Empore ist baufällig, so müssen die Frauen mit einem benachbarten Raum vorliebnehmen, wo sonst Kinder der Thora-Schule unterrichtet werden. Immerhin preist der Rabbiner die Zusammenarbeit der vereinzelten Juden von Czernowitz mit den christlichen Gemeinden der Stadt. Es sind hauptsächlich Griechisch-Orthodoxe, deren prächtige Kirchen in der Innenstadt am Festtag Peter und Paul besonders gut gefüllt waren, und die griechisch-katholischen Christen der Ukraine, die das Papsttum anerkennen.

Wer nach Czernowitz reist, hat vom früheren Zentrum des Chassidismus, des besonders strenggläubigen östlichen Judentums, in Sadagora gehört. Ein Flecken außerhalb der 240000-Einwohner-Stadt Czernowitz. Zum dortigen „Wunderrabbi“ strömten einst Tausende. Heute ist der Ort eine bittere Enttäuschung, das große Gebetshaus zerfällt, man stolpert durch Schutt und Asche, und der hohe bukowinische Himmel schaut durch das löchrige Holzdach. US-amerikanische Chassidisten, die sich hier versammelten, wollten das Heiligtum retten, aber bis auf den Tag ist nichts geschehen. Das alte jüdische Czernowitz gibt es eben nicht mehr, Hitlers und Stalins diabolischer Erfolg.

Joachim Sobotta (KK)

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