Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1396.

Napoleons Pfälzer in Glogau

Eine Grabplatte erinnert hier an die Franzosenzeit

Wort- und beziehungsreicher Stein: die restaurierte Grabplatte Rheinwalds
Bild: der Autor

Die sogenannte Franzosenzeit, die Zeit der Napoleonischen Kriege, hatte für die einst bedeutende niederschlesische Stadt Glogau weitreichende Folgen. Bei der vernichtenden Niederlage bei Jena und Auerstedt (10.–11. 10. 1806) brach das alte Preußen unter den Angriffen der revolutionären kaiserlich-französischen Armeen zusammen. Bereits am 7. 11. 1806 erreichten die Franzosen Glogau und belagerten die wichtige Oder-Festung. Einen Monat später, am 2. 12. 1806, kapitulierte die Stadt und stand danach siebeneinhalb Jahre unter französischer Besetzung. Seit September 1813 belagerten die Verbündeten Preußen und Russen die Stadt. Zu Ostern 1814, am 10. 4., kapitulierten dann die Franzosen. Die Folgen der langen Besatzungszeit waren für Glogau verheerend. Bereits 1808 wurde die Verwaltungsreform in Preußen umgesetzt und der Regierungssitz von Glogau nach Liegnitz verlegt. Auch wirtschaftlich lag Glogau am Boden.

An die Zeit der französischen Besetzung erinnert in Glogau noch ein Grab, eine zerstörte Grabplatte an einen hier verstorbenen Kommandanten Glogaus. Paweł Łachowski, Mitglied des Glogauer Geschichtsvereins (TZG), Kooperationspartner und Freund des Glogauer Heimatbundes (GHB), bemüht sich seit dreizehn Jahren um die Rettung und Erhaltung der Steinplatte von General Rheinwald. Am 24. 5. 2018 teilte er mir mit, dass zu seiner großen Freude und der der Mitglieder des Vereins das Grabmal restauriert ist und wieder an seinem Platz angebracht wurde. „Und jetzt sieht das fast völlig zerstörte Monument fast wie neu aus. Deshalb genieße ich es so sehr“, schrieb er. Der Grabstein von General Rheinwald befand sich im ehemaligen Fort Stern.

Als Hintergrundinformation fragt man natürlich danach, wer denn dieser französische General Rheinwald war. Von der Grabplatte erfährt man bereits einiges über ihn: Ci-Git / J. C. L. Rheinwald / Général français, baron de l’Empire, Command de la Légion d’honneur, Gouverneur: de Glogau, il fut bon Per tendre Epoux et mérita par sa loyauté et fon humanité l’estime des habitants. Il mourut le 22 Juin 1810 âgé de 48 ans. (Hier ruht / J. C. L. Rheinwald / Französischer General, Baron des Kaiserreichs, Kommandant der Ehrenlegion, Gouverneur von Glogau: Er war ein guter Vater, zärtlicher Gatte und verdiente die Wertschätzung der Einwohner durch seine Loyalität und Menschlichkeit. Er starb am 22. Juni 1810 im Alter von 48 Jahren.)

Julien Charles Louis Rheinwald, wie er sich auf Französisch nannte, wurde am 22. 1. 1760 in St. Julian (Kreis Kusel) in der Pfalz geboren, er war also Deutscher, vielleicht mit dem ursprünglichen Namen Julian Karl Ludwig Rheinwald. Den Vornamen Julian erhielt er offensichtlich von seinem Geburtsort.

Sankt Julian liegt im Glantal in der Pfalz. Das Straßendorf war bereits im Mittelalter ein regionaler Wallfahrtsort mit einem „Vierherrengericht“. Schon lange vor der Römerzeit befand sich hier eine Ansiedlung. Der Ortsname, der in einer Urkunde von 1290 als „apud Sanctam Julianam“ (bei der Heiligen Juliana) umschrieben wird, bezieht sich vermutlich auf Juliana von Nikomedien (heute Izmit in Nordwest-Kleinasien, 285–304), die während der Christenverfolgungen unter den Kaisern Diocletian und Maximian im Jahre 304 das Martyrium erlitt.

Um 1560 führten die Bewohner St. Julians die lutherische Reformation ein, wodurch die Bedeutung des Ortes als Wallfahrtsort verlorenging. Julien Rheinwalds Vater war evangelischer Pfarrer in St. Julian. Er besuchte die örtliche Schule und sollte so wie seine beiden Brüder ebenfalls Pfarrer werden. Doch er wollte Soldat werden und bewarb sich bei der französischen Armee und wurde am 9. 5. 1777 als Freiwilliger in das Anhaltische Regiment aufgenommen. Mit seiner Einheit leistete er 1779 und 1780 den Dienst an der Atlantikküste. Am 11. 12. 1784 wurde er Unteroffizier im Versorgungsdienst (Fourier) und rückte am 27. 1. 1788 zum Oberstabsfeldwebel auf.

Bis zur Großen Französischen Revolution war es einem Nichtadeligen verwehrt, in den Offiziersstand aufzurücken, doch nun boten sich auch ihm große Karrierechancen. Am 1. 1. 1791 wurde Julien Offizier. Seit dem 7. 12. 1791 diente er als Leutnant im Piemont-Regiment und nahm in den Koalitionskriegen an der Einnahme von Speyer, Worms und Mainz teil.

Im Verlauf der Französischen Revolutionskriege wurde auch Juliens Heimat im Jahr 1799 von den Franzosen besetzt. Er hätte während dieser Kriege Karriere gemacht. Am 29. 10. 1792 wurde er zum Hauptmann ernannt. Bei einem Gefecht am 11. 4. 1793, einem Ausfall gegen die Belagerer, erlitt er eine schwere Kopfwunde durch einen Säbelhieb. Nach seiner Genesung diente er mit seiner Einheit, der Vogesen-Armee, am Rhein. Am 27. 1. 1794 wurde Rheinwald Kommandant von Kolmar im Elsass (frz. Colmar). Seit dem 23. 3. 1795 diente er als Stabschef der 1. Division der Rhein-Mosel-Armee u. a. bei der Verteidigung von Hüningen im Elsass (frz. Huningue, November 1796 bis Februar 1797). Am 9. 3. 1798 wurde er Stabschef von General Balthasar von Schauenburg in der Helvetischen Armee und bald darauf selbst zum Brigadegeneral befördert. Doch sein Aufstieg wurde nun von seinen Rivalen und Gegnern gebremst und er am 23. 9. 1801 verdrängt und in den Ruhestand versetzt.

Am 23. 9. 1802 wurde Rheinwald dann reaktiviert und der 5. Militärdivision zugeteilt, am 28. 12. 1803 der 7. Militärdivision. Am 11. 12. 1803 wurde er als Ritter der Ehrenlegion (bis 1808 lautete der Ehrentitel „légionnaire“, dann erst „chevalier“) ausgezeichnet und erhielt dessen dritte Klasse, die des Kommandanten (commandant, seit 1816 commandeur). Dieser Verdienstorden wurde von dem damaligen Ersten Konsul Napoleon Bonaparte gestiftet. Die Ritterklasse war mit einem jährlichen Ehrensold von 250 Goldfrancs, die des Kommandeurs mit 2000 Goldfrancs dotiert.

Rheinwald wurde Kommandant von Speyer und dann von Stuttgart. Nach der preußischen Niederlage unterstellte man ihm im Januar 1807 Stadt und Festung Brieg (Brzeg) in Oberschlesien. Noch vor seiner Versetzung nach Glogau wurde Rheinwald in den französisch-kaiserlichen Adelsstand als „baron de l’Empire“ (Baron/ Freiherr des Kaiserreichs) erhoben. Seit dem 22. 2. 1809 war er dann Kommandant der Festung Glogau. Hier starb er ein Jahr später am 22. 6. 1810 überraschend an einem Schlaganfall. Er war demnach 50 Jahre alt und nicht 48, wie die Grabplatte angibt.

Martin Sprungala (KK)

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