Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1399.

Nationalismus macht Nationen einsam

Das mussten auch die Menschen in den böhmischen Landen erleben

Andrea Weiduschat, Eger 93 – Alltag. Dieser zumindest entzieht sich jeder nationalen Zuordnung, ja lässt sie müßig erscheinen, auch in Tschechien
Bild: KünstlerGilde

Obwohl in der Mitte Europas gelegen, über 1000 Jahre Nachbarn der Deutschen im Norden, Westen und Süden, jahrhundertelang Teil des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und bis 1918 der Habsburgermonarchie, sind die böhmischen Länder und ihre Menschen vielfach fremd und zum Teil unbekannt geblieben.

Im 19. und 20. Jahrhundert gab es Zeiten, in denen sich das westslawische Volk der Tschechen bewusst isolierte, den Konflikt suchte und sich gegen Europa, gegen dessen Werte und Ordnungen entschied. Politische Fehlentscheidungen seiner Vordenker und seiner Führungspersönlichkeiten hatten nicht nur für die Deutschen innerhalb und außerhalb des Landes, sondern auch für die eigene Bevölkerung schwerwiegende Folgen.

Wir blicken gerade 100 Jahre auf eine solche Entscheidung zurück, als sich eine zunächst kleine Gruppe von Nationalisten um Tomas Garrigue Masaryk, Edvard Benes, Karel Kramar und andere zur Zerstörung Österreich-Ungarns zusammenschloss und mit maßgeblicher Hilfe dreier europäischer Staaten sowie der Vereinigten Staaten die Bildung eines tschechoslowakischen Nationalstaates propagierte und 1918/1919 durchsetzte. Diese dann bis 1935/1938 erfolgreichen Politiker beriefen sich auf den Ideen von Frantisek Palacky und Karel Havlicek aus dem 19. Jahrhundert, welche sie radikalisierten und zu politischen Programmen entwickelten.

Der bedeutende Historiker Palacky (1798–1876) vertrat die Ansicht, dass „die tschechische Geschichte überhaupt auf dem Kampf mit dem Deutschtum beruht oder in der Aufnahme und Ablehnung deutscher Gewohnheiten und Ordnungen durch die Tschechen“. Für die Tschechen gebe es qua Vorsehung eine besondere Sendung – die Humanität, um damit die Übermacht des deutschen Nachbarn aufzuwiegen. Sein oft genanntes Eintreten für das Weiterbestehen Österreichs richtete sich gegen die großdeutsche Idee des Frankfurter Paulskirchen-Parlaments. Er behauptete jedoch zugleich, die Habsburger hätten „im Zuge der Gegenreformation jedes nationaltschechische Wesen ausgerottet“. Die Nationalität sollte ein Gegengewicht gegen die vereinheitlichende Gewalt der Zentralisation bilden. Er idealisierte zudem die Slawen und dämonisierte die Deutschen. Nach seiner Meinung seien erstere „arbeitsam“ und „friedliebend“, während die Deutschen „dem Nachbarn das Seinige mit Gewalt“ abzunehmen suchten.

Auch zu den Deutschen in Böhmen äußerte er sich, denn lange vor 1918 versuchten die Regierungen in deutsch-tschechischen Ausgleichsverhandlungen ethnisch-nationale Kreise zu bilden, um beide Völker zufriedenzustellen. Für Palacky aber war Böhmen ein Kessel, „ein Kessel aber kann nicht geteilt werden, ohne dass man ihn vernichtet“.

Für Karel Havlicek war das tschechische Volk gerade noch einer Germanisierung entgangen, er forderte eine Emanzipation vom Deutschtum. Er ging noch davon aus, dass das deutsche Bevölkerungsdrittel im Lande ein ewiges Gewicht bleiben (werde), „das uns aus jedem nationalen Höhenflug herabreißt“. Wie später Masaryk und Benes befürworteten sie ein Zusammengehen mit den Slowaken, woraus bei den genannten Politikern dann das „tschechoslowakische“ Volk wurde.

Die tschechischen Nationalisten forderten völlige Unabhängigkeit und einen neuen Staat in natürlichen Grenzen bzw. sogenannten historischen Grenzen unter Einbeziehung der dort lebenden Minderheiten (gemeint waren Deutsche, Polen, Ruthenen), eine demokratische Republik, was den Vorstellungen Frankreichs und der USA besonders entgegenkam. Man hatte sich auch um russische Hilfe bemüht, was jedoch durch den bolschewistischen Umsturz vereitelt wurde. Immerhin wurde die Aufstellung einer tschechischen Legion erreicht, die nach der Staatsgründung zum Nutznießer wurde, im Weltkrieg aber keine Rolle spielte.

Die grotesken Forderungen einer „Landbrücke“ zu den Südslawen gegen die pangermanische Expansion und zur Trennung von Österreich und Ungarn, nach Einfluss in der Lausitz oder der Vorverlegung der Grenzen vor die Gebirge wurden nicht erfüllt. Was die Nationalisten nicht bedacht hatten und was den späteren deutschen und russischen Diktaturen nutzte: Durch die Bildung der Tschechoslowakei wurde das Gleichgewicht in Mitteleuropa gestört. Das Deutsche Reich hatte sehr bald ein Übergewicht gegenüber den Nachfolgestaaten Österreich-Ungarns, was Benes mühsam durch die „Kleine Entente“ (die sich auch gegen Ungarn richtete), durch Verträge mit den westlichen Staaten Frankreich/England und seine Völkerbundaktivitäten auszugleichen suchte.

Die sudetendeutschen Gebiete wurden militärisch besetzt, alle Bekundungen des politischen Willens der Deutschen in den böhmischen Ländern wurden missachtet und sie selbst künstlich zu einer Minderheit herabgestuft. Noch 1937 strotzt das Buch eines gewissen Jaroslav Papousek (Orbis-Verlag, Prag) vor Lobeshymnen auf den „Staatsmann von Weltruf“ Edvard Benes, der bald seinen ersten Schiffbruch 1938 und dann noch einen folgenschweren 1948 mit zu verantworten hatte. „Nur selten in der Geschichte ist der Misserfolg mit dem Namen so identisch wie im Falle Benes“, urteilte der Historiker Jörg K. Hoensch.

Noch deutlicher muss seine Verantwortung bei der brutalen Vertreibung von über drei Millionen Sudetendeutschen 1945/1946 beurteilt werden. Benes war ein unheilvoller Zerstörer, ein Schreibtischtäter, der in maßloser Verblendung auch seinem eigenen Volk geschadet hat. Der zeitweilige tschechische Minister Ladislav Feierabend schreibt in seinen Erinnerungen 1938 bis 1950, entgegen den Äußerungen des später hingerichteten KPC-Generalsekretärs Rudolf Slansky sei der Vertreibungsplan zuerst von der Benes-Exilregierung in London vorgeschlagen worden und nicht von Seiten Moskaus. „Der Abschub wurde nicht nach humanitären Grundsätzen durchgeführt und war der Tradition Masaryks nicht würdig …“

Feierabend unternimmt allerdings zugleich den untauglichen Versuch, Benes mildernde Umstände zuzuschreiben, da dieser den vertriebenen Deutschen (soweit sie keine Straftaten gegen die Republik begangen hätten) „volle Entschädigung für ihr zurückgelassenes Vermögen“ habe zukommen lassen wollen. Was für ein furchtbarer Rückschritt in 100 Jahren Geschichte, wenn man in das Österreichische Staatsgrundgesetz vom 21. Dezember 1867 schaut: Art. 19: Alle Volksstämme des Staates sind gleichberechtigt, und jeder Volksstamm hat ein unverletzliches Recht auf Wahrung und Pflege seiner Nationalität und Sprache …; Art. 5: Das Eigentum ist unverletzlich …; Art. 8: Die Freiheit der Person ist gewährleistet.; Art. 9: Das Hausrecht ist unverletzlich.

Rüdiger Goldmann (KK)

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