Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1391.

Neue Struktur für die Infrastruktur

In Preußisch Stargard/Starogard Gdanski arbeitet man daran

Den einen ein Ort romantisierender Nostalgie, den anderen eine Herausforderung an Ingenieurskunst und technischen Sachverstand
Bild: der Autor

Umfangreiche Bauarbeiten finden seit einigen Wochen am Bahnhof von Preußisch Stargard statt. Das Bauvorhaben hat die Errichtung eines neuen Verkehrsknotenpunktes zum Ziel. Die Arbeiten umfassen dabei auch den Wiederaufbau des gesamten stark vernachlässigten, teilweise schon seit Jahren nicht mehr vollständig genutzten Bahnhofsgebäudes nach seiner kompletten Entkernung. Lediglich der Warteraum, die Fahrkartenverkaufsstelle und eine Pizzeria waren noch genutzt worden.

Die heutigen Straßen Gdanska, Małgorzaty Hillar, Kolejowa, Nowoprojektowana und al. Wojska Polskiego werden ausgebaut, dabei wird die komplette Infrastruktur erneuert. Dazu sollen Parkplätzen und Parkbuchten für die Bereiche „Kiss & Ride“, „Bike & Ride“ sowie „Park & Ride“ gebaut werden. In unmittelbarer Nähe des Bahnhofs werden ein neuer Busbahnhof und ein Parkhaus entstehen. Hierfür wurde die alte, nicht mehr benötigte Güterhalle östlich des Bahnhofsgebäudes abgerissen. Hinzu kommen Fahrradständer, ein Wartebereich für Taxis, neue Haltestellen für die Busse des öffentlichen Personennahverkehrs sowie ein Fahrgast-Informationssystem.

Ein Teil des Straßensystems wird wieder zurückgebaut. Dabei wird die zu preußischer Zeit von der Stadt zum Bahnhof führende Allee, die heutige al. Wojska Polskiego, als älteste Promenade der Stadt, umfassend rekonstruiert. Eingeschlossen sind Erneuerungen bei der Elektroinstallation, bei Telefonanschlüssen, bei der Regen- und Sanitärkanalisation, dem Wasserversorgungssystem, Wärme- und Gasnetz sowie Ergänzungen bei Stützmauern und Pflasterarbeiten.

Die Geschichte der Eisenbahn in Preußisch Stargard reicht zurück bis zum 16. Januar 1871, als die Bahnstrecke von Dirschau (Tczew) nach Preußisch Stargard eröffnet wurde, die zwei Jahre später mit den dann eröffneten Verlängerungen bis nach Kietz ein Kernstück der Preußischen Ostbahn bildete. Am Bahnhof befand sich eine Lokomotivstation, die 1934 der Mechanischen Abteilung in Dirschau unterstellt war. 1941 wurde diese als Lokbahnhof Preußisch Stargard dem Bahnbetriebswerk Dirschau zugeordnet. Der Wasserturm ist ungenutzt noch vorhanden.

Mehrere Male änderte sich aus politischen Gründen der Name der Stadt und des Bahnhofes: Preußisch Stargard (1871–1920), Starogard (1920–1939), Preußisch Stargard (1939–1945), Starogród (1945–1946), Starogard (1947–1950) und seit 1951 Starogard Gdanski.

Drei Strecken trafen sich im Bahnhof: Preußisch Stargard–Dirschau–Küstrin/Kietz, auf der heute noch Personen- und Güterzüge verkehren, die am 14. Juni 1903 eröffnete Strecke Preußisch Stargard–Skurz (ab 1939 Groß Wollental, Skórcz), auf der 1997 der Personenverkehr eingestellt wurde und seit 2004 nur noch Güterverkehr bis zum Bahnhof Großgabel (Jabłowo) durchgeführt wird, sowie die am 1. Mai 1905 in Betrieb genommene Strecke Preußisch Stargard–Schöneck in Westpreußen (Skarszewy), die 1989 für den Güter- und 1991 für den Personenverkehr stillgelegt und 1998 abgebaut wurde.

Der Bahnhof hat acht Hauptgleise, von denen fünf an Bahnsteigen liegen. Die weiteren Gleise nördlich der Bahnsteige dienen dem Güterverkehr. Die frühere Bedeutung des Bahnhofes zeigen die drei Bahnsteige, die durch eine während der Umbauphase nicht benutzte Unterführung verbunden sind. Genutzt werden nur der Hausbahnsteig mit Gleis 1 und der Bahnsteig 2 mit den Gleisen 2 und 3. Der Bahnsteig 3 diente früher den Zügen nach Schöneck in Westpreußen. Während der Bauphase sind Fahrkartenverkauf und Warteraum in einem Container untergebracht, die Züge verkehren nur von Gleis 2 und 3. Heute halten etwa zehn Regionalzugpaare sowie ein saisonales TLK-Zugpaar (in etwa Interregio) am Bahnhof.

Die mechanischen Zugsicherungseinrichtungen stammen teilweise noch aus der Zeit der Deutschen Reichsbahn, nur die Einfahrtssignale der Hauptstrecke sind beleuchtet. Die mechanischen Ausfahrtssignale, die mit Karbidlampen ausgestattet werden könnten, sind selbst bei Dunkelheit unbeleuchtet. Interessant ist das sehr niedrige Ausfahrtssignal auf Gleis 2 in Richtung Konitz (Chojnice).

Mieczysław Struk, der Marschall der Woiwodschaft Pommern, hat eine Vereinbarung unterzeichnet, in der neben dem Ausbau in Preußisch Stargard der Bau von neuen Verkehrsknoten in Marienburg (Malbork) und Marienwerder (Kwidzyn) beschrieben sind. Die Woiwodschaft Pommern stellt für die Jahre 2014 bis 2020 aus Mitteln des Regionalprogramms 53 Mio. PLN zur Verfügung. Die Gesamtmaßnahme mit den drei Projekten kostet 73 Mio. PLN. Im Gesamtpaket für Preußisch Stargard ist zudem der Kauf von elf gleichartigen neuen Niederflurbussen mit Einrichtungen für Behinderte zur Verbesserung der Bedienung des Stadtverkehrs enthalten.
Die Europäische Gemeinschaft unterstützt diese Vorhaben zur Verbesserung der Effizienz, der Attraktivität und der Öko-Effizienz des öffentlichen Verkehrs als Alternative zum privaten Pkw-Verkehr Alle drei Projekte werden bis Ende 2018 abgeschlossen.

Manfred E. Fritsche (KK)

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