Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1276.

Nicht „verheizt“, vertrieben und „versklavt“

Der ehemalige Leiter des Eichendorffkollegs in Geilenkirchen, der einzigen Institution in Deutschland, die jugendliche Spätaussiedler zur Hochschulreife führte, und langjährige Präsident des Heimatwerks Schlesischer Katholiken, Oberstudiendirektor i.R. Johannes Sziborsky, hat seine Jugenderinnerungen vorgelegt. Die Jugend, „die so ganz anders war", das sind die frühen Jahre des 1929 in Breslau geborenen und aufgewachsenen Autors bis zur Flucht vor der Roten Armee nach Leitmeritz, die Rückkehr in die Heimatstadt bis zur endgültigen Ausweisung im April 1946.

Sziborsky gliedert sein Buch nicht in Abschnitte, sondern nach sechs Einschnitten in seinem Leben, die er an genauen Daten festmacht. So erfährt der Leser zunächst manches über Familien-, Schul- und Wohnverhältnisse in Breslau, regelmäßige Ferien mit Verwandten im Wallfahrtsort Wartha, Ausflüge an der Oder und ins Glatzer Bergland. Beklemmend wird beschrieben, wie gegen Kriegsende der Staat nach dem 15jährigen greift, der zunächst bei der Marine Sicherheit vor der drohenden Waffen-SS sucht, dann zu nächtlichen Wachen bei Fliegerangriffen in Breslau und schließlich als Fronthelfer und beim Volkssturm eingesetzt wird. Mit viel Glück entgeht der junge Breslauer dem Schicksal, noch gegen Kriegsende „verheizt" zu werden. Auf der Flucht im Sudetenland erleben er und seine Mutter die Gewaltaktionen der Tschechen gegen die Deutschen, die Weigerung der Polen, sie an der Grenze wieder nach Schlesien zu lassen, dann doch die Rückkehr in das zerstörte Breslau. Dort hat er bei den Polen bis zur endgültigen Ausweisung Zwangsarbeit zu leisten.

Der Autor erzählt mit dem Wissen von heute, ohne Vergangenheit und Gegenwart zu vermischen. Er versucht zu erklären, warum sich Tschechen und Polen nach dem Krieg so verhielten. Um so größer sein Erstaunen, als er sich mit anderen Vertriebenen im Münsterland fast auf einem Sklavenmarkt wähnt, während sich Bauern schweigend Arbeitskräfte auswählen und dabei sogar Mütter und Kinder trennen wollen. Man spürt Sziborskys Empörung noch heute, denn er nennt Namen und beschreibt genau den Bauernhof, auf dem er und sein Bruder mehr als zwei Jahre arbeiten mußten, ohne einen Pfennig zu erhalten – bis nach Externenabitur und einem Semester Mithilfe beim Wiederaufbau der Universität Münster das Studium beginnen konnte.

Norbert Matern (KK)

Johannes Sziborsky: Wenig Idylle,viel Odyssee – eine Jugend, die so ganz anders war. Jandelsbrunn 2008. 154 S., 15 Euro (zu beziehen über den Verfasser, Bergstr. 20, 94118 Jandelsbrunn)

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