Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1351.

Nicht auch noch den Verlust verlorengeben

Die deutsche Kultur- und Literaturgeschichte darf nicht auf die Grenzen der heutigen Bundesrepublik Deutschland eingeschränkt werden

Nicht-auch-noch1Wer heute durch das vereinigte Deutschland fährt, findet noch immer ostdeutsche Spuren, sofern er sie erkennt. An der Autobahn beispielsweise zwischen Frankfurt und Köln gibt es im Westerwald den Rastplatz Landsberg an der Warthe, womit viele Deutsche heute vermutlich nichts anfangen können. Gemeint ist die einst preußische Kreisstadt in Ostbrandenburg, in der die DDR-Schriftstellerin Christa Wolf geboren ist. Im Internet findet man über diesen Rastplatz, der als „Stück westdeutscher Erinnerungskultur an die ehemals deutschen Ostgebiete“ bezeichnet wird, fast sieben Seiten Information.

Seit März 1990 bin ich jährlich im März zur Leipziger Buchmesse gefahren, bis 2012. Obwohl ich davon ausgegangen war, dass die literarische Flut der Erinnerung an Ostdeutschland mit der Jahrtausendwende abnimmt, gibt es immer noch jedes Jahr bis zu zwei Dutzend Buchtitel, die von Ostdeutschland sprechen. So ist letzten Herbst Freya Kliers Buch „Wir letzten Kinder Ostpreußens. Zeugen einer vergessenen Generation“ erschienen (siehe Rezension Seite 19), obwohl die Autorin 1950 in Dresden geboren ist, das historische Ostdeutschland also nicht aus eigener Anschauung kennt und keine verwandtschaftlichen Beziehungen dorthin hat.

Ich erkläre mir das damit, dass der Verlust Ostdeutschlands 1945 ein derart tiefer Einschnitt in die deutsche Geschichte war, dass immer noch Trauerarbeit geleistet wird, obwohl die überwiegende Mehrzahl der Deutschen bis heute nicht begriffen hat, was da verlorengegangen ist. Erinnert sei hier an Louis F. Helbigs Buch „Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit“ (erste Auflage 1988). Louis F. Helbig, ein 1935 in Liegnitz geborener Schlesier, war Germanistikprofessor an zwei amerikanischen Universitäten und lebt heute in Südfrankreich im Ruhestand.

Der Titel des Buches stammt aus Max Frischs „Tagebuch 1946–1949“; der Schweizer Autor war 1948 nach Breslau eingeladen worden und empfand die Abtrennung Schlesiens als „ungeheuren Verlust“. Fast 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs müsste jeder empfindsame Mensch die Loslösung Ostpreußens, Hinterpommerns, Ost-Brandenburgs und Schlesiens noch immer als „ungeheuren Verlust“ betrachten. Es geht schließlich um ein Viertel des damaligen Reichsgebiets mit Kulturschätzen wie Schlössern und Kirchen und um das „unsichtbare Fluchtgepäck“, um das Bewusstsein, Ostdeutscher zu sein und Träger eines unverzichtbaren Teils deutscher Kultur.

Wie eng wiederum die Geschichte Ostdeutschlands mit dem heutigen Deutschland vom 3. Oktober 1990 verflochten ist, davon erzählt sogar die Literaturgeschichte. Die deutsche Barockdichtung wäre undenkbar ohne die schlesische, die heute zunehmend von polnischen Germanisten erforscht wird. Außerhalb Schlesiens gibt es eigentlich nur drei Barockautoren von Bedeutung: Simon Dach aus Ostpreußen, den Autor des Liebesliedes „Ännchen von Tharau“, den Kirchenliederdichter Paul Gerhardt aus Sachsen und den Erzähler Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen aus Hessen, den Verfasser des Romans „Der abenteuerliche Simplicissimus“. In Schlesien dagegen gibt es ein Dutzend überragender Barockdichter, allen voran Andreas Gryphius.

Wer weiß noch, dass Lessing mitten im Siebenjährigen Krieg als Sekretär des aus Pommern stammenden Generals Friedrich Bogislav von Tauentzien fünf Jahre in Breslau lebte? Darf man vergessen, dass Goethe nicht nur 1786/88 eine italienische, sondern von Juli bis September 1790 auch eine schlesische Reise unternommen hat? Der Oberschlesier Heinz Piontek hat darüber den Roman „Goethe unterwegs in Schlesien“ geschrieben.

Das gleiche Diktum gilt für die deutsche Philosophie des 18. Jahrhunderts: Was wäre sie ohne die drei „Kritiken“ des Königsbergers Immanuel Kant? Und die Beispiele sind Legion.

Siebzig Jahre nach Kriegsende laufen wir Gefahr, dass uns die Deutungshoheit über das ostdeutsche Kulturerbe abhandenkommt. Es gibt Tendenzen, die deutsche Literaturgeschichte beispielsweise auf die Grenzen der heutigen Bundesrepublik Deutschland einzuschränken. Das betrifft nicht nur die gegenwärtige Literatur, sondern ist auch rückwirkend gemeint. Das heißt: Der „Königsberger Dichterkreis“ des 18. Jahrhunderts kommt nicht mehr vor, bei Johann Gottfried Herder werden nur noch die Jahre in Eutin, Bückeburg und Weimar behandelt, bei Gerhart Hauptmann nur noch die Jahre in Erkner bei Berlin bis zum Umzug nach Agnetendorf in Schlesien, die schlesischen Jahre werden ignoriert. Dem müssen wir mit aller Entschiedenheit entgegenwirken!

Jörg Bernhard Bilke (KK)

Das Europainstitut Klaus Mehnert (EIKM) der Kaliningrader Staatlichen Technischen Universität bietet vom 20. April bis zum 10. Juli 2015 ein Sommerstudienprogramm an. Im Rahmen des 3-monatigen Programms werden verschiedene Aspekte der europäischen Integration mit einem regionalen Schwerpunkt auf dem Ostseeraum und insbesondere dem Kaliningrader Gebiet thematisiert.

Die Teilnehmer des Sommerprogramms erhalten als Leistungsnachweis ein Zertifikat mit Angabe der ECTS-Punkte (ca. 22, bei Bedarf auch mehr möglich) zur Anrechnung an ihren Heimatuniversitäten. Das Sommersemester richtet sich an Studierende (Bachelor- und Masterstudenten) oder Absolventen aller Fachrichtungen weltweit. Die Unterrichtssprache ist Deutsch.

Für das Studium und die 3-monatige Unterkunft in Kaliningrad (Einzelzimmer im nahegelegenen Wohnheim des EIKM) fällt insgesamt eine Gebühr von 1200 Euro an. Bewerbungsschluss ist der 28. Februar 2015. Infos und Unterlagen gibt es unter www.europastudien-kaliningrad.eu, Telefon +7-4012-995934.

(KK)

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