Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1309.

Nicht aufhören, neu anzufangen

Von Polen kann man’s lernen: Das Wirtschaftswunderkind der letzten 20 Jahre übernimmt die Präsidentschaft der Europäischen Union

In den letzten Augusttagen 1978 stellte ich dem Leiter des Archivs der Bischofskurie in Breslau die Frage, ob es möglich sei, einige Dokumente aus der Finanzgeschichte der Eichendorff-Begüterung von 1801 in Fotokopien zu erhalten. Fast mitleidig lächelnd fragte er zurück: „Glauben Sie, daß es für den Sozialismus in Polen eine Zukunft gibt, wenn die Kurie in Wroclaw eine Xerokopiermaschine besitzen kann?“ Beide wußten wir nicht, daß wir nur noch bis zum 18. Oktober jenes Jahres warten mußten, um die Antwort zu erfahren. An diesem Tage wurde der Krakauer Kardinal zum Papst gewählt – und nach allem, was dann kam, brauchte Günther Schabowski am 9. November 1989 nur noch aus Schusseligkeit die Berliner Mauer zu öffnen, um die Welt das Hinscheiden des Kommunismus europäischer Spielart erleben zu lassen.

Zwischen dem 18. Oktober 1978 und dem November 1989 lag ein elfjähriger Freiheitskampf, an dessen Härte und Bedrohlichkeit und an dessen leidvollen Episoden die Tatsache nichts geändert hat, daß man im polnischen Papst eine Galionsfigur von Weltstatur und weltweit wirkendem Charisma hatte, der ein einzigartiges Talent zum Umgang mit Millionen, ihren Stimmungen und ihrem aus den Tiefen des Unterbewußtseins gesteuerten Gespür für fällige Veränderungen hatte.

Versucht man sich dazu in der Deutungswelt des polnischen Nationaldichters Juliusz Slowacki, der die polnische Leidensgeschichte der Teilungen in die Nähe der Passion Christi gerückt hat, dann liegt die Aussage nicht fern, der lange polnische Freiheitskampf, der schließlich den europäischen Kommunismus auch den Rest seiner Kümmerexistenz gekostet hat, sei ein Purgatorium gewesen – das wievielte der polnischen Geschichte seit 1655 eigentlich? Schließlich waren in diesem Purgatorium die wichtigsten Plagen untergegangen, mit denen auch noch der in sich zerfallende „Sozialismus“ die Bevölkerung gequält hatte. An erster Stelle steht eine der schlimmsten Inflationen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, in der zwar, wie in jeder Inflation, massenhaft wirtschaftliche und moralische Werte vernichtet wurden, aber auch ein völlig funktionsunfähiges Finanz- und Bankensystem beseitigt wurde. Nach einer hochprofessionell durchgeführten Währungsreform hat Polen heute eine der härtesten Währungen der Welt und nach dem Schweizer Franken die einzige noch verbliebene Fluchtwährung Europas.

Die polnischen Führungen der 90er Jahre haben es durch die kombinierte Anwendung neuesten finanztechnischen Wissens aus den USA und Europa geschafft, durch gelenkte und vorauskalkulierbare Abwertungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit für polnische Produkte wie auch Massenkaufkraft der Landeswährung auf dem großen Binnenmarkt herzustellen. Dieses Kunststück ist um so beachtlicher, als damit die Schaffung eines meistens stürmischen Wirtschaftswachstums faktisch ohne Sparquote der eigenen Bevölkerung erreicht wurde und Polen zugleich zum großen Kapitalimportland geworden ist. Allerdings waren und sind es auch Kapitalimporte „von Polen nach Polen“, nämlich die Überweisungen der Auslandspolen in das heimische Finanzsystem. Wenn heute das Finanzsystem des Landes markant stabiler ist als das von „Euroland“, dann sind die Grundlagen dafür in den damaligen Entscheidungen zu finden.

Für die Bevölkerung und die Wirtschaft war und ist nicht weniger bedeutsam, daß mit dem ruhmlosen Ende des Sozialismus auch die jahrzehntealte Plage der mißglückten Gebietsreformen ein Ende gefunden hat, die mit den 49 „Regierungsbezirken“ des Edward Gierek schließlich bizarre Züge angenommen hatte. Die gelungene Verwaltungsreform von 1998 mit der Verringerung der großen Verwaltungsbezirke auf nur 17, die etwa den französischen Departements entsprechen, und der Einführung von Landkreisen nach deutschem Muster ist Teil der polnischen Erfolgsgeschichte ab 1989 geworden. Die Anwendung des gesamten Wirtschafts-, Umwelt- und Unternehmensrechtes liegt bei diesen mittleren und unteren Gebietskörperschaften, die aber auch einen wachsenden Identifikationswert für die Bevölkerung haben. Polen selbst hat nicht viel Aufhebens davon gemacht, aber man kann sagen, daß es seit zehn Jahren zu den Nachbarstaaten Deutschlands mit einem föderalen Staatsaufbau gehört. Bewährt hat sich dieser Aufbau nicht nur für das Land und seine innere Stabilität, sondern auch für die gesamte EU, nachdem er wesentlich zur Sicherung der längsten Landgrenze der EU nach Osten beiträgt, wobei die Funktion der Seuchenschleuse ganz besonders auf veterinär- und phytosanitärem Gebiet inzwischen so selbstverständlich geworden ist, daß sie kaum noch beachtet wird.

Die ab 1990 vielbestaunte rasche Privatisierung des Handels und fast gleichzeitig der klein- und mittelgewerblichen Wirtschaft mit einer der liberalsten und flexibelsten Ladenschlußregelungen Europas, nämlich faktisch gar keiner, gehört längst zu den Entstehungsmythen des pluralistischen und demokratischen Polen. Sein Wirtschaftsraum ist heute mittelständisch bestimmt.

Das gilt auch für die Landwirtschaft, die selbst unter dem „Sozialismus“ eigentlich immer privat war, weil es 3,2 Millionen private Bauern gab, die aber nur einen Abnehmer und einen Lieferanten hatten, nämlich den Staat, was beiden nicht gut getan hat. Dem Staat haben auch die 1500 „staatlichen“ Landwirtschaftsbetriebe mit einer Durchschnittsgröße von 1800 Hektar alles andere als Profit gebracht. Sie gibt es längst nicht mehr. Der Staat als Träger der Agraruniversitäten hat natürlich noch Forschungs- und Versuchsgüter und einige Stammgestüte für die Warmblutpferdezucht, aber sonst gibt es im einst klassischen Land des adligen Gutshofes und seiner Poesie, die noch Chopin mit seiner Tanzmusik aus dem und für das ländliche Adelshaus beschworen hat, nur noch klein- und mittelbäuerliche Betriebe.

Über diese Faktoren hinaus hat das Land wie selten genug in seiner Geschichte der letzten 400 Jahre, die Gunst einiger Faktoren genutzt, die so nur für kurze Zeit zur Verfügung standen: Das war einmal eine Elite, die durch Jahrzehnte geistigen und materiellen Rückhalt bei der großen polnischen Diaspora in den USA gehabt hat und jetzt bereitstand, um den total verfahrenen Staatskarren wieder aus dem Dreck zu ziehen, und dabei wußte, wie dies zu bewerkstelligen war, eine der damals demographisch noch jüngsten Bevölkerungen Europas, ein insgesamt gutes und vor allem breites Bildungssystem – auch in Polen hat der Sozialismus nicht alles und jedes nur schlecht  gemacht – und eine gelungene europäische Ordnung mit einer Lösung aller bis dahin teilweise seit Generationen offenen Grundfragen.

Kaum zu überschätzen ist die kollektiv- und tiefenpsychologische Wirkung des Abzuges der ehemals sowjetischen Armee aus Mitteleuropa und damit auch aus Polen und zugleich der Nato-Mitgliedschaft. Zum ersten Mal seit mehr als zwei Generationen keine fremden Truppen im Land zu haben und gleichzeitig direkter militärischer und politischer Verbündeter der USA zu sein hat in der kollektiven Mentalität Kräfte freigesetzt, die einen großen Teil der 20jährigen polnischen Erfolgsgeschichte erklären.

Gleichwohl: Das politische Personal, das am 1. Juli die europäische Führung übernimmt, kommt nicht aus einem Palast, in dem die Sonne bis in die letzten Winkel scheint. Die Zukunftshypothek ist immer noch gewaltig. Sieht man Deutschland und Polen als einheitlichen zentraleuropäischen Verkehrsraum, dann sind beide Länder von riesigen LKW-Geschwadern aus allen Richtungen bedroht, gegen die sie nur sehr begrenzte Chancen haben. Für beide Länder und die kleineren Staaten, die sich an sie anlehnen, ist die Energieabhängigkeit von Rußland ein vorrangiges Zukunftsproblem. Für die europäische wie für die deutsche und die polnische Außenpolitik ist die offene Frage der Zukunft des stets wankenden ukrainischen Kolosses eine enorme Herausforderung. Noch mehr gilt dies für den absehbaren Zusammenbruch der weißrussischen Diktatur, die von der Moskauer Führung offenbar bereits aufgegeben worden ist. Den vor allem wirtschaftlichen und sozialen weißrussischen Kollaps wird namentlich die Re-
gionalmacht Polen aufzufangen haben, vor allem die dann entstehenden Grenzprobleme.

Innerhalb Polens selbst sind die immensen Umweltprobleme in den ökologischen Katastrophenlandschaften, die immer noch etwa 15 Prozent der Landesfläche von 312000 Quadratkilometern umfassen, durch Änderungen in der Wirtschaftsstruktur und das Absterben von Altindustrien vertagt, aber nicht gelöst. Nicht anders ist es mit der größten Bevölkerungsballung Ostmitteleuropas, dem oberschlesischen Industrie- und Montanrevier, dem demographisch der Großraum Krakau bis nach Tarnow zuzurechnen ist. Auf tschechischer Seite findet diese Megaproblemzone von Ostrau bis Karvina ihre Fortsetzung.

Noch kann sich Polen auf die Großressource einer relativ jungen Bevölkerung zusammen mit einer traditionell hohen Beschäftigungsquote der Frauen stützen, aber die große demographische Transition hat bereits eingesetzt, die auch für Polen das in Deutschland längst mit eiserner Hand herrschende Gesetz einer schließlich stürmischen Alterung der Gesellschaft in Kraft setzen wird, nicht, weil immer mehr Polen alt, sondern weil immer weniger jung sein werden.

Für die Humanepidemiologie ist Polen ein Grund zur Beunruhigung: Die höchste Krebsinzidenz in Zentraleuropa, und zwar bei allen Krebsformen, hohe Quoten bei Herz-Kreislauferkrankungen, vor allem beim Bluthochdruck, ebenso bei degenerativen Erkrankungen, ein hohes Suchtpotential gegenüber Alkohol und Nikotin und vor allem die höchste Befallsrate mit episodischen psychischen Störungen unter den großen EU-Ländern. Für Müßiggang werden die Gesundheitspolitiker des Landes auch in Zukunft keinen Grund haben.

Zwar hat die polnische EU-Präsidentschaft vor allem die Aufgabe, Weichenstellungen für mehrjährige Entwicklungen durchzusetzen, aber Wunder darf man auch von ihr nicht erwarten. Dazu gleicht die EU gegenwärtig allzusehr einem Hühnerstall, durch dessen Tür der Fuchs einen langen Blick auf die versammelten Gackerer getan hat. Von einer polnischen Nationaleigenschaft wird Europa allerdings profitieren: Die Polen sind keine Schönredner und brennen vor kleinen und großen Problemen keine Nebelkerzen ab, sondern nennen die Dinge beim Namen.

Dietmar Stutzer (KK)

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