Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Nicht immer war man in guter (Ankunfts-)Gesellschaft

Im Rahmen der „Studien zur kirchlichen Zeitgeschichte“ erschien die Dokumentation einer Tagung der Universität Erfurt im Jahre 2008. Elf Referenten aus Deutschland, Polen und Tschechien sprachen über „Flüchtlinge, Vertriebene und die Ankunftsgesellschaft“. Die Rolle der Kirchen wurde herausgearbeitet – schließlich war die Forschungsstelle für kirchliche Zeitgeschichte der Universität Erfurt an dem Kolloquium beteiligt. Während die Situation der Kirchen nach 1945 für die Bundesrepublik inzwischen recht gut untersucht ist, gilt dies weniger für die SBZ/DDR sowie Tschechien und Polen.

Der  ehemaligen DDR galten drei Vorträge. Besonders an den Beispielen Sachsen und Rügen wurde die Lage in der SBZ/DDR untersucht. Die Vertriebenen mußten sich in die kirchliche Nischengesellschaft begeben, da für den kommunistischen Staat das Thema Vertreibung tabu war. 

Der Warschauer Professor Piotr Madajczyk  richtete seinen Blick auf die in Westdeutschland von den Vertriebenverbänden lange verdrängte Neuansiedlung der vorwiegend aus der Ukraine, Litauen und Weißrußland stammenden Polen in den ehemaligen deutschen Ostgebieten. Auch  er wartet auf die Freigabe der vatikanischen Akten aus der Zeit unter dem Pontifikat Pius XII., um mehr Klarheit zu gewinnen. Er machte aber deutlich, daß es sich auch bei der „Umsiedlung“ der Polen um eine „ethnische Säuberung“ handelte und Moskau wenig oder gar keine Rücksicht auf polnisches Kulturgut nahm: „Während der Umsiedlung wurde zum großen Teil das kulturelle Erbe der Betroffenen zerstört.“ Zusagen finanzieller Unterstützung der Umsiedlerfamilien – wie etwa Steuererleichterungen – hielt das kommunistische Warschau kaum ein.

„Der Odsun war europafeindlich“, stellte Blanca  Soukupova aus Prag fest und erinnerte auch an das Schicksal der 1945 noch in Böhmen und Mähren lebenden 15 000 deutschsprachigen Juden.

Rainer Bendel aus Tübingen und Michael Hirschfeld aus Vechta konnten bei ihren Vorträgen  aus dem reichen Schatz  ihrer bisherigen Untersuchungen und Bücher schöpfen. Es bestätigte sich, daß die katholische Kirche weitgehend mit viel Verständnis für die Vertriebenen und caritativer Hilfe der Not zu steuern suchte.

Schon wegen des Territorialprinzips der einzelnen Landeskirchen tat sich die evangelische Kirche erheblich schwerer. „Wendet euch also zuallererst an die Leitung der Landeskirche“, hieß es, wobei Hessen-Nassau eine wenig rühmliche Rolle spielte. Noch 2007 wurden die Vertriebenen in einer Festschrift  die  „Unerwünschten“ genannt. Der Konvent der ehemaligen evangelischen Ostkirchen mußte noch bei seinem 60jährigen Bestehen selbst auf seinen Einsatz aufmerksam machen.
Leider fehlt wie so oft bei Tagungsdokumentationen ein Personenregister.

Norbert Matern (KK)

Aufnahme – Integration – Beheimatung. Flüchtlinge, Vertriebene und die Ankunftsgesellschaft. Hrsg. J. Pilvousek, E. Preuß. LIT Verlag, Berlin 2009,181 S., 19,90 Euro
 

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