Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1397.

Nicht „in Gottes Namen“, sondern im Namen Gottes

Diesen Unterschied haben sudetendeutsche Christen gelebt und sind dafür gestorben

Die Titel-Collage zur Ausstellung „Zeugen für Menschlichkeit. Christlicher sudetendeutscher Widerstand 1938–1945“. Obere Reihe von links: Sr. Maria Restituta Helena Kafka, Richard Henkes, Pater Engelmar Unzeitig, Sr. Epiphania Barbara Pritzl, Hanns Georg Heintschel von Heinegg. Untere Reihe von links: Pater Augustinus Franz Schubert, Karl Schrammel, Roman Karl Scholz, Eduard Schlusche, Josef Tippelt
Bild: Ackermann-Gemeinde

In Form einer zweisprachigen Wanderausstellung (deutsch und tschechisch) mit dem Titel „Zeugen für Menschlichkeit. Christlicher sudetendeutscher Widerstand 1938–1945“ und einem 140-seitigen Katalog dazu hat die Ackermann-Gemeinde dieses Thema aufgearbeitet. Die Ausstellung ist seit dem 24. September 2016, dem Tag der Seligsprechung Pater Unzeitigs, auf Wanderschaft. Seither war sie in zahlreichen deutschen und tschechischen Städten zu sehen, unter anderem auch beim Katholikentag in Münster. Die aktuellen und nächsten Stationen sind vom 25. September bis zum 14. Oktober in Wittichenau, Forellverein (Kolpingplatz 8) und vom 15. Oktober bis zum 9. November in der Pfarrkirche in Roding (Marktplatz 13). Der ehemalige Ministerpräsident der Tschechischen Republik Bohuslav Sobotka hat ebenso die Schirmherrschaft für dieses Projekt übernommen wie der Vorsitzende der Tschechischen Bischofskonferenz Dominik Duka.

Das Münchner Abkommen bedeutete für die Menschen in den Sudetengebieten nicht nur die Erfüllung der Sehnsucht, nun dem deutschen Volk anzugehören. Es brachte auch die nationalsozialistische Ideologie und Strukturen in diese Räume.

Schon in der ersten Woche änderte sich das politische Gesicht des Landes völlig: Eine Militärverwaltung wurde geschaffen, umfassende Leit- und Nebenstellen der Gestapo wurden eingerichtet, die sudetendeutschen Parteien und Vereinigungen (z. B. Kolping) wurden aufgelöst und die bisher vom tschechoslowakischen Staat gezahlte Unterstützung für Geistliche eingestellt. Darüber hinaus begannen intensive Verhaftungen, alle bisherigen Jugendverbände wurden verboten, nur die Hitler-Jugend und der Bund deutscher Mädel zugelassen. Die bisher freie und eigenständige deutsche Presse wurde aufgelöst. Zu bedenken ist ferner, dass das im Hitler-Deutschland schon fünf Jahre lang aufgebaute Repressionsnetzwerk in kürzester Zeit auch im Sudetengebiet aufgebaut werden konnte.

Dennoch leisteten viele Menschen Widerstand – auch Katholiken. Deren Motive waren – wie die Herkunft – sehr unterschiedlich. Doch alle einte die Überzeugung, es sei notwendig, nicht zu schweigen und aktiv zu handeln. Die Lebensläufe, Aktivitäten und Schicksale der hier vorgestellten Personen können nur angerissen werden. Für eine tiefere Beschäftigung gibt es entsprechende Hinweise.

Kirchlich gewürdigt worden mit der Seligsprechung am 21. Juni 1998 ist die Ordensschwester Maria Restituta Helene Kafka (1894–1943). Sie setzte sich gegen die Entfernung der Kreuze ein. Ein patriotisches, gegen die NS-Politik gerichtetes Soldatenlied führte zur Verhaftung. Am 30. März 1943 wurde sie enthauptet.

Sr. Epiphania Barbara Pritzl (1881–1944) musste Ende 1938 ihre Lehrertätigkeit beenden. Bei einer Hausdurchsuchung im September 1943 wurde ein Schreiben gegen die Gestapo entdeckt. Dies führte zur Internierung, im KZ Ravensbrück starb sie am 18. März 1944 an einer Lungenentzündung.

Von Jugend auf katholisch engagiert war der Buchhändler und Verleger Eduard Schlusche (1894–1945). Beteiligt war er 1937 am (geheimen) Druck und Vertrieb der Enzyklika „Mit brennender Sorge“. Im Oktober 1938 geriet er ins Visier der Gestapo. Letztlich kam er ins KZ Neuengamme bei Hamburg. Gegen Kriegsende wurden die Häftlinge auf Schiffe verladen, die bombardiert wurden. Dabei starb auch Schlusche.

Anfangs von der NS-Ideologie begeistert war der Augustiner-Chorherr Roman Karl Scholz (1912–1945). Nach einem NSDAP-Reichsparteitag sah er diese Politik aber kritisch. Im Herbst 1938 gründete er mit Viktor Reimann die „Österreichische Freiheitsbewegung“. Die Gruppe wurde verraten, Scholz am 22. Juli 1940 verhaftet. Anfang März 1944 verurteilte ihn der Volksgerichtshof zum Tod. Das Urteil wurde am 10. Mai 1944 vollstreckt.

Wegen seiner couragierten Jugendarbeit galt der Priester Karl Schrammel (1907–1945) bei der Gestapo als „Saboteur“. Verhaftungsgrund war ein Brief an einen Freund mit gegen die NSDAP gerichteten Aussagen. Im KZ Buchenwald wurde er am 5. Februar 1945 hingerichtet.

Für fesselnde und unverblümte Predigten stand Augustinerpater Franz Schubert (1902–1942). Ungeschminkt kommentierte er den Einmarsch der deutschen Truppen in Prag im März 1939, was zu seiner Verhaftung führte. Im KZ Dachau starb er am 28. Juli 1942 an Tuberkulose und Herzversagen.

In der Christlich-Sozialen Volkspartei und als Katholik war der Lehrer Josef Tippelt (1908–1943) aktiv. Von Anfang an prangerte er die antichristliche nationalsozialistische (und auch kommunistische) Ideologie an. Ein an den Wiener Kardinal Innitzer gerichteter kritischer Brief – der Oberhirte hatte den Anschluss Österreichs mit „Heil Hitler“ unterzeichnet – wurde Tippelt zum Verhängnis. In Berlin-Plötzensee wurde er am 6. März 1943 hingerichtet.

Sanfter Kämpfer gegen Nationalsozialismus und Fleckfieber: das Pater Engelmar Unzeitig gewidmete Fenster in der Kirche in Glöckelberg
Bild: der Autor

Hanns Georg Heintschel von Heinegg (1919–1944) machte sich Gedanken über eine Neuordnung Europas. So lernte er Angehörige der österreichischen Freiheitsbewegung, einer Widerstandsgruppe, kennen. Die Gruppe wurde verraten, die Mitglieder festgenommen, Heintschel von Heinegg am 5. Dezember 1944 in Wien enthauptet.

Aus Ruppach am Niederrhein stammte der 1925 zum Priester geweihte Richard Henkes (1900–1945). Auch er predigte kritisch und freimütig. Verhaftet wurde er wegen einer Predigt gegen die Euthanasie. Im KZ Dachau starb Henkes am 22. Februar 1945 an Typhus.

Die NS-Zeitung „Der Stürmer“ bezeichnete Pater Engelmar Hubert Unzeitig (1911–1945) als Schmierblatt und nahm Juden in Schutz. Das reichte aus, dass er in Glöckelberg im Böhmerwald, wo er als Pfarrverwalter wirkte, verhaftet wurde. Am 3. Juni 1941 kam er ins KZ Dachau. Als dort im Dezember 1944 eine Fleckfieberepidemie ausbrach, stellte sich Unzeitig als Krankenpfleger zur Verfügung. Am 20. Februar 1945 erkrankte er selbst und starb am 2. März 1945. Am 24. September 2016 wurde Pater Unzeitig in Würzburg seliggesprochen.

Diese zehn Personen stehen nur stellvertretend für viele weitere, wie in der Ausstellung und auch im Katalog dazu deutlich wird. Weit über 600 Menschen, von denen viele auch die NS-Zeit überlebt haben, sind namentlich genannt – ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Markus Bauer (KK)

«

»