Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1236.

Nichtalltäglicher Dienst im Alltag

Anton Cosa, der katholische Bischof von Moldova, ist tätiger Zeuge einer dramatischen Gegenwart im ärmsten Land Europas

Hätte es die Sowjetunion nicht gegeben, wäre Bischof Anton Cosa von Moldova heute auch Bischof für viele Rußlanddeutsche. Denn zu seinem Bistum gehört Tiraspol, einst Bischofssitz und Mittelpunkt für 335000 Rußlanddeutsche. Die wenigen, die Verfolgung, Not und Tod durch die Kommunisten überlebt haben, betreut heute der aus Sachsen stammende Bischof Clemens Pickel in Saratow an der Wolga. Der offizielle Name seines Bistums lautet aber bis heute „Tiraspol/Saratow“. Pickel und Cosa kennen sich gut.

„Ich fühle mich in der Republik Moldova zu Hause, ich bin Rumäne und Moldavier“, sagt Bischof Anton Cosa im Münchner Presseclub. Der Grund seines Kommens: Moldova ist das Ursprungsland des Frauenhandels. Nach einer wissenschaftlichen Untersuchung erleidet jede dritte Frau physische oder psychische Gewalt in der eigenen Familie. Kein Wunder, daß viele junge Mädchen weg wollen und denen glauben, die ihnen gute Arbeitsverträge im Westen versprechen. Statt als Verkäuferin zu wirken, landen sie jedoch im Bordell. Bischof Cosa dazu: „Ich bin Zeuge, ich kenne den Alltag in meinem Land.“ Sein Dank gilt daher Renovabis, das mehrere Projekte im Bereich der Betreuung von Opfern von Frauenhandel und Aufklärungskampagnen unterstützt.

Der heute 45jährige Bischof stammt aus Ostrumänien, besuchte das Priesterseminar in Jassy und ging 1990 nach kurzer Kaplanszeit in seiner Heimat als Pfarrer nach Chisinau, der Hauptstadt von Moldova. Als Papst Johannes Paul II. die bis dahin Apostolische Administratur Moldova zum Bistum erhob, wurde Cosa ihr erster Bischof. Es gehört Mut dazu, die extrem kleine Minderheit von rund 20000 Katholiken unter 4,3 Millionen Einwohnern selbstbewußt zu vertreten, zumal dann, wenn das Land mit Präsident Vladimir Voronin wieder eine kommunistische Regierung hat. Aber sie läßt die Katholiken zumindest in Ruhe. Cosa trägt die Verantwortung  für 18 Pfarreien mit 27 Priestern, darunter einem Deutschen. Die übrigen stammen aus Polen und Rumänien.

Unter den Christen in Moldova herrscht seit einiger Zeit Unruhe, worauf auch Radio Vatikan hinwies. „Ich habe Schwierigkeiten, das zu verstehen“, sagt Cosa, wenn er darauf angesprochen wird, daß der Europäische Gerichtshof das Land zwischen Dnjestr und Pruth gerade wegen Verletzung der Religionsfreiheit verurteilt hat. In Wahrheit ist es so, daß sich eine Gruppe orthodoxer Christen gegen das Moskauer Patriarchat gestellt hat und auf dem Wege zu einer orthodoxen moldavischen Nationalkirche ist. Aber mit diesen Problemen nicht genug: Vor 15 Jahren spaltete sich unter russischem Einfluß auch Transnistrien von  Moldavien ab, wo sich etwa ein Drittel der moldavischen Industrie befindet. Eben dort liegt auch Tiraspol. Heute leben in Transnistrien noch rund 5000 Katholiken.

Moldova ist verarmt, das Durchschnittseinkommen liegt bei umgerechnet 30 Euro, Pensionäre erhalten 12. Hundert Euro wären nötig, um einigermassen leben zu können. Die Folge: Auch von den wenigen Diözesanen Bischof Cosas versuchen viele auszuwandern. Die beste Investition in einer Familie, so heißt es, ist ein Kind im Ausland. Insgesamt gehen so viele Moldavier, daß heute ein Drittel des staatlichen Bruttoinlandprodukts aus den Überweisungen der Auslandsmoldavier an ihre Familien besteht. „Dabei“, so sagt der Bischof, „waren wir bis zur Wende kein armes Land, man konnte dort gut leben. Die Politik war schlecht, als zum Beispiel über Nacht alle Sparbücher wertlos wurden. Ich bin Zeuge dessen, was wir hatten und nicht mehr haben.“ Moldova ist neben Albanien das ärmste Land Europas.

So ist der Bischof gezwungen, sich in seinem Diasporabistum nicht nur um die religiöse, sondern auch um die materielle Situation seiner Diözesanen zu kümmern. Zwei Millionen Euro kamen bisher von Renovabis, der Hilfsaktion der deutschen Katholiken für Ostmitteleuropa, für pastorale Projekte, Kindergärten und Sozialstationen sowie die Betreuung von Straßenkindern. Trotzdem: Die Jugend verläßt das Land, und die Alten wählen kommunistisch. Dieser Situation hat sich der Bischof, der übrigens fließend deutsch spricht, Tag für Tag zu stellen. Die Hilfswerke der deutschen Katholiken sind seine Stützen.

Norbert Matern (KK)

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