Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1250.

Nichts ist abgründig, wenn man Hintergründe kennt

Die Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung übt sich bei ihrem Jauernicker Forum in interkultureller Kommunikation

Traditionell haben sich junge Polen und Deutsche in Jauernick bei Görlitz zum Herbstforum der Gemeinschaft für deutsch-polnische Verständigung (gdpv) getroffen. Dieses Mal lautete das Motto: „Interkulturelle Kommunikation und die deutsch-polnische Verständigung am besonderen Beispiel Schlesiens“. Bei Begegnungen mit anderen Nationen nehmen wir gar nicht wahr, daß es in Gesprächen zu kulturell bedingten Kommunikationsschwierigkeiten kommen kann, die Mißverständnisse erzeugen. Das beste Beispiel für solche Unstimmigkeiten steckt alleine schon in der geographischen Zuordnung Schlesiens. So ist den Schlesienforschern seit Jahren bekannt, daß die Deutschen (insbesondere deutsche Vertriebene), wenn sie von „Schlesien“ sprechen, meist Niederschlesien im Sinn haben. Wenn die Polen dagegen von „Schlesien“ (Slask) reden, meinen sie ausschließlich Oberschlesien, und zwar in erster Linie die oberschlesische Industrieregion. Solche interkulturellen Probleme kommen zwischen den beiden Nationen ständig vor.

Dieses Phänomens nahm sich Dr. Krzysztof Wojciechowski (Frankfurt/Oder) an, um die Thematik ausführlich zu entfalten. Der studierte Philosoph und Ethiker beschäftigt sich seit über 20 Jahren mit den deutsch-polnischen Beziehungen und leitet das Collegium Polonicum, eine Einrichtung, die von der Viadrina und der Adam-Mickiewicz-Universität zu Posen gemeinsam betrieben wird. Durch viele konkrete Beispiele konnte er den Teilnehmern deutlich vor Augen führen, daß die unterschiedliche kulturelle Prägung in vielen Lebensbereichen zu Mißverständnissen führen kann. Wer eine deutsch-polnische Verhandlung, sei es im politischen, wirtschaftlichen oder universitären Bereich, erlebt hat, weiß, daß die Wahl der Gesprächs- und Verhandlungspunkte andere Akzentuierungen erfährt. Während es für die Deutschen zu einer Selbstverständlichkeit gehört, konfliktreiche Punkte in den Vordergrund der Diskussion zu stellen, weil die Lösung strittiger Fragen als eine wesentliche und positive Grundlage der Weiterentwicklung und der Konfliktbewältigung gehört, scheuen sich die Polen, Konflikte offen anzusprechen, weil sie diese für etwas Negatives halten. Einen wichtigen Faktor für den Ausgang eines Gesprächs bildet dabei das kulturelle Selbstwertgefühl, das auch von kollektiven Wahrnehmungsmustern gebildet wird. So ist es gerade kein Zufall, daß bei internationalen Umfragen diejenigen Nationen und Länder die Beliebtheitsskala anführen, mit denen wirtschaftlicher und technischer Fortschritt verbunden wird, während arme Gesellschaften stets das Nachsehen haben. Andererseits behindert eine zu große materiell-wirtschaftliche Differenz zwischen zwei Nationen einen partnerschaftlichen Dialog. Diese Unterschiede, gepaart mit historisch-politischen Minderwertigkeitskomplexen, können zwischenstaatliche Beziehungen trüben, wie das die jüngsten deutsch-polnischen Beziehungen zeigen. Ohne die Bemühung, den kulturellen Hintergrund des Nachbarn kennenzulernen und zu verstehen, können solche Mißverständnisse nicht aus der Welt geschafft werden.

In zahlreichen Gruppenarbeiten konnten sich die Teilnehmer vergewissern, von welchen Bildern und Stereotypen sie geleitet werden, wenn sie sich mit Schlesien und den Schlesiern beschäftigen, was durch die hervorragende Leitung von Paulina Kleiner (Berlin) und Janusz Goroll (Kattowitz) sehr lebendig und eindrucksvoll gelang. Um so interessanter ist es zu erfahren, wie gerade die Jugend mit diesem Thema umgeht. Für den Polen ist der typische Schlesier ein oberschlesischer Bergbauer, der in einer verschmutzten Industrieregion lebt, Wasserpolnisch spricht und der Familienernährer ist, während die Frau im Haushalt tätig ist; ein Bild, das durch kommunistische Strukturen geprägt und immer noch lebendig ist. Für die Deutschen ist Schlesien gleich Niederschlesien; Oberschlesien wird eher mit dem historischen Oppelner Teil verbunden, den die Polen wiederum kaum mit Oberschlesien assoziieren. Für die Schlesienforscher ist es daher weiterhin wichtig, solche kulturell geprägten kollektiven Bilder zu berücksichtigen, nach allen Gesichtspunkten zu untersuchen  und zu fragen, ob sie noch aktuell sind.

Die Tagung wurde mit einer Exkursion durch Görlitz–Zgorzelec abgerundet, die durch die exzellente Führung von Thomas Maruck (Görlitz) zu einem Erlebnis wurde und die Teilnehmer auch ins Schlesische Museum zu Görlitz führte. Die Organisatoren können auf eine gelungene Veranstaltung zurückblicken und laden schon heute herzlich zur nächsten Begegnung mit dem kulturellen Erbe des Glatzer Landes ein, die Ende April stattfinden wird.

Gregor Ploch (KK)

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