Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1285.

Nie denkt man weit genug weiter

Ackermann-Gemeinde und Sudetendeutscher Rat gedenken der 60 Jahre Eichstätter Deklaration

Die Achtung und Sicherung der Menschen- und Bürgerrechte überall auf der Welt, die Aufarbeitung historischer Konflikte im Geist der Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und gegenseitigen Achtung, das Ringen um die Stärkung föderaler Strukturen und solidarisches Handeln in Europa nannte Adolf Ullmann, der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, als Aufgaben, die sich aus der am 27. November 1949 unterzeichneten Eichstätter Deklaration ergeben. Die Würdigung der Unterzeichner und die Bedeutung der Erklärung für die deutsch-tschechischen Beziehungen standen im Zentrum der Gedenkveranstaltung „60 Jahre Eichstätter Deklaration“.

Am 27. November 1949 hatten sich in Eichstätt auf Initiative der Ackermann-Gemeinde bedeutende sudetendeutsche Persönlichkeiten ungeachtet weltanschaulicher und politischer Unterschiede versammelt. In der sogenannten Eichstätter Deklaration formulierten sie erstmals den Verzicht auf Rache und legten ein klares Bekenntnis zur Einigung Europas ab.

Die Deklaration gilt als Vorläuferin der Charta der deutschen Heimatvertriebenen. Von ihr ging ein wichtiger historischer Impuls zur Integration der Vertriebenen, zur Aufarbeitung ihres Schicksals und zur Versöhnung mit den Nachbarvölkern aus.

Rund 150 Mitglieder der Ackermann-Gemeinde, die mit dem Sudetendeutschen Rat diese Veranstaltung organisiert hatte, nahmen an dem Jubiläum teil. Eichstätts Generalvikar Domprobst Johann Limbacher und der evangelische Dekan Wolfgang Popp aus Pappenberg zelebrierten in der Kreuzkapelle des Priesterseminars einen ökumenischen Gottesdienst. Der Generalvikar machte in seiner Predigt deutlich, daß es zu danken gelte für das „Leben in Freiheit und Gesichertsein in unserem Land“. Die Grundaussagen der Eichstätter Erklärung, den Verzicht auf Rache und das Bekenntnis zu einer friedlichen Einigung Europas auf der Basis einer föderalen Struktur bezeichnete der Domprobst als „historisch großes Werk für die Zukunft“. Er verwies dabei auf das Menschenbild und die Grundordnung der christlichen Soziallehre. „Die Eichstätter Erklärung ist ein beeindruckendes Zeugnis für eine Perspektive aus der christlichen Botschaft heraus“, faßte er zusammen.

Der Bundesvorsitzende der Ackermann-Gemeinde, Adolf Ullmann, eröffnete im Spiegelsaal der Residenz den Festakt. Die Eichstätter Erklärung bezeichnete er als „Dokument der Weitsicht und richtungweisend für die sudetendeutsche Volksgruppe und weitere Vertriebenengruppen“. Mit Blick in die Zukunft forderte Ullmann die Festversammlung auf, die Eichstätter Erklärung weiterzudenken.

Die Weitsicht der Unterzeichner bestätigte auch Eichstätts Oberbürgermeister Arnulf Neumeyer. Für Ivo Losman, den stellvertretenden Generalkonsul der Tschechischen Republik, beinhaltet die Erklärung „viele bis heute gültige Aussagen – Gedanken, die auch für das Europa von heute stehen“. Als „herausragendes Dokument des Versöhnungswillens und des Humanismus der sudetendeutschen Vertriebenen“ würdigte Albrecht Schläger, Generalsekretär des Sudetendeutschen Rates, die Adventserklärung. Er empfahl die Erklärung als „Verpflichtung und Vermächtnis für die junge Generation in Deutschland und in unseren Nachbarländern“.

Als „wegweisendes Dokument für die sudetendeutsche Volksgruppe und die Heimatvertriebenen“ bezeichnete in seiner Festrede Staatsminister Siegfried Schneider, Leiter der Bayerischen Staatskanzlei, die Erklärung, die auch ein Gegenentwurf zur atheistisch-kommunistischen Doktrin gewesen sei. Besonders die Christen sieht er aufgerufen, „Unrecht zu heilen“ und den Dialog zu suchen. In diesem Kontext dankte er der Ackermann-Gemeinde für die Initiativen in den letzten sechs Jahrzehnten. Schneider nannte aber auch Aufbrüche auf tschechischer Seite, die „einen Beitrag zur Rückkehr der Deutschen in die böhmisch-tschechische Geschichte“ leisten.

Für Bernd Posselt, Sprecher der Sudetendeutschen Volksgruppe und Mitglied des Europa-Parlaments, war die Eichstätter Erklärung der „Beginn des Selbstfindungsprozesses der Volksgruppe“, der bis heute noch nicht abgeschlossen sei. „Die Eichstätter Erklärung hält uns zusammen und führt uns in die Zukunft“, stellte der Europaabgeordnete mit Verweis auf die Pluralität in der sudetendeutschen Volksgruppe fest. Für Posselt besteht auch heute die Aufgabe darin, die Volksgruppen- und Minderheitenrechte beim Neuaufbau Europas zu realisieren und den Nationalismus zu überwinden. „Dies muß in jeder Generation neu aufgebaut, gepflegt und erneuert werden – durch ehrliche Versöhnung, die Einbeziehung der Betroffenen, auf der Basis von Verständigung“, erklärte er. Grundlage für all dies sind für Posselt die Menschenrechte. „Der Mut zu einer christlich-humanistischen Erneuerung Europas, wie es in der Eichstätter Erklärung geschrieben steht, ist uns heute abhanden gekommen“, faßte Posselt zusammen und sah es daher als Aufgabe an, „das christliche Fundament wieder stärker in den Mittelpunkt zu stellen, aus christlichem Glauben und humanem Geist Europa inhaltlich für die Zukunft neu zu gestalten. Das ist auch eine elementare Verpflichtung zur Politikgestaltung“.

Markus Bauer (KK)

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