Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1240.

Nie wieder!

Für ein zentrales Mahnmal gegen Vertreibungen

Nie wieder Krieg! Das war bereits der lebhafte Wunsch der europäischen Völker, nachdem der Erste Weltkrieg sowohl auf seiten der Mittelmächte (Deutsches Reich und Österreich-Ungarn) als auch auf seiten der Gegner im Westen und Osten Millionen Toter verschlungen hatte. Der Völkerbund, der diesen Wunsch in praktische Politik umsetzen sollte, erwies sich allerdings als schwacher Rohrstab gegen den Egoismus der Staaten. Und so konnte das durch die Pariser Vorortsverträge strangulierte deutsche Volk sich einen finster entschlossenen Kämpfer für die Wiederherstellung seiner Gleichberechtigung unter den Völkern Europas als vermeintlichen Retter gefallen lassen, der sich bald als diabolischer Verführer und Verantwortlicher für die Vernichtung von etwa 60 Millionen unschuldiger Menschen erwies.

Auf diesem Feld von Leichen und Trümmern brach sich die Idee einer Vereinigung der europäischen Völker und Staaten in den Gemütern der Menschen und einiger weitsichtiger Politiker Bahn. Mit den Römischen Verträgen gewann diese Zielsetzung vor 50 Jahren zum ersten Mal Gestalt. Heute genießen wir nun seit Jahren die Früchte einer nicht mehr umkehrbaren Entwicklung zu gemeinsamem Frieden und Wohlstand in Freiheit.

Nun ist zwar von Europa das meiste Unheil, aber sicher auch der größte Segen für die Menschheit ausgegangen. Heute aber ist es bei aller Bedeutung nur ein kleiner Teil der Welt. Und im übrigen bilden sich in den Köpfen mancher Menschen immer wieder unheilvolle Ideenverknüpfungen, die unter gewissen Umständen das in Europa gewonnene Glück gefährden oder gar beseitigen könnten. Es gehörte stets ein enormer Aufwand an moralischer Kraft dazu, die schlimmsten Formen von Inhumanität, die geradezu Epoche gemacht haben und unter dem Anspruch der Rechtgläubigkeit ausgeübt worden sind, zu überwinden. Es genügt, die erbitterten Religionsstreitigkeiten von den Kreuzzügen bis zu den Konfessionskriegen und den durch Ausrottung, Vertreibung und Unterdrückung gekennzeichneten Kolonialismus der westeuropäischen Seemächte zu erwähnen.

Und wie beendeten die Siegermächte, die ihren opfervollen Kampf gegen Hitler-Deutschland unter der Fahne der Humanität auf sich genommen hatten, diesen Krieg gegen Deutschland, das sie bis zur bedingungslosen Kapitulation niedergerungen hatten?

Gewiß, sie ermöglichten nach der Beseitigung der nationalsozialistischen Zwangsherrschaft über das deutsche Volk, soweit es überlebt hatte, die Bildung freiheitlichdemokratischer Gemeinwesen in Kommunen und Ländern. Auch den Hunger mildernde Lebensmittellieferungen erfolgten namentlich in die amerikanische und britische Besatzungszone. Allerdings gab es auch umfangreiche Demontagen von Maschinen aus erhalten gebliebenen Industrieanlagen besonders im Ruhrgebiet. Man sah aber schließlich ein, daß dadurch die Selbsthilfe des geschundenen deutschen Volkes entscheidend behindert wurde.

Während somit die Westmächte in ihren Zonen lediglich ein widersprüchliches Verhalten zwischen Hilfe und Schädigung des überwundenen Gegners an den Tag legten, hatten sie im Osten ihrem Bundesgenossen und seinen Schützlingen einen Freibrief für eine der größten Unmenschlichkeiten ausgestellt, die es je gegeben hat. Indem man den Abmachungen in Potsdam die Grenzen des Deutschen Reiches vom 31.12.1937 zugrunde legte, waren die ca. 3,5 Millionen Sudetendeutschen der Willkür des wiedererstandenen tschechoslowakischen Staates (Beneš-Dekrete) preisgegeben. Durch den Beschluß, die deutsche Bevölkerung östlich der an Oder und Görlitzer Neiße gezogenen Demarkationslinie aus dem Lande zu treiben und den wegen der Kampfhandlungen aus diesen Gebieten Geflohenen die Rückkehr in ihre Wohnsitze zu verweigern, waren ca. 9 Millionen Menschen ihrer Heimat und ihres Eigentums beraubt. Hinzu kamen die Deutschen, die aus ihren Siedlungsgebieten östlich der alten Reichsgrenzen und aus den südosteuropäischen Staaten ins restliche Deutschland vertrieben („transferiert“) worden waren.

Dies war ein Exodus von 15 Millionen Menschen, den ca. 2 Millionen nicht überlebt haben. Obwohl das 20. Jahrhundert mit Recht als ein Jahrhundert der Vertreibungen bezeichnet werden kann, so hat es eine Vertreibung dieses Umfangs in der Geschichte Europas noch nie gegeben.
Zwei scheinbare Begründungen für den Wechsel der Gebietshoheit über die in Potsdam Polen zugeschlagenen Gebiete sollen kurz entlarvt werden, weil sie immer wieder zur Milderung des Verbrechens der Vertreibung angeführt werden.

1. Die sogenannte Notwendigkeit einer Westverschiebung Polens wegen des Vorrückens der Sowjetunion bis zur ursprünglichen Ostgrenze des nach anderthalb Jahrhunderten der Teilung neu errichteten polnischen Staates, wie sie nach dem Ersten Weltkrieg als Ostgrenze Polens (Curzon-Linie) festgelegt wurde. Diese Gebiete waren nach dem Sieg Polens über die Sowjetunion (Pilsudski, „Wunder an der Weichsel“, Frieden von Riga 1921) Polen einverleibt worden. Für die ca. 1,5 Millionen Polen, die mit Ukrainern, Litauern und den Wolhyniendeutschen in diesem Raum lebten, brauchte gewiß kein Siedlungsraum westlich der polnischen Vorkriegsgrenzen gefunden zu werden. Das war Kartenbetrachtung am grünen Tisch – sonst nichts. Freilich, bei der „Umsiedlung“ dieser Menschen geschah eine Verletzung des Rechtes der Menschheit. Außerdem muß man sich in diesem Zusammenhang bewußt sein, daß Lemberg und Wilna über Jahrhunderte Zentren polnischer Kultur waren, auch wenn die Polen in diesen Städten und deren Umland nicht die Mehrheitsbevölkerung stellten. Dennoch: die Entfernung des polnischen Bevölkerungsteils aus Lemberg war ein Vergehen nicht nur an den Menschen, sondern auch an den kulturellen Traditionen dieser Stadt. Man kann die Atmosphäre einer Stadt, soweit sie von den Menschen, die in ihr leben, bestimmt wird, mit diesen Menschen in eine entvölkerte andere Stadt übertragen. Aber der Charakter einer Stadt wird auch durch die profanen und sakralen Gebäude und Plätze geprägt, die nicht transferiert werden können. So wird aus Breslau nicht Lemberg, indem man die polnischen Lemberger in das sieben Jahrhunderte deutsch gewesene Breslau bringt. Lemberg bleibt im wesentlichen zurück, und Breslau bleibt auch mit polnischen Bewohnern kulturhistorisch eine deutsche Stadt.

2. Es war eine an Einfalt nicht zu überbietende Vorstellung der westlichen Siegermächte, ein großer Gebietszuwachs für Polen im Westen könne einen von Moskau unabhängigen freiheitlich-demokratischen polnischen Staat in der Nachkriegszeit gewährleisten. Schon die Lage der sowjetischen Besatzungszone im restlichen Deutschland westlich von Polen bot geradezu eine Sicherheit für das Gegenteil. So war die Demarkationslinie an Oder und Lausitzer Neiße vielmehr ein weiteres Element auf dem Weg zum „Kalten Krieg“ und zu einer pax sowjetica im östlichen Mitteleuropa.

Eine stichhaltige Begründung für die schon in Teheran und Yalta in Aussicht genommene Verschiebung der deutsch-polnischen Grenze nach Westen war also mit derartigen Überlegungen nicht zu gewinnen. Da mußten schon Haßgefühle zur Geltung kommen, die ja auch aus dem verbrecherischen Umgang des nationalsozialistischen Deutschland mit dem polnischen Volk nur zu gut verständlich waren.

Die zur Staatsräson erhobene Rassenideologie führte zu menschenverachtenden Maßnahmen bis hin zur Versklavung. So war das Ende des Krieges für das polnische Volk eine Befreiung von jahrelanger Drangsal und Unterjochung. Da kann man eine im Überschwang geübte Rache und Vergeltung verstehen, wenn auch nicht billigen.

Aber warum gaben die Siegermächte durch die von ihnen beschlossene Westverschiebung Polens, die mehr als ein Fünftel des alten deutschen Reichsgebietes betraf, Land und Leute eines solchen Gebietes einem neuartigen Kolonialismus preis? Dafür gab es lediglich das Scheinargument, daß man aus strategischen Gründen eine möglichst kurze Grenze zu Deutschland an Flußläufen brauche. Daß die an vielen Stellen außer bei Hochwasser durchwatbare Görlitzer Neiße kein Hindernis der Kriegsführung darstellt, ist offenkundig, und die untere Oder ist wie heutzutage alle Flußläufe im Zeitalter des Luftkrieges kein Hindernis mehr.

Nein, man wollte einfach den Wünschen der Polen, ihr Staatsgebiet nach Westen auf Kosten Deutschlands auszudehnen, mit denen sie durch Dmowski und Padarewski bereits in Versailles präsent gewesen waren, entgegenkommen, Stalin, um sie desto besser für sich, und die naiven Westmächte, um sie für den freiheitlich-demokratischen Westen zu gewinnen. Und Millionen Deutscher, die angeblich fast alle für den nationalsozialistischen Größenwahn begeistert gewesen waren, konnten getrost wie Vieh behandelt werden, das allein als Problem der Logistik (für den „Transfer“) und des Futters in den Aufnahmegebieten in Betracht gezogen wurde. Das menschenverachtende Vorgehen Hitler-Deutschlands gegenüber den Völkern, die nicht zur Herrenrasse gezählt wurden, fand nun durch die Siegermächte in Potsdam Anwendung auf große Teile des deutschen Volkes.

Eine scheinbare Rechtfertigung dafür trifft man nicht selten in einer Deutung wesentlicher Epochen der deutschen Geschichte der Neuzeit an, die eine Linie des im Volkscharakter angelegten Größenwahns von Luther über Friedrich den Großen und Bismarck bis zu Hitler als Vollender dieser unheilbringenden Eigenschaft zeichnet. Luther störte die Einheit der weströmischen Christenheit. Friedrich II. von Preußen verletzte die 100 Jahre zuvor im Westfälischen Frieden geschaffene Ordnung Europas, und Bismarck brachte das Gleichgewicht der europäischen Mächte zum Einsturz, indem er das neue Deutsche Reich zum mächtigsten Staat Europas machte. Das alles brauchte nur noch durch Hitler übertrumpft zu werden.

Die Wahrheit aber ist, daß Luther die Freiheit des religiösen Denkens innerhalb des Christentums in Anspruch genommen und durch seine Übersetzung des Alten und des Neuen Testamentes allgemein gesichert hat. Und Friedrich war deshalb so groß, weil er die Gedankenfreiheit auch auf politisches Reformdenken ausgedehnt und 46 Jahre lang geschützt hat. Bismarck nun hat durch die Reichsgründung den Frieden unter den deutschen Staaten hergestellt und Rechtseinheit und Wohlstand befördert, ähnlich wie heute die Europäische Union durch die Vereinigung von nahezu 30 europäischen Staaten. In dieser Linie segensreicher Großtaten auf dem Wege zu einem der freiheitlichen Demokratie vorarbeitenden Konstitutionalismus hat der übergeschnappte österreichische Gefreite des Ersten Weltkrieges keinen Platz. Hitler ist ein schrecklicher Unfall der Geschichte, der durch ein Bündel von Ursachen passieren konnte. Für ihn und sein Wirken gab es keine Notwendigkeit, und zu ihm führte kein geschichtlich vorgezeichneter Weg.

Freilich, der Zweite Weltkrieg ist von Hitlers Deutschland begonnen und von Anfang an mit Lügen und Grausamkeiten geführt worden. Doch im Verlauf des Krieges überboten sich beide Seiten in schrankenloser Gewaltanwendung. Es ging nicht nur um die Schwächung der militärischen Kraft des Gegners, sondern auch schlicht um das Töten möglichst vieler Feinde durch Bomben und Torpedos.
Es wäre verfehlt zu denken, daß Gerechtigkeit zwischen Völkern und Staaten in Streitfällen nach Kinderspielplatzmanier (Heini hat angefangen!) herbeigeführt werden könnte. Das Böse im Menschen, das leider ein treuer Begleiter seiner Anlage zum Guten ist, läßt kein Individuum und keine Gesellschaft aus. Selbst die durch ihre der Menschheit dienenden Leistungen ehrenwertesten Völker sind nicht frei von moralischen Entgleisungen und halten sich oft auch noch etwas darauf zugute. (Zum Beispiel: „Pardon wird nicht gegeben, Gefangene werden keine gemacht!“)

So läßt sich kein Volk nur als Opfer und keines nur als Täter charakterisieren. Und so ist auch keine Täterschaft annulliert durch die Opferrolle einer Nation.

Ja, es sollte 60 Jahre danach nicht mehr um Opfer oder Täter gehen. Die tatsächlichen Opfer und Täter sind tot. Worum es geht, ist dies, daß es derartige Täter und Opfer nie mehr geben darf, soweit sich dies unter Menschen ermöglichen läßt.

Und so ist es notwendig und gereicht niemandem zum Nachteil, daß es in Berlin eine Einrichtung gibt, die alle Menschen und Völker mahnt, nie wieder zuzulassen, daß das Recht der Menschen, in ihren rechtmäßig und auf Dauer erworbenen Wohnsitzen zu verbleiben, mißachtet wird. Für die Änderung von Grenzen kann es respektable Gründe geben, nicht aber für die Vertreibung von Menschen.

Daß diese Menschenrechtsverletzung im 20. Jahrhundert vielfältig ausgeübt worden ist, macht es notwendig, die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten nach dem Zweiten Weltkrieg nicht isoliert darzustellen. Dafür bot die Ausstellung „Erzwungene Wege“ im Berliner Kronprinzenpalais gute Ansätze.
Außerdem wäre der kulturhistorische Bruch, der durch den Austausch ganzer Bevölkerungen erzeugt wurde, darzustellen. Wenn diese Aufgabe sine ira et studio, aber auch ohne sachfremde Rücksichtnahmen auf wen auch immer einmal erfüllt sein wird, werden wir noch mehr als heute das gemeinsame Bemühen des deutschen Volkes und seiner östlichen Nachbarn um eine kulturelle Zusammenarbeit und menschliche Verbundenheit genießen und immer mehr ausbauen. Wie läßt Sophokles seine Antigone sagen? „Nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da!“

Die Menschen und die Völker können nur gewinnen durch Achtung und Zuneigung. Das ist die moralische und emotionale Grundlage für Freiheit, Recht und Frieden. Leid muß zur Quelle der Weisheit werden.

Eberhard G. Schulz (KK)

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