Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1247.

Noch bevor Breslau zur Festung wurde, gab es für manchen kein Entkommen

Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs erscheint ein eindringliches Buch, das die Erinnerungen an eine Kindheit und Jugend im Nationalsozialismus beschreibt. Der Autor, W. John Koch, ist in der niederschlesischen Bergbaustadt Waldenburg und in der schlesischen Hauptstadt Breslau in der Nazizeit aufgewachsen, hatte aber das Glück, in einer Familie groß zu werden, in der man Hitler frühzeitig als Zerstörer Deutschlands erkannte. Doch erlebte er, daß es für diejenigen, die den Nationalsozialismus ablehnten, in vielen Fällen „kein Entkommen“ gab.

Der Autor beschreibt eindringlich die wachsende Präsenz des Nationalsozialismus, die zu Hitlers Machtergreifung führte, die immer stärker werdenden Repressionen gegen Juden und Andersdenkende, den Verlust von Meinungsfreiheit und die Allgegenwart der Nazi-Ideologie in Schule und Freizeit, die in alle Bereiche des Privaten eindrang. Er zeigt, wie der Krieg seine Jugend überschattet und wie auch das Wissen um die Unausweichlichkeit der Niederlage ihn nicht vor dem Kriegsdienst in Rußland bewahrt. Gleichzeitig schildert er Schicksale von Regimegegnern, die seiner Familie nahestanden oder stadtbekannt waren und nicht selten ihre Einstellung mit dem Tod bezahlten.

Aus Hunderten von Erinnerungen an Tatsachen, Erlebnisse, Diskussionen und Debatten, an Zeiten von Angst und Gefahr schafft Koch das Mosaik eines Landes, das durch Hitler in eine zwölfjährige Diktatur und Schreckensherrschaft gestürzt wurde. Im Zentrum der Darstellung steht der eigene Lebensweg durch die Zeit der Zerstörung bis zum Untergang.

Der Anlaß für Koch, seine Erfahrungen aufzuschreiben, ist die Beobachtung, daß Zeit und Ideologie des Nationalsozialismus zunehmend romantisch verklärt und verharmlost werden und ein Erstarken rechter Tendenzen erneut zu beobachten ist. Debatten wie zum Beispiel über die Nazi-Vergangenheit von Günter Grass zeigen, wie schwierig es für die Nachgeborenen oft ist, die Entscheidungsmöglichkeiten eines Jugendlichen, der im Dritten Reich aufgewachsen ist, einzuordnen. Mit seinen Erinnerungen, die die Bedrohung menschenverachtender Ideologien klar aufzeigen, will Koch der Unwissenheit und Verharmlosung entgegenwirken und dem Leser ein tieferes Verständnis Deutschlands und seiner Gesellschaft unter dem Hakenkreuz bieten.

W. John Koch: Kein Entkommen. Jugend unterm Hakenkreuz. 371 S., 206 Abb., geb. mit Schutzumschlag. Zu bestellen zum Preis von 29,95 Euro bei www.wjkochpublishing.com

(KK)

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