Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1269.

Noch war Polen nicht gewonnen

Aber der Großpolnische Aufstand von 1918/19 zeigte mit Nachdruck, daß die polnische Frage eine europäische Existenzfrage ist

Seit 1793/95 war die polnische Frage nach dem Existenzrecht bzw. der Wiederentstehung Polens von derartigem Gewicht, daß sie die Politik in Europa stark mitbestimmte. In mehreren Aufständen (1830, 1846, 1848, 1863) haben die Polen vergeblich versucht, sich von der Vormundschaft der drei Teilungsmächte zu befreien. Daß eine Situation eintreten würde, in der alle drei Teilungsmächte als Verlierer dastehen würden, war nicht denkbar gewesen, denn stets stand mindestens eine dieser europäischen Großmächte auf der Gegenseite.

Daß die polnische Frage einer Lösung bedurfte, war auch den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn klar. Bereits im Jahr 1916 riefen sie ein Königreich Polen aus, doch weder waren dessen Grenzen umrissen, noch war dessen Herrscher bestimmt.

Aus diesem geplanten Vasallenstaat auf ehemals russischem Herrschaftsgebiet entwickelte sich die Organisationszelle für die Wiederentstehung Polens nach dem Zusammenbruch der Mittelmächte im Jahr 1918. Unter Pilsudskis Leitung bildete sich das neue Polen.

Die polnischen Patrioten hofften nicht zu unrecht darauf, daß auch das polnische Kernland mit Posen und Gnesen wieder Teil des neuen Staates würde. Sie konnten sich dabei auf die 14 Punkte zum Selbstbestimmungsrecht der Völker von US-Präsident Woodrow Wilson berufen. Doch man wollte nicht auf die ungewiß reagierenden Entente-Mächte warten, sondern bereits vorher Fakten schaffen. Die Situation war günstig wie noch nie. Deutschland war geschlagen, seine Soldaten standen noch weit entfernt an den Fronten des Weltkrieges und wollten nur noch eines: nach Hause.

Das deutsche Militär erhob sich gemeinsam mit der Arbeiterschaft in der Novemberrevolution. Der Kaiser war vertrieben worden, die alte Elite deutschlandweit abgetreten, und die schwache, paralysierte Regierung mußte mit den Siegermächten verhandeln. Die Oberste Heeresleitung hatte keinen Generalplan für die Zeit nach dem Waffenstillstand vorbereitet. Die Ostgebiete Preußens waren weitgehend ungeschützt, zudem waren Hunderttausende Polen Soldaten gewesen, d.h. kriegserfahren und ausgebildet. Waffen waren überall verfügbar. Daß es zu einem Aufstand kommen mußte, hätte jedermann klar sein müssen.

Bereits Anfang Dezember 1918 forderte ein sogenannter Teil-Sejm in Posen den Anschluß der Provinz Posen an Polen. Auslöser des Aufstandes wurde der Besuch des patriotischen Pianisten und späteren polnischen Regierungschefs Ignacy Jan Paderewski. Der aus Amerika kommende Gast wurde von der polnischen Stadtbevölkerung enthusiastisch begrüßt. Tags darauf (27. Dezember 1918) kam es zu Demonstrationen der Polen und zu deutschen Gegendemonstrationen.

An diesem Abend fielen die ersten Schüsse, die den Aufstand auslösten. Die nationalen Kräfte des polnischen Widerstandes, die von Pilsudski organisierte Polnische Militärorganisation (Polska Organizacja Wojskowa, POW), waren gut vorbereitet. Am 28. Dezember 1918 war Posen in den Händen der Aufständischen. Die Kämpfe weiteten sich rasch auf die gesamte Provinz aus. Fast widerstandslos und ohne große Verluste fiel die Kernprovinz. Nur in den überwiegend deutsch besiedelten Randgebieten kam es in der Folgezeit zu Akten deutschen Widerstandes.

Erst nach Wochen bildeten sich Freiwilligenverbände, Freikorps, die als „Grenzschutz Ost“ bezeichnet wurden. Anfang Februar war der Grenzschutz soweit aufgestellt, daß er zum Gegenschlag übergehen konnte. Doch der Zeitpunkt war äußerst schlecht gewählt, denn der Waffenstillstand vom 11. November 1918 lief aus und die Entente-Mächte drohten damit, den Krieg fortzuführen, wenn der Grenzschutz seine Angriffe auf die großpolnischen Aufständischen fortsetzte. Die deutsche Regierung mußte sich zähneknirschend fügen und die Einstellung der Kämpfe anordnen. Die in Trier am 16. Februar 1919 unterzeichnete Verlängerung des Waffenstillstandes beendet damit auch den Großpolnischen Aufstand.

Auch wenn es ein geschenkter Sieg war, muß der Großpolnische Aufstand als militärischer und politischer Erfolg der Polen gewertet werden, denn die Armee der Aufständischen fand indirekt die Anerkennung als alliierte Streitmacht. Gleichzeitig beendete der Waffenstillstand auch die Maximalträume der polnischen Nationalisten, die damals schon die Oder als deutsch-polnische Grenze anvisiert hatten. Die 1918/19 geschaffenen Fakten wurden nach einem völkerrechtlichen Gewohnheitsgrundsatz anerkannt und im Versailler Vertrag vom 28. Juni 1919 festgeschrieben. Mehr noch, auf Betreiben der polnischen Politik, unterstützt vor allem durch die Franzosen, wurde der größte Teil der Provinz Posen ohne Volksabstimmung an Polen abgetreten, was Woodrow Wilsons 14 Punkten widersprach. Auch die noch in deutscher Hand befindlichen Städte Bromberg und Lissa mußten abgetreten werden. Für Polen unterzeichnete der seit Januar 1919 als Ministerpräsident und Außenminister tätige Ignacy Paderewski den Versailler Vertrag. Deutschland mußte die Grenze nun widerwillig und notgedrungen anerkennen.

Mit der deutschen Feindschaft und der Anbindung an die Alliierten mußte Polen fortan leben. Und die schenkten ihnen noch einen Sieg bei den Aufständen in Oberschlesien (1919–1921), die eher militärische Interventionen waren und ebenfalls dem Selbstbestimmungsrecht nach Wilsons Punkten und sogar den Bestimmungen von Versailles zuwiderliefen, hatte doch die Bevölkerung für Deutschland optiert, was Polen nicht anerkennen wollte.

Weiterführende Literatur: Dietrich Vogt, Der großpolnische Aufstand 1918/1919: Bericht, Erinnerungen, Dokumente. Marburg 1980

Martin Sprungala (KK)

«

»