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Ausgaben: Ausgabe 1398.

„Normalität als Inkognito der Versöhnung“

Dieses Wort von Paul Ricœur wurde zum Monitum einer Konferenz zu einem Jahrhundert deutscher Polenpolitik

Große Bühne für eine kleine Runde, die die Konferenz – vor der Weltkarte –
beschloss
Bild: der Autor

„Ein Jahrhundert deutsche Polenpolitik (1918–2018): Tradition. Zivilisationsbruch. Verständigung. Partnerschaft“ – eine Konferenz nahm das hundertjährige Jubiläum der Unabhängigkeit Polens Mitte November zum Anlass, der polnisch-deutschen Geschichte zu gedenken und sie zu würdigen. Das Deutsche Polen-Institut und das Auswärtige Amt waren die Organisatoren.

Am 18. November 1918 bestätigte der Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin Harry Graf Kessler als ersten deutschen Gesandten in der wiederentstandenen Republik Polen – und als ersten ausländischen diplomatischen Vertreter überhaupt. Ein Jahrhundert deutsche Polenpolitik ist seitdem vergangen. Geprägt von belastenden Traditionen, führte sie über den Zivilisationsbruch der Nazi-Politik bis hin zu Verständigung und Partnerschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts.

Dieses Jubiläum war Anlass, die deutsche Politik gegenüber Polen über 100 Jahre zu bilanzieren. Professor Dieter Bingen, Direktor des Deutschen Polen-Instituts, zu den Zielen der Konferenz „Ein Jahrhundert deutsche Polenpolitik“: „Es ist die Gelegenheit, diese Wiedergeburt der unabhängigen Rzeczpospolita Polska nach 123 Jahren der Besetzung durch drei Teilungsmächte zu nehmen, um ein Thema aufzugreifen, das es wert ist, über das lange 20. Jahrhundert zu blicken, Traditionen, Zivilisationsbruch und Neuanfang in einen großen Überblick einzubeziehen und nicht nur einzelne Aspekte, einzelne Epochen der Beziehungen zu betrachten“.

In seiner Eröffnungsrede als Gastgeber unterstrich Bundesaußenminister Heiko Maas, wie besonders die enge Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern heute ist: „Dabei klammern wir schwierige Fragen nicht aus. Die dafür notwendige Offenheit, die Normalität im Umgang miteinander – sie sind letztlich ein Glückszustand, in dem die polnisch-deutschen Beziehungen gedeihen können. Der in Deutschland und Polen gleichermaßen geschätzte Philosoph Paul Ricœur hat einmal von der ‚Normalität als Inkognito der Versöhnung‘ gesprochen. Ich finde, das trifft es sehr gut.“

Diese Normalität, die aus Verständnis und Versöhnung erwachse, ermögliche es, auch über unterschiedliche Auffassungen zu diskutieren, fuhr Maas fort, zum Beispiel über das gemeinsame Verständnis von Souveränität: „Mein polnischer Amtskollege Jacek Czaputowicz hat kürzlich ein ganzes Buch darüber verfasst. Die Abgabe staatlicher Souveränität an die EU sieht er kritisch. Seine Skepsis rührt auch aus der polnischen Geschichte, dem Trauma von Teilungen, Grenzverletzungen und der ständigen Einmischung ausländischer Mächte in die Geschicke Polens. Ich finde, gerade wir Deutschen müssen Verständnis aufbringen für solche Empfindungen.“

Maas erinnerte an den November 1918, in dem in Deutschland nichts von der Freude über ein unabhängiges Polen zu spüren war. Minderheitenfragen und Grenzziehungen belasteten die Beziehungen. Nicht nur reaktionäre Kreise teilten damals in Deutschland das Ziel, den vermeintlichen „Saisonstaat“ Polen möglichst schnell wieder von der politischen Landkarte Europas zu tilgen.

Ferner erinnerte Maas an die deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg: „Es dauerte nur zwanzig Jahre, bis Hitler dieses Ziel im September 1939 mit dem brutalen Überfall auf Polen umzusetzen suchte – perfide abgesichert durch den Hitler-Stalin-Pakt. Und die unfassbaren Verbrechen, die Deutsche in den folgenden sechs Jahren an und in Polen verübt haben, sie beschämen uns bis heute. Und zur Wahrheit gehört auch: Bis heute wird den Verbrechen gegenüber Polinnen und Polen in Deutschland viel zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt.“

Maas betonte, dass Europa eine echte europäische Außen- und Sicherheitspolitik mit einer „europäischen Ostpolitik“ als zentralem Element brauche. Diese Ostpolitik könne nur gemeinsam mit Polen und den anderen Partnern in Mittel- und Osteuropa gestaltet werden. „Ein zentrales Element dieser Politik muss eine neue europäische Ostpolitik sein. Deren Ziele ähneln durchaus den Zielen der Entspannungspolitik. Erstens: Stabilität und Sicherheit in Europa, basierend auf dem Prinzip unverletzlicher Grenzen, zweitens: eine engere wirtschaftliche Verflechtung zwischen Ost und West, und drittens: die Stärkung von Demokratie, Rechtsstaat und Menschenrechten durch einen engeren Austausch der Zivilgesellschaften.“

Warschau sei heute, so Maas weiter, eine der wichtigsten Hauptstädte innerhalb der Europäischen Union: „Wir sind gleichberechtigte Mitglieder in der EU und in der NATO. Polens Wort hat Gewicht. Ostpolitik kann deshalb nur gemeinsam mit Polen und den anderen Partnern in Mittel- und Osteuropa gestaltet werden.“ Neben Russland müsse die neue Ostpolitik auch die Ukraine, Belarus, Moldau, den Südkaukasus und Zentralasien in den Blick nehmen, so Maas weiter. Diese Staaten würden heute viel stärker als früher ihre eigenen Interessen verfolgen – es sei Zeit für neue Impulse.

In den Augen des Botschafters der Republik Polen in Deutschland, Professor Andrzej Przyłebski, sind die letzten hundert Jahre der deutschen Polenpolitik eine Katastrophe gewesen. Es sei eine Epoche, so Przyłebski, „in der sich die deutsche Überheblichkeit in voller Hässlichkeit zeigte und deutsche Interessen immer im Vordergrund standen, deren Durchsetzung letztendlich die Existenz des jungen, ziemlich erfolgreichen polnischen Staates nach nur 21 Jahren beendete. Mit einer Brutalität, die unvorstellbar ist.“

Der Zweite Weltkrieg, dies erfahre Przyłebski in Deutschland immer wieder, werde „oft nur auf den Holocaust reduziert, als ob es Adolf Hitler ausschließlich oder hauptsächlich um die Ermordung der Juden Europas gegangen wäre.“ „Die polnischen Opfer – von denen es die ersten gleich nach dem Ausbruch des Krieges, schon im Winter 1939, gab – werden heute fast vergessen bzw. bagatellisiert, was die Diskussion über die Verbrechen der Wehrmacht und neulich über die Kriegsentschädigungen deutlich zeigen“, so Przyłebski weiter. Polen sei der größte Verlierer des Zweiten Weltkriegs, unterstrich der Botschafter, auch wenn es nominell auf der Seite der Gewinner, einerseits der Sowjets, andererseits der Alliierten stehe.

Die Wende des Jahres 1989 sei in Polen nicht so verlaufen, wie es sich die meisten Polen gewünscht hätten, unterstrich Przyłebski: „Der mit großer Mühe ausgearbeitete Nachbarschaftsvertrag ist aus heutiger Sicht nicht völlig zufriedenstellend, ganz zu schweigen davon, dass er bis heute in einigen Punkten nicht verwirklicht wurde.“

Diese Aussagen des Botschafters Przyłebski sorgten im Publikum für Empörung. Die ehemalige Koordinatorin für die deutsch-polnische Zusammenarbeit, Professorin Gesine Schwan, erwiderte: „Zu sagen, dass die letzten hundert Jahre deutsche Polenpolitik eine Katastrophe waren, das kränkt mich.“ Unzählige, nicht nur sie, sondern viele andere, haben auf all das Leid hingewiesen, was da geschehen sei. Es sei nicht neu. Als sie Beauftragte für die deutsch-polnischen Beziehungen gewesen sei, fuhr Schwan fort, sie sie oft gefragt worden: „Sie kritisieren Deutschland, wer kritisiert dann Polen?“, weil sie in ihren Beiträgen immer Deutschland kritisiert habe. Auf die Frage, was in den deutsch-polnischen Beziehungen seitdem passiert sei, antwortete sie, es sei „in der Schulbuchkommission und in den öffentlichen Debatten“ ganz viel passiert.
Sichtlich erregt unterstrich sie: „Das ist einfach nicht fair, es ist auch nicht sinnvoll, Verständigung aufzubauen auf einer Nichtkenntnis dessen, was geschehen ist und darauf, dass man moralische Vorwürfe macht denen gegenüber, die die ganze Zeit selbstkritisch damit verfahren sind.“ Es sei ein merkwürdiger, reduzierter und konventioneller Ansatz, nur die Exekutiven sprechen zu lassen, so Schwan weiter, statt die Dynamiken der Gesellschaften anzuschauen. Die Gesellschaft in Polen sei nicht mit der Exekutive in Polen identisch, gab Schwan zu bedenken.

Ein fast 800seitiger Katalog begleitete diese harmoniebeflissene Ausstellung 2011, mitsamt dem Segen der heiligen Hedwig

Die Unstimmigkeiten im aktuellen deutsch-polnischen politischen Diskurs sind bekannt. In seiner Ansprache hob Bundesaußenminister Maas die polnisch-deutsche Rolle in Europa hervor: „Uns verbindet viel mehr, als uns trennt. Uns eint dasselbe Ziel: Wir wollen die EU der 27 zusammenhalten. Unsere Länder haben aus ganz unterschiedlichen Gründen erlebt, was Teilung und Spaltung bedeuten und mit welcher Grausamkeit der Eiserne Vorhang unseren Kontinent zerschnitten hat. Wer also, wenn nicht wir – Deutsche und Polen –, könnte die Europäische Union zusammenhalten und neue Spaltungen überwinden?“

Denn nicht alle Spaltungen sind überwunden. Botschafter Przyłebski endete seine Rede optimistisch: „Wir bleiben aber im Gespräch.“

Am Ende der zweitägigen Konferenz gerieten die Organisatoren vom Deutschen Polen-Institut Darmstadt in Erklärungsnot, gab eine Teilnehmerin auf Facebook zu bedenken. Die in Berlin bekannte Autorin Ewa Maria Slaska stellte fest, dass gerade im Jahr des 100jährigen Jubiläums des Wahlrechtes für Frauen die Frauen bei der Konferenz nur am Rande vertreten und bei den wissenschaftlichen Vorträgen fast vergessen worden seien.

Altersdurchschnitt der Diskutierenden und des Publikums auf den ersten Blick: 50 plus. Die jüngeren hätten entweder kein Interesse an der Geschichte oder kümmerten sich um ihr Hier und Jetzt bzw. um ihre Zukunft. Die Konferenz hat noch einmal gezeigt, wie tief die historischen Wunden sitzen und mit welch drückenden Komplexen es zu kämpfen gilt, vor allem auf der polnischen Seite, und wie wichtig es ist, Geschichte zu reflektieren und über sie zu sprechen.

Als Ergänzung der Diskussionen über die deutsche Polenpolitik empfehlt sich das Buch „‘Polnische Wirtschaft‘. Zum deutschen Polendiskurs der Neuzeit“ von Hubert Orłowski, das bereits 1996 im Harrassowitz Verlag aus Wiesbaden erschienen ist. Es ist eine „Bibel der Forschung über die grundlegende Entwicklung von Stereotypen in den polnisch-deutschen Beziehungen“.

Arkadiusz Łuba (KK)

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