Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1253.

Opfern die Würde wiedergeben

Am 30. Januar 1945 um 12.15 Uhr  verließ das Flüchtlingsschiff „Wilhelm Gustloff“ Gotenhafen, das heutige Gdynia, in der Danziger Bucht. An Bord des 1938 für 1500 KDF-Urlauber in Dienst gestellten Kreuzfahrtschiffs befanden sich insgesamt 10582 Menschen, 8956 Flüchtlinge aus Ostpreußen, Westpreußen, Danzig und Pommern, 918 Offiziere, Unteroffiziere und Mannschaften der 2. Unterseeboots-Lehrdivision Gotenhafen, 373 Marinehelfe­rinnen, 162 Schwerverwundete des Heeres und 173 kriegsdienstverpflichtete Besatzungsmitglieder der Handelsmarine, die dem sogenannten „Wehrmachts­gefolge“ angehörten.

Neun Stunden später, um 21 Uhr 16, kurz nach Beendigung der in alle Schiffsräume übertragenen Rede Adolf Hitlers zum 12. Jahrestag seiner Macht­ergreifung, zerrissen drei Torpedos eines sowjetischen U-Bootes die Schiffs­wände. Tonnenweise brach die See in das Schiff, das sofort Schlagseite hatte und zu sinken begann. Die ersten Todesopfer waren die im leergepumpten Schwimmbad im E-Deck, unterhalb der Wasserlinie, untergebrachten Marinehelferinnen, nur drei der 175 jungen Mädchen konnten sich retten.

Für mehr als zehntausend Menschen, darunter neuntausend Frauen und Kinder, begann ein erbarmungsloser Überlebenskampf, den nur jeder zehnte von ihnen überlebte.

Schreiende Menschentrauben vor den viel zu wenig Rettungsbooten. Mit Zunahme der Schlagseite nahmen die Hilfeschreie zu, rote Leuchtraketen, von der Kommandobrücke abgeschossen, zischten in den winterlichen Himmel, beleuchteten sekundenlang ein gespenstisches Bild.

Um 22.18 Uhr, zweiundsechzig Minuten nach der Torpedierung, kenterte das Schiff im gleißenden Licht der noch einmal angesprungenen Oberdeckbeleuchtung und sank unter dem schauerlichen Geheul der Schiffs-
sirene auf den 42 Meter tiefen Grund der Ostsee, Tausende mitreißend, die sich noch an Bord befanden. Die meisten anderen fanden „im Freien“ den nicht minder eisigen Tod.

Als die Nacht auf der Ostsee vorbei und die Rettungs­schiffe auf dem Weg in die Häfen Kolberg, Swinemünde und Saßnitz waren, wurde deutlich, daß sich in der Nacht vom 30. zum 31. Januar 1945 auf der Ostsee die wohl größte Schiffskatastrophe aller Zeiten ereignet hatte, denn nur 1239 Menschen hatten die Tragödie der „Gustloff“ überlebt. Einer der Überlebenden ist der heute 82jährige Heinz Schön. Er wurde im Februar 1944 als knapp 18jähriger Zahlmeister-Assistent der Handelsmarine auf die „Wilhelm Gustloff“ kommandiert. Wenige Tage nach dem Überleben erhielt er ein neues Bordkommando. Auf dem Flüchtlingsdampfer „General San Martin“ erlebte er noch elf Rettungsfahrten über die Ostsee und fuhr dabei 22mal über das Grab der „Gustloff“.

Die Erlebnisse der letzten Kriegsmonate auf der „Gustloff“ und der Ostsee prägten sein Leben; er wurde zum Chronisten der ­Katastrophe und Dokumentaristen der Flucht über die Ostsee 1944/45, schrieb Bücher, hielt Vorträge und veranstaltete Dokumentarausstellungen. Günter Grass nutzte die Dokumentationen von Heinz Schön als Quelle für seine Novelle „Im Krebsgang“. So entschloß sich auch der Geschäftsführer der UFA und Filmproduzent Norbert Sauer, ihn als Berater für Drehbuchau­tor Dr. Rainer Berg und den Regisseur Joseph Vilsmaier bei der Verfilmung des Stoffes, die soeben im ZDF gesendet wurde, heranzuziehen.In seiner neuen Dokumentation „Die letzte Fahrt der Wilhelm Gustloff“ läßt Heinz Schön den Leser das Schicksal der „Gustloff“ von der Jungfernreise im April 1938 bis zur Todesfahrt am 30. Januar 1945 nacherleben. Das Buch ist kein Roman, sondern ein Tatsachenbericht, der erinnert und mahnt und der den mehr als 9000 Toten ein würdiges Denkmal setzen und davor bewahren will, daß ihr Tod im Meer der Vergessenheit versinkt. Im Schlußkapitel berichtet der Autor über die Dreharbeiten zum ZDF-Film, die er beratend begleitet hat.

Heinz Schön: Die letzte Fahrt der „Wilhelm Gustloff“. Dokumentation eines Überlebenden. Verlagshaus Paul Pietsch, Stutt­gart 2008, 288 Seiten, 400 Fotos, Großformat, 24,90 Euro

(KK)

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