Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1283.

Opulenz als Stilprinzip

Der böhmische Deko-Papst Alfons Mucha in München ausgestellt

Ein Maler, zwei Frauen. Der Maler: Alfons Mucha, Tscheche, 1939 im Alter von 79 Jahren in Prag gestorben. Der Name der Frauen tut nichts zur Sache. Die eine ist Münchnerin, die andere wohnt in Berlin. Als Schülerin sah die Münchnerin Mitte der 1960er Jahre bei Neumeister ein Jugendstilbettgestell. Die 2000 DM hätte sie zusammengekratzt, sagt sie heute, aber den Eltern war das Möbel zu groß. Ein Herr erwarb es, den die Schülerin zufällig kennenlernte. Er war stolz auf ein Bett mit der Signatur „A. Mucha", die der Schülerin verborgen geblieben war. Für 100000 Mark hätte der Herr das Bett verkaufen können, behielt es aber.

Die heutige Kunsthistorikerin hatte schon früh einen Blick fürs Extravagante. Die Berlinerin ließ sich, wie der TV-Film von Susanne Böhm (2004) über den Maler Alfons Mucha zeigt, den Rücken tätowieren. Sie bestand auf Muchas Motiv der „Medea". Die rote Sonne und das noch tropfende Blut – „Ziemlich heftig ist das alles!", fand die Tätowierte.

Kein Kunstwerk Muchas ohne Frau. Plakat, Gobelin, Wandmalerei, Schmuck – überall wallt das Makkaronihaar einer Schönen, von Kopf bis Fuß, rot oder schwarz, blond oder brünett, nie grau. Muchas Modelle waren stets jung. Als die berühmte Tragödin Sarah Bernhardt den damals 35jährigen, der im Paris der auslaufenden „Gründerzeit" als Buchillustrator schon gut bekannt war, für ihre Theaterplakate unter Vertrag nahm, war das der Anfang einer unbeschreiblichen Maler-Karriere. Alfons Mucha stand bald für alles Dekorative – ob fürs Wohnzimmer oder den Salon, die Pariser Weltausstellung oder auch nur für Zigarrenkisten. Sein Ruf drang bis nach New York. 1906 stattete er dort – spät, aber frisch verheiratet – das neue Gebäude des „German Theatre" aus.

Der von Muchas Sohn Jiri, geboren 1915, schon in einer Biographie als „Meister des Jugendstils" liebevoll gefeierte Papa hatte sich in Skulptur und Gemälde, Andachts- und Gebrauchs-Graphik, Wandmalerei und „jewellery" etabliert – nur nicht in der Architektur. Als d e r Plakatkünstler des Jugendstils berühmt, wollte Mucha einen Traum verwirklichen: eine Darstellung der heldenhaften Historie seines Volkes. In Prag brachte er 1919 die ersten elf Arbeiten zum „Slawischen Epos" heraus, neun Jahre später waren alle 20 Monumentalgemälde im Messepalast zu bestaunen.

Muchas patriotisches Gewissen war beruhigt. Der Deko-Papst seiner Epoche wollte nicht als Ornamentalist, Besteck- und Geschirr-Designer, Champagner- und Schokoladen-Etikettierer in die Geschichte eingehen. Zu seinen Jungfrauen kamen jetzt auch Jünglinge. Trotzig, kühn und herrlich, kampfbereit, stark rückten sie in den Mittelpunkt. Furchterregend sind manche Wandbilder Muchas geraten. Christliches, Spirituell-Okkultes, Freimaurerisches wurden bei ihm Farbe und Form und Folklore.

Die Hypo-Kunsthalle in München zeigt bis zum 24. Januar 2010 den ganzen Mucha, von zarten, kleinen Porträts, unbekannten Photographien, prachtvollen Gold- und Edelsteinarbeiten bis zu raumgreifenden, volkverherrlichenden Allegorien, etwa für den Pavillon Bosnien-Herzegowina der Pariser Weltausstellung 1900. Den Initiatoren der Retrospektive, die von Wien über Montpellier nach München kam, gelang es, Privatsammlungen und große Pariser, Wiener und Prager Museen zu absolut frappierenden Leihgaben zu bewegen, nicht zuletzt auch zur Herausgabe der Schätze des „Mucha Trusts". München darf sich als Endstation einer berückenden, überwältigenden Schau glücklich schätzen.

Man kommt nicht los – ob von den nur gefälligen Reklame-Arbeiten oder den in der Spätzeit entstandenen, den Betrachter „erschlagenden" farbkräftigen, heroischen, hymnischen, dann wieder beängstigend düsteren historischen Illustrationen. Es sind Werke, die unerwartet weit über die Verspieltheiten des Jugendstils hinausreichen. Kein Wunder, daß die tschechischen Machthaber erst ab den 1960er Jahren Alfons Mucha stolz als einen ihrer größten, europaweit glänzenden Künstler (an)erkannten.

Hans Gärtner (KK)

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