Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1372.

Ordentliches Stück Orden

Das Deutschordensmuseum Ellingen bietet Blicke auf 800 Jahre streitbarer bis klerikaler Geschichte – und einiges mehr

Dass man 800 Jahre auf rund 3000 Quadratmetern unterbringen kann, demonstriert auf beeindruckende Weise das Deutschordensmuseum im fränkischen Wein- und Kulturstädtchen Bad Mergentheim.

Das ehemalige Deutschordensschloss war seit 1219 eine Niederlassung des im Jahre 1190 während der Kreuzzüge gegründeten Deutschen Ordens und galt von 1525 bis 1809 als Residenz der Hoch- und Deutschmeister. Nach umfangreichen Restaurierungsarbeiten am gesamten Schloss wurde das Museum im Jahr 1996 neu eingerichtet. Veranschaulicht werden Aspekte der Ordensgeschichte von der Gründung über die Säkularisation bis hin zum Ersten und Zweiten Weltkrieg sowie zum Wiederaufbau. Informiert wird der Besucher darüber, dass der Deutsche Orden auch heute noch existiert und mit seinen drei Instituten (Brüder, Schwestern, Familiaren) im sozial-karitativen Bereich tätig ist.

Meilensteine gab es im 13. Jahrhundert, als auf dem Gebiet des späteren Ost- und Westpreußen ein mächtiger Deutschordensstaat errichtet wurde. Das Territorium des Ordens wurde durch Gebiete wie Pomerellen und Danzig (1308), Estland (1346) und Gotland (1398) erweitert. Ebenfalls im 13. Jahrhundert erlangte der Orden großen Besitz im Mittelmeerraum und im Römischen Reich. Auch in Livland breitete er sich aus. Mit dem Erwerb der Neumark hatte das Deutschordensland im Jahre 1402 seine größte Ausdehnung erreicht. Seit dem 15. Jahrhundert verlor der Orden an politischer Bedeutung. Nachdem Napoleon 1809 die Existenz des Ordens in den Rheinbundstaaten beendet hatte, war nur noch in der Habsburgermonarchie ein Fortbestand möglich. Er erneuerte sich und ist heute ein klerikaler Orden. Erst durch die Vertreibungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Orden wieder in Deutschland ansässig.

Präsentationsschwerpunkte und Exponate der Dauerausstellung veranschaulichen auch das Thema „Preußen“. So etwa wird informiert, dass der Deutsche Orden ab 1230 Preußen unterwarf und in Livland 1237 das Erbe des Schwertbrüderordens übernahm. Von der Marienburg, ab 1309 Zentrale des Ordens, übte der Hochmeister gemeinsam mit den Bischöfen und Domkapiteln die Landherrschaft in Preußen aus. Anhand von historischen Plänen und Karten sowie einigen Objekten wird gezeigt, dass der Orden in Preußen und Livland Landesausbau und Stadtgründungen förderte. Für seinen Eigenhandel kam ihm die Mitgliedschaft in der Hanse zugute.

Würde, nicht Bürde: Kreuzesträger des Deutschen Ordens Bilder: der Autor

Würde, nicht Bürde: Kreuzesträger des Deutschen Ordens
Bilder: der Autor

Auch wenn das Deutschordensland nach außen wie eine Einheit wirkte, stellte es faktisch zwei voneinander unabhängige Herrschaftsgebiete dar: Der Landmeister von Livland regierte in seinem Meistertum ebenso frei wie der Hochmeister als Landmeister von Preußen. Als Folge von außen- und innenpolitischen Konflikten und militärischen Niederlagen wurde die Ordensherrschaft geschwächt. Mit der Reformation und der Umwandlung in weltliche Fürstentümer endete 1525 die Herrschaft, überhaupt die Anwesenheit des Ordens in Preußen, 1562 bedeutete das Ende in Livland.

Der Deutsche Orden hatte über 300 Niederlassungen in Mitteleuropa, im Heiligen Land, in Preußen, im Ostsee- und Mittelmeerraum. An den meisten dieser Orte, wo oft prächtige Burgen, Schlösser oder Amtshäuser auch heute noch an die Macht des Ordens erinnern, ist der ehemalige Kreuzfahrerorden weitgehend vergessen. Vor diesem Hintergrund haben das Deutschordensmuseum und die Stadt Bad Mergentheim eine thematische Wanderausstellung konzipiert, die bis Ende des Jahres 2016 an 18 Stationen zu sehen sein wird. Mit der Präsentation unter dem Motto „Lebendiger Orden mit großer Tradition. Die Geschichte des Deutschen Ordens von 1190 bis heute“ will man das Verständnis für die Hauptmerkmale der Deutschordensgeschichte wecken. Auch soll das reiche Kulturerbe, das der Deutsche Orden hinterlassen hat – darunter Schloss Altshausen, Schloss und Insel Mainau, die Marienburg in Polen oder die Residenz in Bad Mergentheim –, mit seiner Geschichte und Bedeutung besser verständlich werden.

Schutz, nicht Trutz: heimelig barocke Anmutung des ehemaligen Deutschordens- schlosses

Schutz, nicht Trutz: heimelig barocke Anmutung des ehemaligen Deutschordens-
schlosses

Von der bewegten Baugeschichte aus der Zeit der Renaissance zeugen Berwarttreppe und Säulenhalle, vom Rokoko das Götterzimmer und die Neue Fürstenwohnung, vom Klassizismus Kapitelsaal und die Hauptstiege. In einer Galerie begegnet man Hochmeistern aus vier Jahrhunderten. Juwel der Residenz ist die Schlosskirche, mit deren Bau bedeutende Künstler wie Balthasar Neumann und François de Cuvilliés beauftragt wurden.

Der 100. Geburtstag des Dichters Eduard Mörike (1804–1875) hat seinerzeit den Anstoß zu einer kleinen Sammlung von Objekten, Briefen und Schriften gegeben. Eduard Mörike lebte von 1844 bis 1851 in Mergentheim. Die Dokumentation und Inszenierung im Mörike-Kabinett entwerfen ein Bild des Schriftstellers und seiner Umgebung in dieser Zeit. Im Zentrum steht eine lebensgroße Figur des Dichters. „Lamentoso. Was esse mer heut?“ Diese Frage beschäftigte Eduard Mörikes Schwester Klara ebenso wie viele andere Menschen seinerzeit und heutzutage. Ihr berühmter Bruder jedoch hat solch alltägliche Eindrücke der Aufzeichnung für wert befunden und sie fein säuberlich in ein Haushaltungsbuch eingetragen. Das Buch kam übrigens 1904 ins Museum und spielt seit November 2004 die Hauptrolle im Mörike-Kabinett.

Die Bibliothek des Deutschordensmuseums umfasst neben Handschriften von Mörike etwa 6000 Bände. Inhaltliche Schwerpunkte des Bestandes bilden die Geschichte des Deutschen Ordens und die fränkische Region. Schon in den ersten vier Jahren des Bezirksheimatmuseums konnten über 400 neue, größtenteils volkskundliche Objekte den Museumsbeständen zugeführt werden.

Im Deutschordensmuseum sind neben der Dauerausstellung regelmäßig thematische Sonderschauen zu besichtigen. So wurde während der diesjährigen St.-Georgs-Tage die Sonderausstellung „Schätze des Deutschen Ordens im Schloss“ gezeigt. Zu sehen war eine Auswahl von wertvollen Objekten aus der Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien. Die Präsentation in den Fürstlichen Räumen des Schlosses umfasste rund 70 Exponate des Schatzes, der bis ins 19. Jahrhundert in der Residenz Mergentheim untergebracht war. Die Bestände wurden 1809 – als der Deutsche Orden in den Rheinbundstaaten aufgehoben wurde – zum neuen Sitz des Hochmeisters nach Wien gebracht. Die Ausstellung war aus der Zusammenarbeit der Schatzkammer des Deutschen Ordens in Wien mit der Stadt Bad Mergentheim und dem Deutschordensmuseum in Bad Mergentheim sowie mit institutionellen und privaten Leihgebern entstanden.

Im Deutschordensmuseum von Bad Mergentheim sind derzeit umfangreiche Veranstaltungen zum Lutherjahr 2017 in Vorbereitung. Es geht dabei um Themen wie „‚Luther an die Herren Deutschs Ordens‘. Die Auswirkungen der Reformation auf den Deutschen Orden“ und „Reformations-Störer im Museum“.

Dieter Göllner (KK)

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