Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1393.

Ordnung schaffen in Städten und Köpfen

Eine Herausforderung auch für Russlands Selbstbewusstsein

Zar Peter maß ganz unrussische zwei Meter und vier Zentimeter, aber das war es nicht, was ihm den Ehrennamen „Petr Velikij“ verschaffte: Peter der Große. Umgekehrt existiert in Moskau seit 1776 das „Bolschoj teatr“, das „Große Theater“, das so hieß, damit man es bis 1917 vom „Malyj teatr“ zu unterscheiden vermochte, dem „Kleinen Theater“. „Groß“ bezeichnet Räume oder Prestige, was man wissen sollte, wenn man Umfragen wie die von Ende April liest: 35 Prozent der Russen glauben, ihr Land werde in etwa zwanzig Jahren eine „Velikaja derschawa“ sein, eine „Großmacht“. 49 Prozent sind überzeugt, dass Russland längst eine solche ist, da es hochgerüstet ist (26 Prozent), einen „starken Präsidenten“ hat (17 Prozent), das „größte Land der Welt“ ist (5 Prozent), „große Reserven an Naturgütern“ besitzt (5 Prozent) etc. Diese „Größe“ wollte man zur Fußballweltmeisterschaft 2018 der ganzen Welt friedlich demonstrieren, schon um im November in Paris den Zuschlag für die Expo 2025 zu kriegen.

Stadienbauten nach sowjetischer Art und Kunst und Großmannssucht, behaftet allerdings mit dem uramerikanischen und mittlerweile globalen Attribut „to go“, denn es wird sie später niemand mehr brauchen Bilder: Wikimedia Commons

Für die 21. Fußball-Weltmeisterschaft hat Gastgeber Russland zwölf Stadien in elf Städten für 32 Teams errichtet – Baubeginn zumeist erst 2017, aber augenblicklich hochgejubelt zu Objekten, „um die uns die ganze Welt beneidet“. Das klingt nach Oblomow, dem Urahn russischer Milchmädchenrechner, von Iwan Gontscharow 1859 erdacht, der sein Leben in Trägheit verbringt, stets in Pläne vertieft, wie alles sein sollte, könnte, müsste. Heutige Oblomows berechneten WM-Gesamtkosten von 353 Milliarden Rubel, die sie schon 2017/18 auf 678 Milliarden Rubel aufstocken mussten, umgerechnet 13 Milliarden Dollar. Wie das? Weil bei solchen Prestigeprojekten der Rubel rollt und die Korruption Riesensummen verschlingt, was z. B. 2014 die Kosten der Winterolympiade auf 50,8 Milliarden Dollar aufblähte, mehr als alle bisherigen Winterspiele zusammen. Wer hat sich da immens bereichert und sieht nun zu, gestohlenes Gut zu verbergen?

Aus ähnlich undurchsichtigen Motiven fielen auch die Kosten der „Mundial“ 2018 saftig aus, nicht zuletzt wegen Russlands rückständiger Verkehrsverhältnisse, die 52 Prozent der WM-Gesamtkosten verschlangen: 220 000 Arbeiter legten 26 000 Kilometer Straßen, 20 Bahnhöfe wurden gebaut für 5700 neue Züge, Busse und Straßenbahnen. Den größten Schluck aus der Kostenpulle bekamen die Flughäfen der WM-Spielorte, die das auch nötig hatten, wie die Steigerungsraten des Luftverkehrs ahnen ließen: Wolgograd +280, Samara +130, Rostow +120, Saransk und Jekaterinburg je +100, Kaliningrad +70, St. Petersburg und Moskau je +50, N. Nowgorod +30 Prozent.

Erbringt dieser Aufwand einen positiven Effekt? McKinsey, eine der international führenden Wirtschafts-Agenturen, behauptete, dass alle WM-Vorbereitungsarbeiten im Zeitraum 2013 bis 2018 das russische BIP höchstens um ein Prozent angehoben haben. Jewgenij Izakow, Dozent an Putins 2010 gegründeter „Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst“ (RANChiGS), hat errechnet, dass „jeder Rubel, der für den Fußball in die Wirtschaft floss, mindestens zwei Rubel schafft“. Oder auch nicht: In den WM-Spielstätten begab man sich unter dem Druck von Kontrollen durch die eigene Regierung und die FIFA an Arbeiten, von denen man bislang die Hände gelassen hat: Abfuhr von Müllbergen, Beendigung halbfertiger Bauten, Vollendung verwahrloster Verkehrswege. Vor allem: „Rausschmiss nutzloser Kontraktfirmen, Engagement anderer, die wirklich Resultate bringen“. Wenn dabei mancher schöne Arbeitsplatz verlorengeht, dann ist das weniger schlimm als Korruption, Bereicherung, Kriminalität.

Aber nach russischen Erfahrungen wird wenig passieren, weil kaum jemand an einer Verbesserung der Lage interessiert ist. Als Putin 2012 sein Präsidentenamt antrat, verkündete er „zwölf Hauptrichtungen“, in denen sich das Land entwickeln müsse. Jetzt gestand er kleinlaut ein, dass „es nicht gelang, alle Ziele auf Punkt und Komma zu erreichen“. Und das ist noch geschönt, wie Blätter, etwa die (höchst lesenswerten) „Argumenty i fakty“, auflisten: 2,5 Prozent Inflation, die Einkommen wuchsen kaum, am wenigstens die von Lehrern und Ärzten, die Arbeitsproduktivität ging gegenüber 2013 um vier Prozent zurück, rückläufiger Wohnungsbau, schlechter Zustand bei 68 Prozent der Überlandstraßen, Wirtschaftswachstum 2 statt geplanter 4 Prozent, Armut bei 14 Prozent der Bevölkerung, überfüllte Kindergärten, unverändert hohe Kindersterblichkeit, Platz 59 in der Welt bei staatlicher Gesundheitsversorgung, Sterblichkeit von Männern „auf einer Höhe mit afrikanischen Ländern, weil bei uns ein hoher Grad an Selbstmorden, Alkoholismus, Drogensucht, Verkehrsunfällen etc. herrschen, was alles die Lebenserwartung senkt“. Wenn Russland Putins Ziel erreichen wollte, „Großbritannien einzuholen“, müsste es „sein Bruttosozialprodukt beinahe verdoppeln“, und das hält kaum jemand für möglich.

Im Gegenteil: Die Russen werden sich glücklich schätzen, wenn ihre Lebensbedingungen sich nicht weiter verschlechtern. Man erzählt sich die Geschichte, wie Putins Protektionskind, der belorussische Präsident Lukaschenko, von einer Europareise zurückkehrte und an der Grenze einen Kulturschock erlitt: „Drüben“ Ordnung, Sauberkeit, Farben – „hier Dreck, Ärmlichkeit, Primitivität. Und wir wollen uns als Kulturland präsentieren? Warum leben wir dann wie Schweine?“ (Potschemu she shiwjom kak swinji?) Diese bitteren Fragen stellen sich auch besorgte Russen, denn bei ihnen sind die Zustände kaum weniger „schweinern“. So schreibt Natalja Shenorova, Journalistin und Schriftstellerin aus dem zentralrussischen Smolensk: „Viele Länder bemühen sich um ein schönes und würdiges Leben. Und wir? Wir wollen, dass man uns als Europäer ansieht. Warum ertragen wir dann unseren Schmutz? Gleichgültig tragen wir den Stempel Dreckschwein (klejmo nerjach), obwohl wir das nicht sind. Unsere Häuser sind zumeist ordentlich, aber die Straßen – grauenhaft. Die ganze Umgebung müsste vom Schmutz befreit werden.“ Aber niemand macht den Anfang, „damit uns nicht die beneiden, die schlechter als wir leben“. „Ja, wollt ihr überhaupt, dass eure Straße hübsch aussieht?“ „Natürlich, aber was können wir allein erreichen?“ Und darum wirkt ganz Russland außerhalb weniger Metropolen „müde und ausweglos“.

„Anderswo springt es einem in die Augen“, sagt Frau Shelnorowa, „hier lieben die Menschen ihre Stadt. So ist es im Ausland, in Deutschland, in Tschechien, im Baltikum. Dort sind Häuser bescheidener, die Gärtchen kleiner, aber überall trifft man Sauberkeit und Sorgfalt. Sind wir etwa schlechter?“ Schlechter nicht, nur misstrauischer, verschlossener, argwöhnischer, voller Angst vor nachbarschaftlichem Neid: „Was sie haben, verstecken sie vor fremden Augen. Warum? Damit uns die anderen nicht beneiden – lautet die ständige Antwort“. Was kann man tun? Vor über einhundert Jahren erkannte der geniale Satiriker Nikolaj Gogol, „Russlands Elend sind die Dummköpfe und die Straßen“ (duraki i dorogi). Ganz ähnlich fordert heute Natalja Shelnorowa: „Ordnung schaffen in den Städten und den Köpfen“ (w gorodach i golowach).

Wolf Oschlies (KK)

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