Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1215.

Ort der Einkehr und zugleich der Betriebsamkeit

Ein Besuch in der Benediktinerabtei Brevnov über Prag offenbart ein Stück Geschichte, wie es böhmischer kaum sein kann

Es ist eine Stadt unter den Städten. Ihre Vergangenheit war größer als ihre Gegenwart, aber auch diese ist noch ansehnlich genug.

                                 Franz Kafka

Prag hat sich in den Jahren nach der Wende zu einer Touristenhochburg ersten Ranges in Europa entwickelt. Die vielen tausend Besucher werden in der Regel unwissend an einem Kleinod ersten Ranges, der Benediktinerabtei Brevnov, achtlos vorbeigehen. Ein Besuch dort, unweit des Hradschin, ist jedoch nicht nur lohnend, sondern läßt ein wichtiges Stück Prager Geschichte lebendig werden.

Brevnov ist so alt wie die Stadt selbst. Die zweite Benediktinerabtei Böhmens, eine gemeinsame Gründung des heiligen Adalbert, des zweiten Bischof von Prag, und des Przemyslidenherzog Boleslaw II., brachte die damals, um 993, höchsten Würdenträger des Landes zusammen. In der Geschichte Brevnovs spiegelt sich aber auch die Geschichte des mitteleuropäischen Christentums wider.

Hauptpatronin des Klosters ist seit dem 13. Jahrhundert die heilige Margaretha, die zu den vierzehn Nothelfern gehört und im Mittelalter höchste Verehrung genoß. Mitpatron ist der heilige Adalbert.

Seine Grablege fand hier auch der 1045 gestorbene heilige Gunther von Schwarzburg, Mönch der Abtei Niederaltaich, ein Friedensstifter zwischen Bayern und Böhmen. Aus fürstlichem Hause stammend, zog es ihn als Einsiedler nach Rinchnach im Bayerischen Wald. Er vermittelte in den Kämpfen zwischen Herzog Bretislaw I. und Kaiser Heinrich II. und soll am Bau des Goldenen Steiges, des alten Salzweges zwischen Passau und Prachatitz, beteiligt gewesen sein. Sein Grab war einst eine vielbesuchte Wallfahrtsstätte.


Vom ersten Kirchenbau existiert noch die im 20. Jahrhundert ausgegrabene bemerkenswerte romanische Krypta. Die heutige barocke Anlage stammt aus dem 18. Jahrhundert und ist ein Meisterwerk der genialen Prager Baumeister Christoph und Kilian Ignaz Dientzenhofer (1708–1720). Herausragende Werke der Malkunst sind der Gunther-Zyklus in der Klosterkirche von Peter Brandl (1715–1719) sowie das Deckenfresko „Das Wunder des heiligen Gunther“ von Cosmas Damian Asam im Prälatensaal (1727).

Brevnov war stets die erste Abtei im Lande. Von hier aus wurden zahlreiche benediktinische Tochterniederlassungen in Böhmen, Mähren und Schlesien gegründet. In den Hussitenkriegen im 14. Jahrhundert mußten die Mönche nach Braunau in Nordböhmen fliehen. Seitdem leiteten die jeweiligen Äbte in Doppelfunktion beide Klöster. Nationale Spannungen beendeten 1939 diese jahrhundertelange Symbiose; die beiden Konvente wurden getrennt. 1945 erlitt der überwiegend deutsche Konvent von Braunau mit seinem berühmten Stiftsgymnasium das Schicksal der Vertreibung und fand in Rohr/Niederbayern eine neue Heimat.

Brevnov erlebte nach der Katastrophe des Krieges zunächst hoffnungsvolle Ansätze, wurde jedoch 1950 ein Opfer der kommunistischen Unterdrückung. Erst 1990 kehrten die Benediktiner in ihr Kloster zurück. Eine bewegende Situation ergab sich 1968 während des Prager Frühlings, als der verbannte Abt Anastaz Opasek aus der CSSR ausreisen konnte und bis zur Wende Aufnahme im Kloster Braunau in Rohr fand. So schlossen sich historische Kreise über die Grenzen des Eisernen Vorhangs hinweg.

Die Wunden der Vergangenheit beginnen langsam zu verheilen. Die gesamte Anlage gilt als nationales Denkmal und wurde bis 1994 aufwendig renoviert.

Seit der Wende arbeitet Brevnov eng mit anderen Benediktinerklöstern im In- und Ausland zusammen. In Prag wurde die altehrwürdige Abtei Emaus in der Neustadt wiederbelebt, in Mähren die frühere Abtei Groß-Raigern/Rajhrad bei Brünn/Brno. Im benachbarten Ausland sind es vor allem Kontakte nach Göttweig in Niederösterreich sowie zur Erzabtei Pannonhalma in Ungarn. Auch zu den Benediktinern von Braunau in Rohr bestehen weiterhin gute Beziehungen.

Wer Brevnov kennenlernen will, hat seit kurzem die Möglichkeit, gut und komfortabel im klostereigenen Hotel Adalbert unterzukommen. Das geschmackvoll renovierte Barockgebäude liegt im Klostergelände, zeichnet sich durch seine ruhige Umgebung aus und besitzt sichere Parkmöglichkeiten (auch für Reisebusse). Mit der Straßenbahn ist man in wenigen Minuten auf der Burg und in kurzer Zeit in der Innenstadt. Das Hotel verfügt über 50 Betten, Einzel- und Doppelzimmer, einen großen Konferenzraum und gemütliche Aufenthaltsräume. Gruppen aus Pfarrgemeinden sowie überregionale Konferenzen sind hier besonders gut untergebracht. Die spirituelle Arbeit des Klosters kann in die eigenen Planungen einbezogen werden.

Kommt man nach Brevnov, begegnet man zuerst dem Gästepater Frater Alexius Vandrovec, O.S.B. Engagiert und in vorzüglichem Deutsch berichtet er über den Neubeginn, die Chancen und die Schwierigkeiten, mit denen die Abtei zu kämpfen hat.

Frage: Wo liegen die Schwerpunkte der seelsorglichen und spirituellen Arbeit?

Antwort: Wir betreuen die Pfarrgemeinde von Brevnov, die ziemlich groß ist, und die Wallfahrtskirche Unserer Lieben Frau vom Siege am Weißen Berg. Einer unserer Priester hilft in der Diözese Pilsen aus. Er wirkt in der Stadt Kladrau (heute: Kladubry/Westböhmen), die durch die Geschichte mit unserem Orden verbunden ist.

Zu uns kommen viele Studentengruppen, auch aus dem Ausland, die die Einkehrtage im Kloster erleben oder einfach ein paar Tage mit der Mönchsgemeinschaft mitleben wollen. Die ist auch den einzelnen offen. Man veranstaltet Konzerte, Vorlesungen und andere kulturelle Vorführungen für die Öffentlichkeit unseres Stadtviertels. Das Kloster ist ein sogenanntes Nationaldenkmal und zieht viele Besucher an. Wir geben Bücher heraus, besonders die Reihe Pietas Benedictina, die unter Fachleuten große Beliebtheit gewonnen hat. Sie vermittelt den heutigen tschechischen Lesern durch Übersetzungen die Quellen monastischer Tradition von der Antike und vom Mittelater sowie weitere wichtige Werke der christlichen Spiritualität.

Frage: Welches ist Ihre wirtschaftliche Grundlage?

Antwort: Wirtschaftlich müssen wir selbständig und autark sein. Vom tschechischen Staat sind keine Zuschüsse mehr zu erwarten. Viel besser arbeiten wir mit der Hauptstadt Prag im Bereich Kultur und Tourismus zusammen. Die Hauptstadt fördert viele Projekte. Die laufenden Kosten der Gemeinschaft bilden nur einen Bruchteil des ganzen Haushaltes. Die größte Belastung ist die Instandhaltung der Bausubstanz. Die meisten Einnahmen stammen aus den Mieten und aus dem Tourismus, z.B. arbeitet im Klosterkeller eine Catering-Firma, das Hotel Adalbert wird gewinnbringend bewirtschaftet, es werden Galaabende und Konferenzen in den repräsentativen Räumen ausgerichtet. Wir haben vor, den ehemaligen Wirtschaftshof in ein Konferenzzentrum umzubauen.

Frage: Wo sehen Sie die größten Chancen für die Zukunft? Wo sehen Sie die größten Probleme?

Antwort: Eine klare Vision für die Zukunft ist immer schwer zu finden. Man muß von der Realität ausgehen, z. B. von einem Kloster in der Großstadt. Aufgaben, zu denen uns die bisherige Tradition verpflichtet, freilich auch Bedürfnisse und Not der Ortskirche und der Bevölkerung in der Umgebung im Auge haben. Trotz aller Schwierigkeiten stellt das Ordensleben heute ein Abenteuer dar, das durch die Spannungen zwischen der Treue, dem Geiste des Ordensgründers und den Herausforderungen der heutigen Gesellschaft getragen wird. Wie weit eine Gemeinschaft fähig ist, sich damit ernsthaft auseinanderzusetzen, davon hängt auch ihre Zukunft ab.

Frage: Wie viele Mönche hat die Abtei? Geben Sie dem Nachwuchs eine Chance?

Antwort: Zur Zeit sind wir dreizehn. Als Abt Anastaz nach der Wende in seine Heimat zurückkam, ernannte er P. Prokop Siostzronek zum Prior, jetzt Prior-Administrator. P. Prokop war Diözesanpriester, der in den Achtzigern heimlich die feierliche Profeß ablegte. In den Neunzigern sind fast alle aus der älteren Generation gestorben. Es sind neu Berufene gekommen. Die ersten Jahre waren von personeller Instabilität geprägt, weil die junge Gemeinschaft erst ihre Richtung und innere Struktur suchen mußte. Die Abtei war anfangs direkt dem Abtprimas in Rom unterstellt, vertreten durch seinen Delegaten, Abt Clemens Lashofer aus Göttweig, den Abtpräses der österreichischen Kongregation. Er hat in den ersten Jahren nach der Wende große materielle Hilfe vermittelt und die Gemeinschaft auch geistlich unterstützt. Vor zwei Jahren wurde der Erzabt von Pannonhalma, Asztrik Varszegi, zum Delegaten ernannt. Unsere Klöster sind nicht nur durch die Geschichte verbunden, sondern auch durch gute persönliche Kontakte beider Gemeinschaften.

Der Sozialismus hat in 40 Jahren gründliche Arbeit geleistet. Säkulare und atheistische Tendenzen sind in Tschechien, zumal in der Großstadt Prag, weit verbreitet. Nur wenige Menschen bekennen sich noch zum Christentum. Christliche Werte und Grundlagen bedürfen einer glaubwürdigen Vermittlung, sozusagen einer Neumissionierung. Brevnov ist ein Hoffnungszeichen für die katholische Kirche in Prag.

Text und Interview: Inge Steinsträsser (KK)

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