Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1304.

Ost-Ost-Grenze

Was die „Bruderstaaten“ DDR und CSSR unter Brüderlichkeit verstanden, ist Thema des deutsch-tschechischen Geschichtsbuches

Jaroslav Zapletal, Erdkundelehrer im nordwestböhmischen Falkenau an der Eger (Sokolov), war in den 1970er Jahren mal kurz, ganz kurz in der DDR. Er lief von Graslitz (Kraslice) in Richtung Klingenthal über die grüne Grenze, nur um sich so ein Schild mit „Halt! Staatsgrenze! Passieren verboten!“ der Deutschen zu schnappen, und schaffte es heil wieder zurück. Dabei hatte die CSSR ihre Grenze zum Arbeiter-und-Bauern-Staat strenger bewacht als jene zu Polen. Eine Mutprobe sei das gewesen, erzählt er, und es scheint, daß er nicht der einzige junge Tscheche war, der sich dieser damals stellte.

Solche Geschichten waren am 18. November 2010 auf der Tagung „Die Ost-Ost-Grenze – Der Kalte Krieg zwischen den Bruderstaaten DDR und Tschechoslowakei 1960–1990“ im ostthüringischen Pößneck zu hören. Der Einladung mehrerer Träger unter Federführung der Stiftung Ettersberg zur vergleichenden Erforschung europäischer Diktaturen und ihrer Überwindung aus Weimar waren nicht zuletzt Schüler und Lehrer beiderseits der heutigen deutsch-tschechischen Grenze gefolgt. Denn Ziel von Stiftungs-Projektleiterin Dr. Eugenie von Trützschler ist ein deutsch-tschechisches Geschichtsbuch zum regulären Einsatz zumindest im sächsischen und thüringischen Unterricht. Vorbilder sind das bereits existierende deutsch-französische und das bald abgeschlossene deutsch-polnische Geschichtsbuch.

In das deutsch-tschechische Schulbuch werden vielleicht Forschungsergebnisse von Dr.-Ing. Pavel Vanek (Institut für das Studium totalitärer Regime Brünn) einfließen, der an die dreizehn DDR-Bürger erinnerte, die bei Fluchtversuchen an der tschechoslowakischen Westgrenze ums Leben kamen. Letztes Opfer war am 16. Mai 1989 ein elfjähriger Junge, dessen Familie mit einem Pkw der Marke Wolga den Schlagbaum bei Kuschwarda (Strázny) zum niederbayerischen Philippsreut zu durchbrechen versuchte.

Vielleicht werden deutschen Neunt- bis Zwölftklässlern künftig auch Erkenntnisse von Dr. Tomás Vilimek (Akademie der Wissenschaften Prag) vorgetragen, der zu berichten wußte, daß das DDR-Ministerium für Staatssicherheit möglicherweise schon seit den 1960ern ständig acht hauptamtliche Mitarbeiter in Prag, Preßburg und Karlsbad stationiert hatte. Die behielten ihre Landsleute vom Touristen über den Studenten bis zum Schriftsteller im Auge, studierten aber auch mal, wie tschechoslowakische Ordnungshüter mit Demonstranten so umgingen. Allein 1982 soll der CSSR-Geheimdienst StB rund 800 Briefe von DDR-Bürgern an Verwandte und Bekannte im Westen abgefangen und der Stasi übergeben haben. Ost-Berlin habe den tschechoslowakischen Tschekisten für die treuen Dienste etwa mit kostenlosen Deutsch-Kursen am Müggelsee gedankt.

Das geplante Lehrbuch würde Schülern „neue Perspektiven“ eröffnen und „eine Bereicherung“ sein, fand Geschichtslehrerin Annegret Greiling vom Orlatal-Gymnasium im ostthüringischen Neustadt an der Orla. Dieses will mit neun weiteren Ober- und Mittelschulen das neue Lehrmaterial auf deutscher Seite erproben. In der Tschechischen Republik machen sieben Schulen bei dem Projekt mit. „Binationale Geschichtsbücher sind ein Signum weit vorangeschrittener Verständigung“, sagte Dr. Robert Maier vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, das das deutsch-tschechische Schulbuch auf deutscher Seite wissenschaftlich betreut.

Der Prager Frühling, das Thema Bruderstaaten, die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) aus den Zeiten des Ost-West-Konfliktes kämen in den deutschen Schulbüchern kaum bis gar nicht vor, begründet die Politologin von Trützschler die Notwendigkeit des deutsch-tschechischen Geschichtsbuches. Dessen Stoff werde aber auch anderen Fächern dienen können, zumal beispielsweise der Umgang der DDR und der CSSR mit kritischer Kunst betrachtet werde. Von Trützschler hofft, das deutsch-tschechische Projekt viel schneller als die vergleichbaren Schulbücher erfolgreich abschließen zu können, vielleicht schon zum Schuljahr 2010/2011.

Marius Koity (KK)

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