Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1400.

Ostdeutsch – bundesdeutsch-polnisch – europäisch?

Bewusstseinswandel im wissenschaftlichen und politischen Raum

Metaphorisch, gleichwohl realitätsgetreu:
Willy Jaeckel, Russische Landschaft. 1919. Öl auf
Leinwand,
120 x 120,5 cm
Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg, Inv.-Nr. 4837. Leihgabe der Bundesrepublik Deutschland. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg

„Wir lachen des hämischen Geredes über die willkürliche Entstehung des preußischen Staates, wenn wir die deutsche Großmacht der modernen Welt auf demselben Boden gefestet sehen, wo einst das neue Deutschland unserer Altvorderen, die baltische Großmacht des Mittelalters sich erhob. Und wer vermag das innerste Wesen von Preußens Volk und Staat verstehen, der sich nicht versenkt hat in jene schonungslosen Rassenkämpfe, deren Spuren, bewusst und unbewusst, noch in den Lebensgewohnheiten des Volkes geheimnisvoll fortleben? Es weht ein Zauber über jenem Boden, den das edelste deutsche Blut gedüngt hat im Kampfe für den deutschen Namen und die reinsten Güter der Menschheit.“

Nicht etwa in den 20er, 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde dies geschrieben, sondern 1862 von Heinrich von Treitschke, einem damals noch nationalliberalen Historiker und politischen Schriftsteller, der später zum preußischen „Hofhistoriographen“ wurde. Er prägte mit dieser Sicht bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts das deutsche Bewusstsein über den Deutschen Orden in entscheidender Weise. Die Ordensgeschichte wurde auf das mittelalterliche Preußen, das spätere Ost- und Westpreußen, fokussiert. Die Geschichte des Ordens in den Gebieten des Deutschen Reiches, in anderen europäischen Ländern und im Heiligen Land fiel – abgesehen von örtlichen Erinnerungen – weitgehend dem Vergessen anheim.

Zehn Jahre nach dem Erscheinen des Aufsatzes von Treitschke begann der polnische Historienmaler Jan Matejko seine Skizze zur „Schlacht bei Grunwald“, die entscheidende Niederlage des Deutschen Ordens bei Tannenberg 1410 gegen das polnisch-litauische Heer darstellend, deren großformatige Ausführung als Ölgemälde (ca. 42 Quadratmeter) wenig später zu einer Nationalikone des geteilten Landes wurde, eine Stellung, die das Gemälde bis heute inne hat. Preußen als triumphierende Teilungsmacht neben Österreich und Russland, Polen als geteilte Nation standen sich unversöhnlich gegenüber und gestalteten im Rahmen der jeweiligen Möglichkeiten das Bewusstsein ihrer Bevölkerung. Die verherrlichenden bzw. verteufelnden Romane von Ernst Wichert („Heinrich von Plauen“, 1881) und Henryk Sienkiewicz („Die Kreuzritter“ – „Krzyzacy“ 1897–1900), letzterer als Printmedium bzw. als Film bis ins 21. Jahrhundert immer wieder neu aufgelegt, bieten ein weitest verbreitetes Beispiel der gegenseitigen Bewusstseinslage.

So wurde in der Folgezeit die Geschichte des Deutschen Ordens zu einem mehr und mehr „ostdeutschen“ Phänomen, vollkommen in Übereinstimmung mit jener preußisch-deutschen bzw. polnischen Tradition des 19. Jahrhunderts. Die bundesdeutsche Öffentlichkeit nach dem Zweiten Weltkrieg überließ das Thema daher den Vertriebenen, genauso wie etwa pommersche oder schlesische Landesgeschichte; das galt auch weitgehend im wissenschaftlichen Raum, etwa den Universitäten. Der allgemeine Blick auf jenen Teil der Vergangenheit, der wie vieles andere einen Teil der Geschichte des gesamten Deutschland darstellt, wurde durch eine stets stärker werdende politische wie wissenschaftliche Westorientierung versperrt. Daran änderte auch nichts der Paragraph 96 des Bundesvertriebenen- und Flüchtlingsgesetzes, laut dem seitens der Regierungen von Bund und Ländern „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete im Bewusstsein … des gesamtem deutschen Volkes erhalten“ werden sollte. Er machte vielmehr, ganz anders als eigentlich intendiert, jenen Teil der gesamtdeutschen Vergangenheit noch stärker zu einem ostdeutschen Phänomen.

Aus polnischen Augen sah das jedoch anders aus. Hatte das Königreich Preußen jenen Ordensstaat zu seinem Vorläufer erkoren und wurde diese zum Beginn des 19. Jahrhunderts konstruierte Tradition vom deutschen Kaiserreich, der Weimarer Republik und dem „Dritten Reich“, wenngleich mit Variationen, weitergeführt, so hatte die Bundesrepublik neben vielem anderen auch dieses Erbe übernommen.

Dementsprechend galt die Geschichte des Deutschen Ordens, fokussiert auf die Gebiete jenes mittelalterlichen Staates an der Ostsee, als Teil der Geschichte des deutschen Aggressors – sie war seit dem Kaiserreich von einem ostdeutschen Phänomen zu einem „deutsch-polnischen“ Phänomen politischer Auseinandersetzung geworden und blieb es weiterhin.

Auch in der Phase erster Annäherung zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der Volksrepublik Polen nach dem Warschauer Vertrag 1970 stellte in den zwischen beiden Ländern vereinbarten Schulbuchgesprächen das Thema Deutscher Orden das Dissensthema Nummer eins dar, nicht etwa Polen unter deutscher Besatzung im Zweiten Weltkrieg oder Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den ostdeutschen Provinzen. Das nahm die allgemeine bundesdeutsche Öffentlichkeit allerdings in dieser Form nicht wahr, handelte es sich in ihren Augen doch offenbar nur um ein ostdeutsches Problem, das sich mit dem zurückgehenden Einfluss ostdeutscher Landsmannschaften auf Politik und öffentliches Bewusstsein im Laufe der Zeit von alleine erledigen würde.

Umso überraschender waren daher für viele die heftigen Diskussionen in den bundesdeutschen Länderparlamenten über die Empfehlungen jener Schulbuchgespräche der Phase 1972–1976, was sich jedoch einfach erklären lässt: In den Länderparlamenten konnte der Warschauer Vertrag als Teil bundesrepublikanischer Außenpolitik nicht breit diskutiert werden, dies wurde in einer Art Stellvertreterdiskussion anhand der Schulbuchempfehlungen nunmehr nachgeholt. Somit rückte auch die preußische Deutschordensgeschichte auf deutscher Seite in ein „bundesdeutsch-polnisches“ Problemfeld.

Die Beteiligten jener Schulbuchgespräche waren sich allerdings einig, dass das Dissensthema Nummer eins einer gesonderten Behandlung zugeführt werden musste, wollte man auch dabei eine Annäherung in den Beurteilungen erzielen. Dementsprechend widmete sich 1974 die erste Spezialkonferenz der Schulbuchgespräche dem Thema Deutscher Orden im mittelalterlichen Preußen, ohne allerdings zu gemeinsamen Empfehlungen zu kommen. Die polnischen wie die bundesdeutschen Historiker gelangten aber rasch zu der Erkenntnis, dass dieses umstrittene Thema aus den offiziösen Schulbuchkonferenzen herausgelöst und auf eine rein wissenschaftliche Ebene verlagert werden sollte – man wollte Abstand vom politischen Tagesgeschehen gewinnen. Das beruhte auf der beiderseitigen Erkenntnis, dass die Geschichte des Deutschen Ordens in seinem mittelalterlichen Staat Preußen seit Beginn des 19. Jahrhunderts von preußisch-deutscher wie von polnischer Seite politisch gebraucht, teils sogar missbraucht worden war und daher dringend einer Neubewertung bedurfte, die nunmehr aber gemeinsam vorgenommen werden sollte.

Eine Plattform dazu bot die Historische Kommission für ost- und westpreußische Landesforschung ab 1977 immer wieder im Rahmen ihrer Jahrestagungen. Es folgte der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte in zwei Konferenzen im Herbst 1977 und Frühjahr 1978 auf der Insel Reichenau im Bodensee, die allgemein den Ritterorden in Europa gewidmet waren. In beiden Gremien wurde rasch deutlich, dass die Betrachtung des Deutschen Ordens als ostdeutsches Phänomen zu kurz griff, dass auch die deutsch-polnische Betrachtung nicht ausreichte, sondern dass eine Dimension der Erarbeitung geboten war, die dem mittelalterlichen Orden in seiner Erstreckung von Jerusalem bis Reval gerecht wurde.

So kam es im Frühjahr 1978 auf der Insel Reichenau bei einem Spaziergang zu dritt zu einem für die damalige politische Situation sehr kühnen Plan: An der polnischen Universität Torun (Thorn) sollte eine internationale Konferenzserie ins Leben gerufen werden zum Thema Ritterorden im Mittelalter, innerhalb derer dem Deutschen Orden eine zentrale Rolle zugedacht wurde. Ins Auge gefasst wurde gleichzeitig die Gründung einer internationalen Wissenschaftskommission zur Erarbeitung der Deutschordensgeschichte von der Gründung im Heiligen Land am Ende des 12. Jahrhunderts bis in die Gegenwart, existierte der Orden doch – wenngleich damals seit 55 Jahren nicht mehr als Ritterorden – bis in die Gegenwart. Beide Institutionen sollten ihre Konferenzen alternierend im jährlichen Wechsel veranstalten. Diese Initiativen waren zwar primär als bundesdeutsch-polnische Institutionen gedacht in engster personaler Verzahnung, erhofft wurde jedoch entsprechend der Themenstellung eine baldige Ausweitung des auf nur zwei Länder bezogenen Rahmens. Da es in Polen gewiss schwieriger sein würde, das Vorhaben zu realisieren, sollte die dortige Konferenzserie den zeitlichen Vortritt genießen.

Was als Vision entstand, ließ sich trotz aller Widerstände realisieren: 1981 fand in Thorn unter dem Vorsitz von Zenon Hubert Nowak die erste Konferenz „Ordines militares. Colloquia Torunensia Historica“ statt, deren Vorträge in deutscher Sprache gehalten und zwei Jahre später auch veröffentlicht wurden. Die personale Erweiterung über den bundesdeutsch-polnischen Horizont gelang ebenfalls: Zu den Referenten zählten der in Dänemark lehrende schwedische Historiker Tore Nyberg und der estnische Historiker Enn Tarvel.

Doch stand der Anfang politisch unter keinem guten Stern: Im Dezember jenes Jahres wurde in Polen das Kriegsrecht ausgerufen, die Kooperation über die Grenzen hinaus lag erst einmal wieder auf Eis. Die für das folgende Jahr geplante Gründung der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Umso bemerkenswerter war, dass es gelang, in Thorn den Zweijahresrhythmus der Konferenzen und die Beteiligung von Kollegen aus anderen europäischen Ländern beizubehalten – wir haben nie gefragt, welche Wege dazu gegangen werden mussten, sie aber mit Hochachtung anerkannt, wie denn auch die Formen der Kommunikation unter dem polnischen Kriegsrecht manchmal verschlungene Pfade benötigten, jedoch aufgrund des persönlichen Vertrauens funktionierten.

Da 1990 die Gründung des Deutschen Ordens im Heiligen Land sich zum 800. Male jährte und dazu eine internationale Ausstellung geplant war, musste die entsprechende internationale Kommission gegründet werden. Auch wenn das Kriegsrecht offiziell 1983 aufgehoben wurde, blieben Zensur und weitere Einschränkungen in Polen bestehen, bis sich die Situation durch die Entwicklung in der Sowjetunion unter Gorbatschow allmählich entspannte. Trotzdem gelang es, im Herbst 1985 jene internationale Kommission zu gründen, im neutralen Wien, wo sie bis heute ihren Sitz hat. Sie war zwar ebenfalls polnisch-deutsch dominiert, doch zählte sie von Anfang an Mitglieder aus anderen europäischen Ländern. Damit konnte die Vorbereitung jener Ausstellung beginnen, die 1990 im Germanischen Nationalmuseum Nürnberg ihre Türen öffnete und auch zu einem medialen Ereignis wurde – vorbereitet noch in der Ära der deutschen und europäischen Teilung und nunmehr voll in die politische Entwicklung passend, allerdings auch ein deutliches Zeichen, dass die Wissenschaft der Politik sehr wohl eine Nasenlänge voraus war. Gemäß der Wirksamkeit des Deutschen Ordens kamen die Exponate aus 17 verschiedenen Ländern, selbst aus dem damals noch kommunistisch geführten Baltikum und der DDR – aus Polen sowieso mit ca. 20 Prozent der Leihgaben. Der Katalog, inzwischen zu einem Handbuch der Ordensgeschichte geworden, zeigt denn auch bis heute den Stand der damaligen Forschung, im folgenden Vierteljahrhundert deutlich weiter internationalisiert: Es handelte sich nicht mehr um ein ostdeutsches oder deutsch-polnisches Thema, es war auf der europäischen Ebene angekommen.

Das öffentliche wie auch das politische Bewusstsein benötigte zwar noch länger – schließlich rechnet man mit zwei Generationen, bis sich neue Wissenschaftserkenntnisse ihren Weg beispielsweise bis ins Schulbuch gebahnt haben. So hatte die Bundesregierung Angst vor dem Thema, das Außenministerium verweigerte die eigentlich im eigenen Hause angedachte Schirmherrschaft über die Ausstellung, und das Bundespräsidialamt verzichtete letztlich auf das zugesagte Grußwort des Bundespräsidenten zur Eröffnung. Auch die zum Jubiläum geplante Briefmarke musste vor ihrem Erscheinen erst deutsche Hürden nehmen, und die Sondermünze erschien schließlich mit einjähriger Verspätung – allerdings nun als erste gesamtdeutsche Sonderprägung mit höherer Auflage als bislang. Trotzdem: Die Vision, auf dem Spaziergang von 1978 entstanden, war in nur zwölf Jahren Wirklichkeit geworden, was damals niemand geglaubt hätte.

Der heutige Stand sieht so normal aus: Im Jahr 2019 findet in Thorn die 20. Konferenz „Ordines militares“ statt, ihre Referenten kommen inzwischen aus der ganzen Welt bis hin zu den USA oder Australien, und die Mitglieder der Internationalen Historischen Kommission zur Erforschung des Deutschen Ordens leben in 15 Ländern von Israel bis Russland, entsprechend den Wirkungsfeldern des Ordens. Und als Polen 2010 die 600jährige Wiederkehr seines Sieges über den Deutschen Orden auf dem Schlachtfeld von Grunwald/Tannenberg feierte, sprach der Hochmeister des Ordens P. Dr. Bruno Platter OT auf Einladung des polnischen Staatspräsidenten ein offizielles Grußwort – in Polen ein mediales Ereignis besonderer Art, in Deutschland allerdings nicht wahrgenommen. Doch es war kein einfacher Weg von einem ostdeutschen Thema über den harten bundesdeutsch-polnischen Dissens zur Kooperation auf europäischer Ebene. Nicht dass die Urteile über die Geschichte des Deutschen Ordens nunmehr identisch wären, gleich wer sie äußert. Das wäre der Tod jeder Wissenschaft, die von der Diskussion lebt. Doch es gibt keine landsmannschaftlich, regional oder national bestimmten Lager mehr, es ist eine europäisch und international geprägte Kooperation entstanden, und im deutsch-polnischen Wissenschaftsdialog hat inzwischen die Geschichte des 20. Jahrhunderts die Dissensrolle eingenommen. Dieses Beispiel macht die Bedeutung einer Kultur deutlich, die oft allzu einseitig als ausschließlich ostdeutsch bezeichnet wird und in Wirklichkeit einen bedeutenden Teil der gesamten deutschen und darüber hinaus gleichermaßen europäischen Kultur darstellt.

Udo Arnold (KK)

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