Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1261.

Ostpreußischer Barock in russischer Sicht

Wladimir Gilmanov legt eine umfassende Würdigung des Werks von Simon Dach vor

 

Simon Dach ist einer der frühen bedeutenden Barockdichter (1604–1659) der deutschen Sprache. Es sollte mindestens für Germanisten der Mühe wert sein, sich mit ihm zu befassen. In Deutschland haben dies Gottlieb Bayer bereits im 18. Jahrhundert und gut hundert Jahre später Herrmann Österley federführend mit ihren Biographien getan. In den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts hat dann noch Andreas Kelletat sein Reklam-Heftchen über Simon Dach und den Königsberger Dichterkreis herausgebracht. Ansonsten ist es um Simon Dach eher still geworden, insbesondere an germanistischen Seminaren deutscher Universitäten.

Es ist deshalb erfreulich, daß diese Stille jetzt wenigstens an der Kant-Universität in Königsberg/ Kaliningrad von einem späten Landsmann Simon Dachs unterbrochen wurde. Wladimir Gilmanov ist zwar nicht wie dieser in Memel geboren, aber 350 Jahre später in Kaliningrad. Er hat nach mehrjähriger Beschäftigung mit dem ostpreußischen Barockdichter das Buch „Simon Dach und das Geheimnis des Barock“ vorgelegt.

Schon der Titel deutet an, daß es nicht nur eine russische Biographie Simon Dachs darstellt. Gilmanov analysiert in einem ersten Teil gleich die gesamte Barocksituation im deutschen Sprachraum, politisch, philosophisch und literarisch. Dabei arbeitet er die Eigenheit des ostpreußischen Gebietes um Königsberg heraus, das in der Barockzeit durchaus in besonderer Weise geprägt war. Äußerlich blieb es vom Dreißigjährigen Krieg nur indirekt betroffen. Diese relative Kriegsferne und der besondere Einfluß der Lehre Luthers bestimmten die Barockpoetik Königsbergs wesentlich.

In einem zweiten Teil verknüpft Gilmanov die Biographie des Dichters aufs engste mit dessen Werk. Das gelingt auch deshalb, weil er seine Darlegungen durch häufige Zitate aus Dachs Dichtung belegt. Dabei verfährt er so, daß er das deutsche Original zitiert und ihm eine russische Übersetzung gegenüberstellt. Schon deshalb, weil bis heute nur ganz wenige Gedichte z. B. von Sem Simkin ins Russische übertragen sind, stammen die Übersetzungen alle von Gilmanov selbst. Er zielt dabei stets auf zweierlei. Einmal achtet er auf die inhaltliche Übereinstimmung, zum anderen versucht er im Russischen den Reim zu bewahren. Gilmanov referiert bei seinen Zitaten also nicht nur Inhalte, sondern schafft Nachdichtungen.

Wie schwer das gewesen sein muß, wird jedem Deutschen erahnbar, der – des Russischen weniger kundig – dieses Buch aufschlägt und die deutschen Zitate auf sich wirken läßt. Er merkt schnell, daß es im Jahre 2008 durchaus einige Konzentration erfordert, die fast 400 Jahre alte Lyrik Dachs zu verstehen. Natürlich ist da im Russischen nicht nur der Sprachwissenschaftler gefordert, sondern auch eine philologische Formkraft. Simon Dach widerfährt nach 400 Jahren das Glück, daß sich mit Wladimir Gilmanov ein russischer Universitätslehrer seines Werkes annimmt, der beide Begabungen vereint. Auf diese Weise übertragen, enthält das Buch fast 50 Gedichte Simon Dachs, davon etwa ein Dutzend kürzere vollständig. Dazu gehört auch das „Exegi-Monument“, der Eigenhymnus Dachs auf die Ewigkeit des dichterischen Werks.

Im dritten Teil geht Gilmanov speziell auf das „Ännchen von Tharau“ ein. Er schildert die Umstände der Entstehung, die inhaltliche Bedeutung und geht schließlich auf die Legenden ein, die sich um diese Person ranken.

Den vierten Teil widmet er dem Königsberger Dichterkreis. Darin erläutert er die Bedeutung der „Kürbishütte“, nimmt darin sogar die Verortung des einstmals wirklich vorhandenen Gebäudes im gegenwärtigen Kaliningrad vor. Der kongenialen Zusammenarbeit Simon Dachs mit Heinrich Albert gibt er entsprechend Raum. Zur Illustration bildet er das Titelblatt der „Musikalischen Kürbishütte“ ab, die „Heinrich Alberten“ herausgab. Es handelt sich dabei um eines von sieben Bildern, die dem Buch beigegeben sind.

Der fünfte Teil ist ein besonders anspruchsvolles Kapitel, in dem der Autor auf die Barockdichtung als Erfahrung des Todes und der Hoffnung eingeht. Das Thema behandelt er im Kontext der regionalen Geistesgeschichte. Einbezogen sind die bekannten Dispute, deren Ausgangspunkt Königsberg war und die den ganzen deutschen lutherischen Raum erfaßten. Schon daran wird die Bedeutung dieses Kapitels deutlich.

Besonderen Wert verleihen dem Buch die Verzeichnisse am Schluß. Hilfreich sind vor allem die zehn Seiten des „Wörterbuches der Begriffe“. Es reicht von Agape bis Eschaton. Wer käme ohne dieses aus? Die anschließende Bibliographie umfaßt sieben Seiten. Sie führt alle nennenswerte Literatur zu Simon Dach auf. Schließlich fügt Gilmanov noch ein fünfseitiges Namensverzeichnis an, das jeden erfaßt, der zu Simon Dach etwas beigetragen hat.

Nachdem der Autor beim Entwurf seines Buch so überlegt vorgegangen ist, überrascht eigentlich nicht, daß man schon vor Erscheinen in Kaliningrad erkannte, wie vorbildlich es ist. Im Rahmen eines regionalen Wettbewerbs im Jahre 2007 wurde das Manuskript im letzten Herbst als eines der besten unter etwa 60 befunden und erlangte damit die Drucklegung, die der Autor selbst kaum hätte finanzieren können. Wenigstens die Verbreitung des Buches unter den Germanisten in Rußland ist damit gesichert.

Leider wird an dieser Stelle auch der derzeit noch größte Mangel sichtbar. Deutschen Germanisten bleibt das Gilmanovsche „Geheimnis des Barock“ noch weitgehend verborgen, weil es nicht in einer übersetzten Ausgabe vorliegt. Dem sollte schnellstmöglich abgeholfen werden.

Gerolf Fritsche (KK)

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