Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1327.

Ostwohnsitz mit Westblick

Ostpreußisches Landesmuseum zeigt Herrenhäuser im Baltikum

Nach dem Abschluss des Modernisierungsund Erweiterungsbaus des Ostpreußischen Landesmuseums in Lüneburg wird die deutschbaltische Abteilung als fester Bestandteil in die Dauerausstellung integriert werden. Bis Mitte Oktober war bereits eine erste thematische Schau rund um die Hanse zu sehen. Die Ausstellung „Vertraute Ferne“ unterstrich einmal mehr, daß die Hanse in der neuen deutschbaltischen Abteilung eine wichtige Rolle spielt.

Auch die vor kurzem eröffnete Wechselausstellung „Glanz und Elend. Mythos und Wirklichkeit der Herrenhäuser im Baltikum“ stellt die deutschbaltische Vergangenheit und deren Zusammenhang mit der estnischen und lettischen Nationalgeschichte in den Mittelpunkt. Die faszinierende Welt der Herrenhäuser – die Jahrhunderte lang den ländlichen Raum im Baltikum prägte, bis sie im 20. Jahrhundert versank – ist heute noch mit vielen Mythen behaftet. Das Ostpreußische Landesmuseum und die Carl-Schirren- Gesellschaft e.V. Lüneburg versuchen, Aspekte der Geschichte der baltischen Herrenhäuser im Spannungsfeld zwischen Westeuropa und dem Russischen Reich zu vermitteln.

Bei einem Rundgang durch die Ausstellung bekommt der Besucher Antworten auf Fragen wie: Waren Herrenhäuser Ausdruck von Macht und Reichtum? Beutete der Gutsherr Esten und Letten aus? Vermittelten die deutschen Gutsbesitzer westeuropäische Kultur ins ganze Zarenreich? Was hat heute noch Bestand?

Architektonisch verbindet man mit dem Begriff „Herrenhaus“ im Baltikum unterschiedliche Stile. So gab es sowohl kleine Holzbauten als auch schloßähnliche Paläste mit ausgedehnten Parkanlagen. Zugleich waren die Herrenhäuser der Mittelpunkt eines ganzen Mikrokosmos, des landwirtschaftlichen Gutsbetriebes mit Feldern, Wirtschaftsgebäuden und Gesindehäusern. Im Unterschied zu deutschen Regionen ging im Baltikum die soziale Schichtung zwischen Gutsherr und Landarbeiter mit einer ethnischen einher. Das heißt konkret, daß die Gutsherren westlich orientierte Deutschbalten waren. Die bäuerliche Schicht hingegen bestand aus Esten und Letten.

Die rund 200 Exponate beleuchten zum einen die Lebensart, zum anderen das komplexe Beziehungsgeflecht der Menschen, die auf den Gütern tätig waren. Es geht dabei um Geschichten rund um Gutsherren, Landarbeiter, Handwerker, Hauslehrer und Pastoren. Die Gemälde, Architekturmodelle, Möbel, Fotos und nicht zuletzt die Kleidung vergegenständlichen das Miteinander der Menschen über die Jahrhunderte hinweg bis hin zum gegenwärtigen Umgang mit diesem Kulturerbe im Baltikum. Dokumentiert wird die Zeit von der Leibeigenschaft über die Befreiung der Bauern, von der beginnenden Industrialisierung zu den Russischen Revolutionen 1905 und 1917 und der Unabhängigkeit Estlands und Lettlands vom untergegangenen Zarenreich, von der Enteignung der Güter bis zur Umsiedlung der Deutschbalten. Nach der Umsiedlung der Deutschen im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes 1939 blieben als Zeugen der Jahrhunderte währenden Ordnung nur die Gebäude, die Gutshäuser mit inzwischen unterschiedlichen Nutzungen übrig.

Die facettenreiche Präsentation wurde durch die länderübergreifende Zusammenarbeit mit Museen und Archiven in Estland, Lettland und Deutschland sowie durch Leihgaben aus dem Bestand der Deutschbaltischen Kulturstiftung und aus Privatbesitz möglich. Ausstellungsbegleitend wurde ein Katalog erarbeitet, in dem namhafte Experten aus Deutschland, Estland und Lettland Details über Leben, Wohnen und Bauen im Mikrokosmos der baltischen Güter schildern: Ilse von zur Mühlen (Hg.), Glanz und Elend, 280 Seiten. Die Sonderausstellung ist im Ostpreußischen Landesmuseum von Lüneburg bis Mitte Oktober 2013 geöffnet.

D. G. (KK)

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