Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1346.

Panischer schlesischer Sommer

Wenn in den Siebzigern einer eine Reise tat, so konnte er erleben, was er heute nicht mehr kann

Panischer1Spätsommer 1973: „Eigentlich“ waren ins polnische Staatsgebiet – Warschau ausgenommen – Individualreisen noch gar nicht möglich, aber wenn es um Westdevisen ging, dann war auch schon damals das polnische „Regulierungssystem“ äußerst flexibel. Hatte man eine Einladung nach Polen mit vorher bezahlter Hotelgarantie, dann konnte man fahren. Der Grenzübergang CSSR–Polen war vorgeschrieben: Bohumin–Chalupki (Oderberg).

Mir ist als erstes Bild die kleine Bretterbude in Erinnerung geblieben, die als „Empfangsgebäude“ diente, davor Grenzbeamte der CSSR und Polens auf wackligen Küchenstühlen, sichtlich gelangweilt und über die Abwechslung erfreut. Kontrolliert wurde alles, das Auto, ein Peugeot, besonders intensiv in Augenschein genommen. Die Grenzbeamten fragten, warum ich ein französisches Auto hätte. Es gefalle mir besser, und billiger sei es auch, erfuhren sie. Ob denn das nicht verboten sei, ein französisches Auto zu kaufen, die Deutschen produzierten doch selber welche. Diese Szenen sind oft zurückgekehrt: Ich war von München bis Oderberg nur etwa 900 km gefahren, aber die Fragen an dieser Grenze kamen von viel weiter her. Es war eben 1973 und ich überzeugt, dass Europa wirklich geteilt war.

Dann also zum ersten Mal Schlesien: Bei mir machte sich damals fast alles Oberschlesische an Eichendorff fest. Die Wallfahrtskirche Matka boza in Ratibor, Eichendorff hat sie in seinen Tagebüchern immer nur so genannt, erkannte ich sogleich, die Fernstraße durch Ratibor führte an ihr vorbei, die Versuchung war groß, zu halten und den Ring anzusehen, den ich aus den Eichendorff-Tagebüchern zu kennen meinte wie den Residenzplatz der Heimatstadt Passau. Noch größer war ein paar Kilometer weiter der Wunsch, der Nebenstraße zu folgen, an deren Anfang „Lubowice“ stand. Aber ich gab dieser Versuchung dann doch nicht nach.

Die Alleebäume warfen schon die langen Schatten des versinkenden Sommers, bis Oppeln waren fast 90 Kilometer zu fahren, das Land schien unendlich neu – fremd dagegen nicht –, bei Dunkelheit wollte ich nicht unterwegs sein. Außerdem stand in meinem Sondervisum, dass „innerhalb von 12 Stunden nach Grenzübertritt eine Anmeldung bei einer Gemeinde, in einem Hotel oder bei der Volksmiliz“ zu erfolgen habe (die sich dann auch während des ganzen Aufenthaltes lästig erwies wie eine ganze Herde Zecken). Natürlich kann man heute über so viel Vorsicht lächeln, doch so wurde ein „sozialistisches Land“ einst von einem Besucher auch wahrgenommen, der es riskierte, sich dort auf eigene Gefahr zu bewegen. Zum anderen verdanke ich diesen kleinen alltagspraktischen Überlegungen am Ende eines von Eindrücken übervollen Reisetages die Begegnung mit einem Land der Demeter, das Oberschlesien damals noch war. Das weitgedehnte Ackerland sah aus, als habe die Getreidegöttin der Römer eine weite Spur darüber gelegt mit ihren Schritten, die sich in leuchtenden Stoppelfeldern des späten Sommers oder in Kartoffeläckern wiederfanden, von denen es bitter nach Kartoffelkraut auf offenen Feuern der Kinder riecht. In der Erinnerung bieten am Ende der Erntezeit die welligen, hügeligen Landschaften vor den Ausläufern der Sudeten und des Odergebirges noch immer ein nur wenige Jahre später versunkenes Bild von festlichem Glanz.

Panischer2Über dem Land noch Stimmen eines späten panischen Sommers, Raubvogelrufe, die zusammen mit letztem vereinzeltem Vogelruf aus Büschen und Waldinseln mit dem Wind über Stoppelfeldern den Lauf des Zeitenrades begleiten, mit dem wieder ein Sommer der Nimmerwiederkehr zueilte.

Mit dem sinkenden Licht des Tages kehrten letzte Störche von den Feuchtflächen an der Oder, aus Sümpfen und nassen Wiesen zurück, vielleicht zum letzten Mal, bevor sie das Land verließen, das sich einen Sommer lang unter ihnen gebreitet hatte. Auf ihren Schwingen trugen sie den Tag in das Rot des Abends. Wenn die Erntezeit zu Ende ist, versammeln sie sich zu Flügen, die ihre majestätischen Silhouetten in das verblasste Blau des herbstlichen Himmels zeichnen, unter sich das Gold abgeernteter Stoppeln, hinter denen Zeit und Sommer versinken. Der Tag im späten August war so warm gewesen, dass sich vor dem westlichen Horizont eine Brandung blauen Lichtes erhob, in der die Ferne ertrank und zur Nähe wurde. Irgendwo hinter der Brandung musste Oppeln sein und dann, noch weiter, Niederschlesien mit Breslau.

Letzte Hitzewolken des Nachmittags standen noch am Himmel, in weißen Kathedralen getürmt, von denen sich Weihen herabfallen ließen – ihre Schreie flogen auch noch übers Land, als die Schatten des Augustabends länger waren. Dazu der Katzenschrei der Bussarde, die über den Wäldern kreisten. Mit dem Wind über den Stoppelfeldern, dem Raubvogelschrei und dem Ruf von Bauern, die mit ihren Erntewagen über die Linie der Hügel zogen, schien mir die Schöpfung Stimmen zurückzubekommen, die ich durch Jahre nicht mehr gehört hatte. Hier waren sie die Gegenwart eines Erntetages.

Die Straße legte sich noch in Wellenbewegungen über Hügel, von den langen Häuserzeilen der Dörfer gesäumt, dazwischen zogen sich Alleen von Obstbäumen, Vogelbeerbäumen die Fahrbahn entlang, ihre Früchte leuchteten rot in den Abend. Die Ährenfarbe der Stoppelfelder, die an den Rainen stehengebliebenen Weizenhalme oder die geknickten Haferrispen, an denen die silbernen Fäden des Altweibersommers hingen, die Getreidehocken auf den Feldern, für mich glichen sie vorzeitlichen Wächtern an den Wegen, auf denen ein glanzvoll sterbender Sommer in den Herbst sinkt. An den Schmalseiten der Äcker standen Hocken, deren Ähren zu einem Kreuz gebunden waren.

Für die damals noch zahlreichen Pferde wurde Hafer gebraucht, er hinterlässt die dichteste und farbenprächtigste Stoppel. Sie vor allem war es, die so festlich auf den Bodenwellen bis an den Horizont schimmerte, wo ferne Brände ihre weißen Rauchschwingen in den Abendhimmel steigen ließen.

Im sinkenden Augustlicht waren die Alleen zwischen großen Ackerschlägen, die auf die Horizonte zuliefen, den Gewölben von Kreuzgängen ähnlich. Die langen oberschlesischen Dörfer schienen in struppigen Obstbaumgehegen, zwischen Eichen, Buchen, Eschen und Ahorn versteckt, die meisten Ortschaften wirkten, als seien sie zugewachsen. Es waren Dörfer der Rosen und der Dahlien. In fröhlichem Durcheinander blühten sie zusammen mit Gladiolen, Lupinen, Astern oder dem Fingerhut vor jedem Haus. Der alte Bauerngarten mit seiner unbekümmerten Dichte und seiner Duldsamkeit auch gegenüber „Unkraut“,   in Oberschlesien war er noch selbstverständlich.

Soviel hatte ich an diesem ersten schlesischen Tag des Lebens schon gelernt, dass die Äcker mit ihren Getreidehocken und die Dörfer mit ihren Rosen und Dahlien beständige Wirklichkeit waren, auch in einem „sozialistischen“ Polen, das es in Wahrheit nie gegeben hat. Heute gibt es diese Wirklichkeit nicht mehr, nachdem nun auch in Oberschlesien die Getreidefelder der Demeter vom Wind der Veränderung zugeweht worden sind und kein Hafer mehr für die Pferde gebraucht wird. Nur die Rosen und die Dahlien vor den Häusern in den oberschlesischen Dörfern, sie gibt es noch.

Dietmar Stutzer (KK)

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