Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1242.

Poesie gegen die „fleischlose korrekte Epoche“

„Ganz ohne Programmatik möchte ich mit dieser Sammlung von Lyrik und Prosa an die reiche deutsch-tschechische Kulturtradition anknüpfen, die in der jüngeren Geschichte unterbrochen worden war und die nach 1989 wieder eine Chance erhalten hat, welche aber leider immer noch zu wenig genutzt wird.“ Mit diesen Worten verdeutlicht Klára Húrková, in Aachen lebende Schriftstellerin und Übersetzerin, die Intention, die sie mit der Herausgabe der zweisprachigen Anthologie „Schlüsselsammlung – Sbírka Klicú“ verfolgt.

Auf jeweils gegenüberliegenden Seiten stehen die deutsche und die tschechische Version von Gedichten und kurzen Prosatexten, die sechzehn Autorinnen und Autoren zur Verfügung gestellt haben. Die Beiträge bemühen sich nicht um die Beschwörung der deutsch-tschechischen Geschichte im böhmisch-mährischen Raum. Der Reiz der Texte liegt vielmehr in den kreativen Sprachbildern, mit denen subjektive Empfindungen gestaltet werden. Dennoch wird immer wieder die Berührung mit der Vergangenheit thematisiert, so im Gedicht „Prag durch Regen zerstört – Praha znièena deštem“ von Vit Janota, Jahrgang 1970: „Und ein paar Schritte weiter / um den Haschtaler Platz / die Straßen der alten Josefstadt / schmal und krumm / in der lehmigen Farbe des Golems / mit Namen / scharf wie Spitzen / magischer Pentagramme / so unähnlich all dem / womit uns diese fleischlose / korrekte Epoche beglückt…“

Oftmals verdeutlicht sich in der Lust an der verklausulierten Sprachformung eine Gemeinsamkeit tschechischer und deutscher Gegenwartsliteratur. Im Gedicht „Erbe“ von Julia Weiteder-Varga finden sich die Zeilen. „Ein Wort noch / Dann kehren die Gedanken / in sich zurück / Im Kern / wo der Anfang
mit dem Ende / kokettiert / wo das Ende über den Anfang / stolpert / leben die Rätsel noch…“ Typisch mag für die vertretenen Autoren auch die Bevorzugung des thematisch Geheimnisvollen sein. Die Kurzgeschichte „Absinth“ von Zora Šimúnkova kreist um ein mysteriöses „zweites Ich“. Die Autorin, 1965 geboren, arbeitet heute an der Karls-Universität Prag.

Die in Nürnberg lebende Margot Beierwaltes ordnet unter dem Titel „Poetik“ dem Begriff „Poesie“ die aphoristische Zeile zu: „vielleicht jeden Tag eine Brücke die nur einen Tag hält“. Dem sorgsam zusammengestellten Bändchen ist zu wünschen, daß es das Bewußtsein der Leser für die Notwendigkeit permanenter Brücken zwischen deutscher und tschechischer Kultur weckt. Klára Húrková konstruiert mit einem wunderschönen Gedicht solche Verbindungen zwischen Aachen und Prag: „Fremde Straßen / dienten meinem / unbeschwerten Gang / bis ich meine Stadt / wieder fand / Gepflasterte Marktplätze / dunkle Toreingänge / Tauben in den Gewändern / der Heiligen aus Stein…“ Klára Húrková, die zusammen mit Silke Klein die sensiblen Übersetzungen schuf, hat diese bemerkenswerte Edition auch mit fünf Grafiken bereichert.

Klára Húrková (Hg.): Schlüsselsammlung – Sbírka Klicú. Eine deutsch-tschechische Anthologie. Verlag Družstevní práce, Prag, 110 Seiten, 7 Euro. Zu beziehen über tschechische Buchhandlungen sowie über die Internet-Adressen www.obratnik.cz/dp/index.html und hurkova.de/schlussel.htm.

Erich Pawlu (KK)

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