Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1256.

Polemik ist gut, solange sie literarisch bleibt

Über den EU-Neuling Rumänien ist in letzter Zeit eine Vielzahl an Büchern erschienen, einige auch mit Bezug auf die dortigen Deutschen und ihre kulturellen Hinterlassenschaften. Letzteres verbindet sich fast immer mit Wehmut, da es offenbar nur noch um Vergangenes, ja Untergegangenes geht.

Eine 2007 erschienene Veröffentlichung von Ingmar Brantsch verfolgt einen anderen, zukunftsgerichteten Ansatz, der sich schon im Titel zeigt. Der 1940 im siebenbürgischen Kronstadt zur Welt gekommene Brantsch beginnt sein Buch mit einem lesenswerten Kapitel über die historischen Rahmenbedingungen der rumäniendeutschen Literatur nach dem Umbruch von 1989/90. Obwohl auch die Rumäniendeutschen mit einem Massenexodus fertigwerden mußten, zeigt sich die dortige deutschsprachige Literaturszene heute laut Brantsch erstaunlich lebendig.

Dabei kann sie auf einem reichen Erbe aufbauen, das auch die kommunistische Nachkriegszeit einschließt. In dieser von politischen Repressionen gezeichneten Ära gab es beispielsweise eigene Zeitungen wie den ab 1949 in Bukarest erscheinenden „Neuen Weg“ (einschließlich einer Literaturbeilage) oder zwischen 1949 und der Wende sogar eine deutschsprachige Lietarurzeitschrift, die zunächst als „Banater Schrifttum“ in Temeswar, dann als „Neue Literatur“ in Bukarest ein Organ des rumänischen Schriftstellerverbandes darstellte. Ein Selbstverständnis als eigenständige „fünfte deutsche Literatur“ neben jener der beiden deutschen Staaten, Österreichs und der Schweiz bildete sich heraus.

Ungewöhnlich und spannend werden Brantschs Ausführungen, wenn er auf die fast vollzählige Aussiedlung der Banater Aktionsgrüppler in die Bundesrepublik nach 1987 zu sprechen kommt. Der Verfasser kritisiert den Anspruch dieses Personenkreises, „die Deutungshoheit über das Schicksal der rumäniendeutschen Literatur“ zu besitzen, und deren Annahme, „die rumäniendeutsche Literatur sei mit ihrer Auswanderung zu Grabe getragen worden. (…) Außerdem betonten die Aktionsgrüppler mit ihrem Chefideologen Richard Wagner immer wieder (…), antirumäniendeutsch zu sein. (…) Die Aktionsgrüppler gaben sich als eine Art marxistische Märtyrer aus, ohne dass in den einschlägigen westlichen Publikationen, in denen ihre opferreichen ‚Heldenviten’ gefeiert wurden, auf ihre zahlreichen Staats- und Parteipreise, ihre Funktionsposten und sonstigen Privilegien (…) hingewiesen wurde.“ All diese ideologischen Irrwege und Verfälschungen wären für Ingmar Brantsch nach dem Untergang des Sowjetimperiums allerdings nicht so schlimm, hätten sie nicht das weithin propagierte „Vorurteil vom Untergang der rumäniendeutschen Literatur“ eingeschlossen.

Nach einigen Ausführungen über das kulturelle Gerüst der heimatverbliebenen Deutschen Rumäniens (Schulen, Zeitungen, Radio- und Fernsehprogramme, Theater) leitet der aus einer Lehrerfamilie stammende Verfasser zur Darstellung der heutigen Literaturszene über. Diese unterteilt er in drei Gruppen: die „Seniorengeneration“, die „mittlere Generation“ und die junge „Stafettengeneration“ (benannt nach einem Literaturkreis am Temeswarer Lenau-Gymnasium). Aus der ersten Gruppe ragt trotz seiner problematischen Biographie der bis heute bei Hermannstadt wirkende Eginald Schlattner heraus.

Ingmar Brantsch gebührt als Kenner der Szene der Verdienst, sie hierzulande mit einer Vielzahl von Zeitschriftenbeiträgen und vor allem mit dem neuen Buch ins Bewußtsein einer kleinen Öffentlichkeit gerückt zu haben. Den bisweilen sperrigen Stil und die häufigen inhaltlichen Wiederholungen wird der interessierte Leser deshalb ebenso in Kauf nehmen wie ausufernde Inhaltsangaben einzelner Werke oder kleinere sachliche Fehler, bei denen sich die Prägung des Autors durch seine lange Lebenszeit in Rumänien offenbart (etwa wenn er den konservativ-autoritären ungarischen Reichsverweser Nikolaus von Horthy als „Faschistenführer“ bezeichnet, obwohl der ehemalige Oberbefehlshaber der k.u.k. Flotte wegen seines beabsichtigten Frontwechsels im Herbst 1944 von deutschen Truppen zur Machtübergabe an die wahrhaft faschistischen „Pfeilkreuzler“ genötigt wurde).

An manchen Stellen mindert Brantschs fehlende Distanz zum Dargestellten den Aussagewert, etwa wenn seine Antipathie gegen Richard Wagner allzu deutlich hervortritt. Andererseits hat der biographisch bedingt gefühlsbetonte Zugang zum Thema auch Vorteile: So schildert der Verfasser, der vor seiner Aussiedlung Germanistik und Romanistik an der Universität Bukarest studiert hat, einige perfide Repressionsmittel des Ceausescu-Staates.

So wie Ingmar Brantsch schon damals nur sehr eingeschränkt bereit war, mit den Wölfen zu heulen, sperrt er sich heute mit diesem Buch konsequent gegen gängige Sprachregelungen und schließt mit seinen bis in die Gegenwart reichenden Ausführungen eine Informationslücke.

Martin Schmidt (KK)

Ingmar Brantsch: Das Weiterleben der rumäniendeutschen Literatur nach dem Umbruch. Geest-Verlag, Vechta 2007, 249 Seiten, 11 Euro

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