Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1306.

Politkriminalität, die zum Krimi nicht taugt

Flucht aus dem Ostblock als Thema am Heiligenhof

Fluchtgeschichten können spannend sein. Das hat sich erneut bewahrheitet auf einer dreitägigen Tagung in der Begegnungs- und Bildungsstätte Der Heiligenhof in Bad Kissingen, die als Akademie Mitteleuropa Brücken zwischen West und Ost baut. Eine Podiumsdiskussion zum Thema Flucht aus Rumänien und Jugoslawien hat rund 50 Tagungsteilnehmer in den Bann gezogen.

Als Peter Schuster aus dem siebenbürgischen Mediasch von den Prügelorgien spricht, denen er nach einem Ausbruch aus dem Temeswarer Gefängnis ausgesetzt war, muß er häufig Pausen einlegen. Beim Erzählen holt ihn das Geschehen von vor fast 55 Jahren immer wieder ein, sein Kinn beginnt zu zittern. Ins Gefängnis ist Schuster 1956 als 20jähriger gekommen, nach seinem zweiten Fluchtversuch, der an der rumänisch-serbischen Grenze am Ortsrand von Hatzfeld geendet hat. Ein dritter Fluchtversuch endet für Schuster in den Banater Bergen mit einer erneuten Festnahme und einer zweiten Verurteilung zu einer sechsmonatigen Gefängnisstrafe.

Seine Fluchtgeschichten sind Teil der Anthologie „Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas“, die vor kurzem in einem zweiten Band im Verlag Gilde und Köster erschienen sind. Das Buch war Grundlage für die Gesprächsrunde innerhalb der Bad Kissinger Tagung, die Herausgeber Johann Steiner moderierte. Beteiligt waren Dr. Klaus Schneider aus dem siebenbürgischen Stolzenburg, Horst Mayer aus Deutschbentschek im Banat und Lothar Hafer aus Altsadowa im Banater Bergland. Zum Unterschied von Schuster hatten die drei Glück, ihre spektakulären Fluchten waren von Erfolg gekrönt.

Anhand der Grenzbefestigung, die sich in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg ständig veränderte, zeigte Markus Meinke von der Universität Regensburg, daß es sowohl an der innerdeutschen als auch an der tschechischen Grenze kaum eine Chance gab, unversehrt in den Westen zu gelangen. Noch bevor die DDR-Grenze unüberwindbar wurde, sicherte die Tschechoslowakei ihre Westgrenze mit drei parallel verlaufenden Drahtzäunen und einer 5000-Volt-Leitung, die allerdings nicht dauernd unter Strom stand. Später sollte sich das ändern: Während die CSSR die Minenfelder räumte, ließ das DDR-Regime Minen verlegen.

Mit den Botschaftsbesetzungen durch DDR-Bürger im Jahr 1989 befaßte sich Dr. Wolfgang Mayer aus Erfurt. Mayer hat seine Dissertation zu diesem Thema geschrieben und darin auch eigene Erfahrungen einfließen lassen. Mit weiteren 17 Ilmenauern, darunter sechs Kindern, ist er noch vor den großen Botschaftsbesetzungen in Prag und Budapest in die dänische Botschaft in Ost-Berlin gegangen. Die Dänen begingen den Fehler, Stasi-Mitarbeiter in die Botschaft einzulassen, um die Besetzer wegzubringen. Gerade dieser Fehler sollte den Eindringlingen die Freiheit bringen. Nach einem Bericht in einer Berliner Zeitung nahm sich die dänische Presse des Falles an, so dass sich Honecker und seine Genossen genötigt sahen, sie nach und nach ausreisen zu lassen.

Dr. Georg Herbstritt vom Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen, berichtete über Fluchtversuche von DDR-Bürgern über Rumänien anhand von Geheimdienstakten. Er ging auf drei Versuche ein, die tödlich endeten.

Mit einer Lesung  aus dem Roman „Für einen Fingerhut Freiheit“ des aus Siebenbürgen stammenden Schriftstellers Dietfried Zink ging die Tagung zu Ende. Zink greift in dem Werk eine Fluchtgeschichte auf.
Das Buch „Die Gräber schweigen. Berichte von der blutigsten Grenze Europas“ kann erworben werden zum Preis von 22 Euro (einschließlich Versandkosten) beim Verlag Gilde & Köster, Am Wassergraben 2, 53842 Troisdorf, Telefon: 0175/6094431 oder 02246/2166, verlaggilde@web.de.

(KK)

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