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Ausgaben: Ausgabe 1265.

Polnisches Nachdenken und Gedenken in Breslau

Durch den bekannten schlesischen Autor Günter Elze wurde ich auf das Buch „Friedhöfe des alten Breslau“ von Marek Burak und Halina Okolska aufmerksam. Es erschien 2007 im Verlag des Breslauer Architekturmuseums, umfaßt 350 Seiten und wurde mit Förderung durch die Deutsche Sozialkulturelle Gesellschaft Breslau in die deutsche Sprache übersetzt.

Die Einleitung enthält selbstkritische Aussagen, die in selten deutlicher Weise die seit 1989/1990 völlig veränderte Wortwahl selbst offizieller Repräsentanten der Stadt dokumentieren. Wer schon vor der „Wende“ engere Beziehungen nach Breslau hatte, der weiß, daß eine objektive Sicht der Dinge oft nur hinter vorgehaltener Hand geäußert wurde. „1945 wurde die Stadt einer tieferen Tradition beraubt und fast der ganze siebenhundertjährige Eintrag Breslauer Bürger wurde durchgestrichen.“ Die etwas merkwürdige Formulierung erinnert mich an einen Ausspruch des damaligen Leiters von Interpress für Niederschlesien, der im Jahre 1974 im Angesicht des Breslauer Rathauses zu mir sagte: „Und da gibt es Patr-Idioten, die wollen siebenhundert Jahre ausradieren.“ In der erwähnten Einleitung wird der erste Vizepräsident Breslaus nach der Wende, Krzysztof Turkowski, zitiert, der bereits 1993 während eines Symposiums im Breslauer Architekturmuseum sagte: „Ich bin hier als Vertreter der Behörden einer Stadt, die eine reiche und sehr traurige Geschichte ihrer Friedhöfe hinter sich hat. Und in dieser Geschichte geschahen Dinge, für die ich den betroffenen Nationen Worte der Entschuldigung schuldig bin. Wenn wir es anderen übel nehmen, wie sie mit dem Friedhof Rossa in Wilna, mit den Friedhöfen in Lemberg und in Ortschaften der früheren polnischen Ostgebiete umgegangen sind, so müssen wir die Familien derer um Verzeihung bitten, deren Gräber auf brutalste Art und Weise in meiner, in unserer Stadt eingeebnet wurden. Seit Jahrhunderten setzten hier Deutsche und Juden ihre Toten bei. (…) Es tut mir leid, daß polnische Friedhöfe in Breslau dort entstanden, wo Verstorbene ihre letzte Ruhestätte gefunden hatten, und diese Stätten hätte man nie anrühren sollen. Für Betroffene ist es nicht wichtig, ob die Zerstörung das Werk von Plünderern war oder von den damaligen Behörden so verordnet wurde. Die Verantwortung belastet uns als hiesige Gemeinschaft. Und aus diesem Grunde müßten Worte des Bedauerns und die Bitte um Verzeihung ausgedrückt werden.“ Dem ist wohl nichts hinzufügen.

Ich frage mich, warum solche Stimmen 1993 in Deutschland nicht bekannt wurden. Oder sollte ich es damals überlesen haben?

Sigismund Freiherr von Zedlitz (KK)

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